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22/12/2015 12:11 CET | Aktualisiert 22/12/2016 06:12 CET

Wenn die besinnlichste Zeit des Jahres zum Stressfaktor wird

Travelpix Ltd via Getty Images

Neulich war ich mittags in der Stadt. Ich packte am Gemüsestand auf dem Wochenmarkt gerade meine Einkäufe ein, als eine Frau, die älter als ich aussah, an den Verkaufsstand kam.

Der Verkäufer, ein alter, freundlicher Mann, begrüßte sie mit "Hallo, junge Frau". Sie fauchte ihn an: "Ich kann das nicht mehr hören. Lächerlich." Er zuckte betrübt mit den Schultern und erwiderte: "Ich bin schon 82 und sage das mein ganzes Leben lang. Was soll man denn sagen?"

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Ich sagte, dass ich mich immer freue, wenn ich auf dem Markt noch so angesprochen werde. Die griesgrämige Frau regte sich weiter auf, von wegen "Hallo" würde reichen und was der Quatsch soll. Dann wandte sie sich einem anderen Verkäufer zu.

Die Adventszeit, eine besinnliche Zeit?

Nachdenklich ging ich weiter. Warum sind in der Adventszeit, die ja eigentlich besinnliche Zeit heißt, viele Leute so genervt und empfindlich und treten anderen auf die Füße? Was macht dieser tägliche Arbeitsstress bloß aus uns? Warum überall dieses Gemeckere und Geschimpfe? Bin ich auch schon unausstehlich geworden? Tief in Gedanken versunken komme ich zu dem kleinen Bioladen.

Das ist so eine Art Tante Emma Laden. Da sind die Leute noch freundlich und man unterhält sich mal kurz. Vor dem Laden steht eine kleine, alte, feine Dame. Ihr Anblick sticht mich ins Herz. Vom Sehen kenne ich sie seit einigen Jahren, gesprochen habe ich mit ihr persönlich noch nie. Ich weiß nur, was man in dem Laden so hört.

Sie kam immer in Begleitung eines großen, alten Herrn. Ein Mann in stattlicher Erscheinung, so ein richtiger Kavalier, wie es sie heute kaum noch gibt. Er kümmerte sich liebevoll um die Freundin seiner verstorbenen Frau.

Die beiden gingen zusammen einkaufen, spazieren und machten sich oft einen schönen Tag. Neulich habe ich dann gehört, dass der alte Herr ganz plötzlich gestorben ist. Ich konnte das gar nicht glauben, er wirkte doch noch so gesund. Seitdem hatte ich die feine, alte Dame nicht mehr gesehen. Jetzt stand sie da, so einsam, verlassen und alleine und so schrecklich traurig.

Ich weiß gar nicht, wie das passiert ist. Ich ging auf sie zu und sprach sie an. Sie fasste meine Hand mit ihren beiden zarten Händen und drückte meine Hand ganz fest und lange. Sie weinte und war so dankbar für meine wenigen Worte.

Ich spürte Tränen in mir aufkommen und dachte daran, wie sehr ich meine alte Nachbarin vermisse, die im Sommer gestorben ist. Sie hat mich immer an meine Oma erinnert. So viele Menschen habe ich schon verloren.

Mich hat das den ganzen Tag nicht mehr losgelassen.

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