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28/09/2015 11:49 CEST | Aktualisiert 28/09/2016 07:12 CEST

Bock fahren in der Hippiezeit

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Fortsetzung zu: Zickereien in der Hippiezeit

10. Mai 1973 !!!

Ich habe Geburtstag!

Es ist 5.30 Uhr!

Alle schlafen noch!

Ich bin 16 !

Ich bin 16 !

Ich bin 16 !

Jetzt darf ich rauchen, mit einem Jungen schlafen und vieles mehr! Ich bin 16! Da liegt es, das rote Paket, das Babsy mir gestern Abend gegeben hat. Ich habe versprochen, es erst heute zu öffnen. Was mag wohl drin sein? Ich stehe auf, ich packe es aus, es ist - es ist ein süßer weiß-brauner Esel und viel, viel Kaugummi (gutes Mittel zum Rauchen abgewöhnen). Danke, Babsy, danke. Jetzt versuche ich, noch etwas zu schlafen. Ich bin 16!

Babsy, Gerda und Moni kommen heute Abend. Ma und Pa sind nicht da (irgendeine Hochzeit), wir können Tutti machen! Viele, viele Geschenke! Geburtstag ist was Feines. Ich bin vielleicht happy!

Es war ein sehr schöner Abend. Wir haben bis 22.00 Uhr gesoffen. Einen Kasten Bier. Wir sind ziemlich besoffen. Ich geh' jetzt pofen, it was a wonderful day, thank you very much, God.

Moni liegt im Krankenhaus in unserer Kreisstadt. Blindarm! Ich werde sie gleich besuchen, Babsy kommt nicht mit. Sie trifft sich mit ihrem neuen Freund, Mick, 19, soll gut aussehen. Moni geht übrigens immer noch mit diesem schrecklichen Werner. Sie hat mir gesagt, dass sie mit ihm schläft, wie kann sie nur?

Ich bin zum ersten Mal auf'm Bock gefahren! Es war ein herrliches Gefühl. Ich war so glücklich! Ich darf mich nicht in ihn verlieben.

Bis halb neun war ich bei Moni und ging dann zur Bushaltestelle. Ich stand da 'rum und wartete auf den Bus, doch siehe, der blöde Bus was machte er? Er kam nicht. Ich sah also schließlich auf den Fahrplan und wurde geschockt.

Neuer Fahrplan, letzter Bus 20.27 Uhr. Ich denk' mich kriegen sie. Ich hatte noch ganze 10 Pfennig bei (für den Bus hätte ich ja meine Schülerkarte benutzen können). Trampen wollte ich nicht. Was sollte ich tun? Ratlos stand ich da 'rum. Da fiel mir Geli ein, ein Mädchen aus meiner Klasse.

Ich ging zu ihr und berichtete mein Missgeschick. Sie wusste Rat. Ihr Bruder hatte Besuch. Der Typ heißt Rainer, 17, sieht sehr süß aus, hat eine 750er Honda. Geli fragte den. Und? Er brachte mich nach Hause. Zuerst sah er mich von oben bis unten an und dann sagte er: „Komm." Peinsam, peinsam.

Ich sagte ihm, dass ich Angst hätte und nicht wüsste, wie ich mich festhalten sollte und so. Er lachte: „An mir natürlich." Ich stieg auf und fasste ihn leicht an. Er sagte: „Besser ganz 'rum." Das tat ich dann auch. Bock fahren ist wunderschön!

Manchmal sprachen wir miteinander und dann wieder fuhr er ganz schnell und ich musste mich fast auf ihn drauflegen. Einmal machte er eine kurze Pause. Meine Befürchtungen wurden nicht wahr. Er meinte nur, dass es so kalt wäre und wie ich es fände. „Toll", sagte ich. „Und kalt ist mir gar nicht. Du bist ja warm." Er lachte.

Dann fuhren wir weiter. Bis zum Bahnhof in unserem Dorf. Da sagte ich, dass ich absteigen wollte. Ich stieg ab und schüttelte meine Mähne. Er stieg ab, setzte seinen Helm ab und sagte: „Siehst wild aus." „Ich mach' mich schon schön," sagte ich und bürstete meine Haare.

Er sah mich immerzu an und ich fragte: „Wie soll ich bloß meine Haare auseinander kriegen?" Er lachte und fragte, wie ich heiße. Ich sagte es und: „Ich geh' jetzt, ja? Ich bin schon so wahnsinnig spät dran. Ich danke dir." Da wolltest du mich küssen, deine Lippen waren so nah, aber ich dachte: „Wenn du mich magst, kannst du auch bis morgen warten." Ich glaube nicht, dass du mich magst, ich bin ein Mädchen wie jedes andere ...

Ich drehte also meinen Kopf weg, ich weiß nicht, ich glaube du hast mich umarmt, und sagte: „Bitte nicht, darum bin ich doch nicht getrampt." Du nicktest und gingst zurück zu deiner tollen Honda. Ich fragte: „Bist du mir jetzt böse?" Du lachtest: „Nein."

Ich weiß nicht, ob dein Lachen echt war. Dann fuhrst du weg. Ich drehte mich um und sah dich an, du drehtest dich um und sahst mich an. Ich wollte die Lippen zum Kuss formen, aber ich hab' mich nicht getraut. Dann sah ich dir nach, bis ich dich nicht mehr sah.

Auf dem Bock war ich so glücklich! Ich klammerte mich an dich und dachte: „Wenn du doch mein Freund wärst." Vielleicht hast du ja eine Freundin, ich darf also gar nicht von dir träumen. Ich möchte so gerne mit dir gehen. Ich glaube, mich hat's erwischt.

Ich habe Rainer heute gesehen! Er fuhr auf seinem Bock an mir vorbei, sah mich und hob die Hand. Wenn er sauer auf mich wäre, hätte er mich doch nicht gegrüßt, oder?

Gestern habe ich erfahren, dass Rainer eine Freundin hat. So schnell, wie die Liebe kam, so schnell ging sie wieder. Ich bin nicht mehr verliebt.

Es ist wieder alles so leer. Rainer habe ich längst vergessen. Ich habe mit Babsy über ihn gesprochen. Sie sagte: „Es ist doch besser, dass du nicht mit ihm gehst. Du siehst doch, er wollte seine Freundin betrügen." Ja, da hat sie recht. Aber ist betrügen wirklich so schlimm? Doch! Ich habe mit Mani Schluss gemacht, weil ich - ich, nicht umgekehrt, ihn betrogen habe. Betrügen ist etwas Gemeines.

Es gibt nächste Woche schon wieder Zeugnisse. Ich werde in Franz eine Fünf kriegen, fürchterlich! Ich werde in den Sommerferien in einer Kunststofffabrik arbeiten, um etwas Geld zu verdienen.

(Fortsetzung folgt)Teenager in der Hippiezeit - Folge verpasst?

In meinen anderen Geschichten geht es um Liebe, Schuld, Seelenschmerz, Sehnsucht, Verzweiflung und Verantwortung.

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