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06/02/2017 09:37 CET | Aktualisiert 07/02/2018 06:12 CET

Warum ich mein Kind nach Herzenslust verwöhne

Thanasis Zovoilis via Getty Images

Mittagszeit.

Ich habe gekocht, das Essen steht auf dem Tisch, die Küche ist bereits aufgeräumt.

Das Kind ist beim Händewaschen, ich bringe noch Besteck und Gläser. Ach ja, Streukäse vergessen. Nochmal zurück in die Küche.

Dann endlich kann ich mich auch setzen und mich auf mein Mittagessen freuen.

Kind kommt ins Esszimmer, checkt die Lage am Tisch und meint trocken:

"Ach Mama, wo Du schon sitzt, kannst Du mir bitte ein Glas Milch aus der Küche holen?"

Mein Lieblingsspruch!

Weil ich tatsächlich aufgestanden bin.

Ich hab in mich reingekichert ob der Unlogik der Aussage und hab ihm ein Glas Milch geholt.

Obwohl eine Karaffe Wasser und mehrere Trinkgläser am Tisch standen, obwohl ich schon saß und er noch stand, obwohl mein Essen ausnahmsweise noch warm war.

Bin ich aufgestanden und habe meinem Kind ein Glas Milch eingeschenkt und es ihm an den Tisch gebracht.

Es gibt sicher Eltern, die hier schon einhaken und sagen: Das gibt's bei uns nicht. Ich bin doch nicht der Diener meines Kindes!

Okay, ich war super drauf an diesem Tag, entspannt und ausgeglichen. Da fällt es einem nicht ganz so schwer, jemandem mal einen Gefallen zu tun.

Andere, eher klassische, sprich: regelmäßig vorkommende Situation:

Kind sitzt bequem auf der Couch, Kekse zum Futtern, Laptop zum Videosgucken, alles in Reichweite. Nur dieses blöde Glas Milch steht ungefähr eineinhalb Zentimeter außerhalb der Zone, in der das Kind alles erreichen kann, ohne den Arm auszustrecken.

Mehr zum Thema: Was mit Kindern passiert, die von ihren Eltern verwöhnt werden

Ich sitze derweil ungefähr vier Meter außerhalb obengenannter Zone am Esstisch und erfreue mich an einer (noch!) warmen Tasse Kaffee - oder versuche es zumindest - und höre einen verzweifelten Ruf aus Richtung Couch.

„Mamaaa, gibst Du mir mal meine Miiiilch?"

Verdammt, denke ich, ich dachte, ich hätte sie ihm schon hingestellt. Stehe auf, schaue mich suchend um, ob ich die Milch vielleicht in der Küche hab stehen lassen, aber nein... die Milch steht, wie oben bereits erwähnt, auf dem Couchtisch. Ungefähr eineinhalb Zentimeter außerhalb der Zone, in der das Kind...

Ich bin doch nicht der Diener meines Kindes

Das ist jetzt nicht sein Ernst!, denke ich weiter, während ich schon unterwegs Richtung Couch bin um das gewünschte Glas ungefähr drei Zentimeter weiter zu tragen - in seine geöffnete Hand. Auch hier wieder: es gibt sicher Eltern, die hier einhaken und sagen: Also nö! Geht gar nicht! Ich bin nicht der Diener meines Kindes!

Eine dritte Situation, diesmal im Supermarkt, diesmal in Anwesenheit anderer Menschen, inklusive Einmischung von außen.

Die Person, die mit uns einkaufen ist, möchte, dass mein Sohn eine Packung Nüsse zurück ins Regal stellt, weil sie eine Packung zu viel genommen hatte. Mein Sohn schaut mich an und fragt: Mama, kommst Du mit?

Ohne darüber nachzudenken nehme ich seine ausgestreckte Hand und will mit ihm mitgehen, als mir besagte Hand weggerissen wird und die Person, die mit uns einkaufen ist, bestimmt: Nein, das macht er jetzt mal alleine.

Okay. Er schaut mich zweifelnd an, geht aber trotzdem los und schafft es, die Nüsse ins Regal zurückzustellen. Allein.

"Siehst Du, Du nimmst ihm viel zu viel ab. Jetzt hat er das Gefühl, etwas alleine geschafft zu haben und kann stolz auf sich sein. Du hemmst seine Entwicklung, wenn Du alles für ihn tust.

Dass er nur wollte, dass ich mitkomme, hat sie nicht gehört. Er sagte dann zu mir: "Ich wollte nur, dass Du mitkommst, weil ich dachte, ich komme nicht ran."

Kompetentes Kind. Kann um Hilfe bitten, kann Nüsse allein ins Regal zurückstellen.

Kann sagen: "Das mach´ich alleine. Weil ich es kann." Kann aber auch sagen: "Du, hilfst Du mir?"

Ich habe es einfach gern getan. Aus reiner Nächstenliebe.

Nicht so verkehrt, oder?

Was diese drei Situationen gemeinsam haben?

Nun, in allen drei Situationen "springe" ich, wenn mein Kind ruft.

Aus mehreren Gründen.

In Situation A tue ich etwas, was heutzutage als reines Verwöhnen bezeichnet wird. Es ist okay, finde ich. Ich hatte die Ressourcen, er hätte nichts "dazugelernt", wenn ich es nicht getan hätte.

Ich habe es einfach gern getan. Aus reiner Nächstenliebe.

Nicht so verkehrt, oder?

In Situation B ist es ähnlich. Es hört sich nur verrückter an. Ich hätte durchaus auch sagen können: Schau mal, Schatz, die Milch steht direkt neben Dir, ich müsste so weit laufen....

Aber ich habe es nicht gesagt. Weil ich still vermute, dass mein Sohn irgendeinen guten Grund hat, mich um so etwas Abstruses zu bitten.

Und weil ich weiß, dass er wahrscheinlich einfach nicht daran denkt, dass es für mich größerer Aufwand wäre als für ihn selbst. Ihm ist jetzt wichtig, dass er den Aufwand nicht hat und deshalb ist er so frei, mich darum zu bitten.

Ich bin sicher, er hätte sich die Milch selbst rangerückt, wenn ich ihm glaubhaft versichert hätte, dass ich das jetzt auf keinen Fall tun kann. Aber was hätte ich für Gründe gehabt, es nicht zu tun? Dass mein Kaffee kalt wird?

Gut, mütterlicher Kaffee hat das so ein bisschen an sich, aber wegen einer halben Minute?

Dass meine beiden Beine gebrochen sind? Ne, das war hier gerade nicht der Fall. Dass ich keine Lust habe? Ja, das stimmt.

Was heißt verwöhnen?

Ab und zu habe ich keine Lust, Zeit und Energie aufzuwenden für etwas, das mein Kind selber schneller lösen könnte. Aber Rationalität und Unlust stehen für mich erst an zweiter Stelle. An erster Stelle steht Liebe.

Ja, ich mach das gern für Dich. Weil ich Dich liebe. Weil ich Dich verwöhnen will. Wer von uns wird nicht gerne verwöhnt? Was ist verwöhnt werden? Etwas bekommen, was man nicht unbedingt braucht, sich aber wünscht. Schööööön.

In Situation C, die im Supermarkt, springe ich automatisch.

Einem Kind helfen heißt nicht, einem Kind etwas abzunehmen.

Wenn mein Sohn mich bittet, mitzukommen und absolut nichts dagegen spricht, komme ich natürlich mit. Ich weiß ja nicht, warum er meine Hilfe braucht. Das hätte ich dann sehen können, wenn ich mit ihm zu besagtem Regal gekommen wäre. Oder er hätte es mir gesagt, oder, oder...

Einem Kind helfen heißt nicht, einem Kind etwas abzunehmen. Ich hätte nicht die Nüsse ins Regal gestellt. Ich hätte ihn wahrscheinlich hochgehoben, damit er die Nüsse ins Regal stellen kann.

Und für alle, die sich wünschen, dass Kinder aus jeder Eltern-Kind-Interaktion etwas lernen: er hätte hier lernen können, dass es Lösungen für alle Probleme gibt und dass es völlig in Ordnung ist, wenn man um Hilfe bittet. Ich finde das super kompetent! Wer von Euch schafft es, ungeniert jemanden um Hilfe zu bitten? Ein Skill, das heute immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Es gibt natürlich auch andere Momente - die Momente, in denen ich nicht springe.

Wenn er z.B. einen Satz Lego aufbaut und vorsorglich ruft: "Mamaaaaa, ich brauch mal Deine Hilfe!" Ich sage: "Gleich!" und schreibe noch in Ruhe den Absatz zu Ende.

Und noch ehe ich im Zimmer bin, ruft er auch schon: "Ach, ich habs selber rausgefunden."

Es ist inzwischen also auch nicht verkehrt, einfach mal ein paar Minütchen zu warten. Weil das Kind gelernt hat, dass man auf Problemlösungen auch selber kommen kann.

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Gelernt wodurch?

Durchs Zeigen. Schau, ich helfe Dir, indem wir zusammen nach einer Lösung suchen.

Wir fassen also zusammen:

Ich helfe aus Liebe.

Ich helfe, weil ich es kann.

Ich helfe, weil ich mein Kind verwöhnen will.

Ich helfe, weil mein Kind so lernen kann, sich selbst und anderen zu helfen und andere um Hilfe zu bitten.

Im Moment sitze ich am Balkon und schreibe. Neben mir habe ich ein Glas frisches Wasser und eine Tüte Bananenchips. Lecker. Die Sonne scheint, es ist wunderbar warm und die Vögel zwitschern. Schön! Was will man mehr?

Da kommt mein Sohn zu mir, und stellt einen Teller Kekse und ein Glas Milch auf den Tisch.

"Darfs noch was sein, Meister?", fragt er grinsend. Und dann muss er leider für eine Knuddelattacke meinerseits herhalten. Tolles Kind!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf nestkinder.

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