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22/02/2016 07:37 CET | Aktualisiert 22/02/2017 06:12 CET

Warum hasst ihr uns so?

ASSOCIATED PRESS

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Saudi-Arabien hat meine Welt umgekrempelt. Kurz nachdem meine Familie in Dschidda angekommen war - ich war damals 15 -, wollte ich zum ersten Mal ein Kopftuch tragen. Religion war allgegenwärtig.

Das "Komitee zur Förderung der Tugend und der Verhinderung des Lasters", so lautet der offizielle kafkaeske Titel der Sittenpolizei oder Mutawwa beziehungsweise Haia, drängte Ladeninhaber und Käufer gleichermaßen, sich den Gebeten an zuschließen, und machte Jagd auf Frauen, die sich nicht ordentlich verschleiert hatten.

Das alles schützte mich natürlich nicht vor lüsternen männlichen Blicken und Händen. Ich brauchte etwas, um mich zu verteidigen, und ich nahm an, der Hidschab werde mich schützen. Als ich meinen Eltern von meiner Entscheidung berichtete, meinten sie, ich sei zu jung für den Hidschab und solle noch etwa ein Jahr warten.

Knapp einen Monat nach unserer Ankunft in Dschidda gingen wir zur Hadsch, also zur Pilgerfahrt nach Mekka, die eine der fünf Säulen des Islam bildet. Bis dahin kannte ich Mekka, die Geburtsstätte des Islam mit der Kaaba - dem Kubus, dem sich Muslime fünfmal am Tag im Gebet zuwenden -, nur von Bildern im Wohnzimmer von Verwandten oder Freunden.

Die Reise war die erste Gelegenheit, zu der ich, abgesehen von den Gebetszeiten, einen Schleier trug. In meinen weißen Pilgerkleidern sah ich aus wie eine Nonne.

Das alles schützte mich natürlich nicht vor lüsternen männlichen Blicken und Händen.

Ein Ritual mit Schrecken

Eines der ersten Rituale der Pilgerreise ist der Tawāf, die Umkreisung der Kaaba, um dem heiligen Ort seine Ehrerbietung zu erweisen und seine Absicht zu signalisieren, den Hadsch auszuführen.

Wenn man von oben zuguckt, wie Hunderttausende muslimische Männer und Frauen um die Kaaba laufen, hat man den Eindruck einer riesigen Drehscheibe, so atemberaubend gleichmäßig ist die Bewegung.

Man soll die Kaaba sieben Mal umkreisen, und als ich sie langsam umschritt und gemeinsam mit meiner Familie Gebete sprach, also einen Moment von großer Bedeutung und Heiligkeit erlebte, spürte ich auf einmal eine Hand auf meinem Hintern.

Plötzlich spüre ich eine Hand auf meinem Hintern

Ich war noch nie vorher von einem Mann an diesem (oder irgendeinem anderen) Körperteil berührt worden. Ich konnte nicht wegrennen, und selbst wenn ich den Mut dazu gehabt hätte, hätte ich es nicht geschafft, mich umzudrehen, um den Mann anzusehen, der mich da begrapschte, denn es war furchtbar eng.

Ich konnte nicht in Worte fassen, was mit mir geschah. Ich konnte nicht begreifen, wie man an diesem heiligen Ort, dem wir uns alle beim Gebet zuwenden, auf die Idee kommen konnte, mir die Hand auf den Hintern zu legen und sie dort zu lassen, bis ich mich wegdrehen konnte. Aber dieser Mann war hartnäckig. Immer, wenn ich mich frei gemacht hatte, fasste er erneut nach mir.

Ich brach in Tränen aus, denn das war das Einzige, was ich tun konnte. Ich wagte nicht, meinen Eltern die Wahrheit zu sagen, also behauptete ich, die Menschenmassen würden mir zu sehr zusetzen.

Wir gingen dann in die Große Moschee und setzten den Tawāf eine Etage höher fort. Anschließend gingen wir wieder nach unten zur Kaaba, um den schwarzen Stein zu küssen, wie es ein weiteres Pilgerritual vorschreibt.

Kein Mensch ist ohne Sünde

Muslime lernen, dass der Stein einst durchsichtig und weiß war, mit der Zeit aber seine paradiesische Gestalt verlor und durch die Sünden der Menschheit befleckt wurde. Meine Mutter und ich mussten warten, bis die Frauen an die Reihe kamen.

Ein saudischer Polizist signalisierte den Männern, sie sollten warten, bis wir den Stein geküsst hätten. Als ich mich zum Stein beugte, fasste eben dieser Polizist an meine Brust. Wie beiläufig. Während meiner Jahre in Saudi-Arabien und Ägypten musste ich erfahren, dass die meisten Männer sich auf diese Weise nähern.

Sie machen sich so verstohlen an unsere Körper heran, dass du am Ende an deinem eigenen Verstand und deinem Ekel zweifelst und dich fragst, ob sich da eben wirklich Finger unter deinen Sitz im Bus geschoben haben oder deinen Hintern gestreift haben, während der Mann, zu dem die Hände gehören, in die andere Richtung schaut.

Ich brach in Tränen aus, denn das war das Einzige, was ich tun konnte.

Wenn ein Polizist neben der Kaaba in Mekka mir an die Brust fasste, welche Chance hatte ich dann, mich zu beschweren und zu verlangen, dass etwas dagegen getan würde? Schweigen und Scham sind schnell gelernt.

Wenn ein Polizist, der den Männern sagt, sie sollen warten, damit die Frauen ungestört den Stein küssen können, mich dort, gleich neben der heiligsten Stätte der Moslems, betatscht, welche Chance habe ich, haben andere Frauen dann, gegen die Übergriffe auf unsere Körper aufzubegehren?

Ein Schrecken ohne Ende?

Es dauerte Jahre, bis ich darüber sprechen konnte, dass ich bei der Hadsch sexuell belästigt worden war. Ich schwieg nicht nur aus Scham, sondern auch, weil ich das Ansehen von Muslimen nicht schädigen wollte. Selbst heute, da ich das Erlebte kundtue, wirft man mir vor, ich hätte mir das alles nur ausgedacht oder ich wolle den Islam in Verruf bringen.

Doch mir haben mehrere Frauen von ähnlichen Übergriffen während der heiligen Rituale berichtet. Wie viel weniger wahrscheinlich wären diese Übergriffe auf unsere Körper, wenn all die Energie, die in das Bemühen gesteckt wird, uns zum Schweigen zu bringen, in die Verfolgung der Männer investiert würde, die uns begrapschen!

In Dschidda bestellten wir eines Abends ein Schwarztaxi für unseren wöchentlichen Lebensmitteleinkauf. Der junge Mann, der uns zum Einkaufszentrum fuhr, wollte unbedingt dort warten, um uns auch wieder nach Hause zu bringen.

"Onkel, ich möchte um die Hand Ihrer Tochter bitten", sagte der Fahrer, der etwa Mitte 20 war, auf dem Rückweg zu meinem Vater, der auf dem Beifahrersitz saß. "Aber sie ist fünfzehn." Auf der Rückbank bemühten meine Mutter, mein Bruder und ich uns, nicht loszulachen. "Das macht nichts. Ich möchte sie trotzdem heiraten." "In unserer Familie heiratet niemand, bevor man nicht seinen Universitätsabschluss hat, mein Sohn." "Ist gut. Ich warte auf sie."

Zu Hause lachten wir, obgleich die Antwort "Das macht nichts" auf die Information "Sie ist fünfzehn" sicher nicht witzig gemeint war. Einige Zeit später sprach mich ein viel älterer Mann an, als ich mir die Anschlagtafel in einem Supermarkt ansah, während meine Eltern noch bezahlten, und fragte mich, ob ich allein sei.

Nachdem ich meinen Eltern davon erzählt hatte, durfte ich nirgendwo mehr allein hingehen. Mein Bruder musste mich immer begleiten - eine frühe Lektion in der Einschränkung weiblicher Bewegungsfreiheit, und zwar zum "Schutz" der Frauen.

Als wir zum zweiten Mal zur Hadsch gingen, gab mein Verstand nach, und mein Körper verlangte sehnsüchtig nach Unsichtbarkeit. Ich hatte das Gefühl, in Saudi-Arabien sei alles harām, verboten.

Ich rutschte in die erste von mehreren Depressionen: Ich hatte den Eindruck, verrückt zu werden. Also schloss ich einen Pakt mit Gott: Alle sagen, eine gute Muslimin bedeckt ihr Haar, also will ich mein Haar bedecken, wenn Du dafür meinen Verstand rettest. Ich beschloss, ein Kopftuch zu tragen, und dieses Mal akzeptierten meine Eltern meine Entscheidung.

Wenn ein Polizist mir an die Brust fasste, welche Chance hatte ich dann, mich zu beschweren?

Ich musste aber feststellen, dass mich der Hidschab nicht unsichtbar machte. Ich hatte beschlossen, meinen Körper zu verstecken - so wie sich manche Teenagerinnen, denen die männliche Aufmerksamkeit bewusst wird, in weite Kleidung flüchten.

Doch meine Kleider schützten meinen Körper nicht vor Männern, die ihre Hände nicht bei sich behalten konnten. Wenn ich mit Farbe markieren würde, wo überall ich ohne meine Einwilligung betatscht, begrapscht oder gepackt wurde, auch während ich den Hidschab trug, wäre mein gesamter Rumpf vorne und hinten lückenlos bemalt.

Obwohl das Leben in Saudi-Arabien mich zu dem Entschluss zwang, ein Kopftuch zu tragen, legte ich es nicht so oft an, wie man vielleicht denken könnte. Denn es ist nach der mehrheitlichen Meinung der Gelehrten nur dann nötig, sich zu bedecken, wenn Männer anwesend sind, die nicht zur Verwandtschaft gehören (obgleich diese Interpretation, wie oben erwähnt, angefochten wird).

Durch die Geschlechtertrennung in der Schule verbrachte ich den Großteil des Tages in der Gesellschaft anderer Frauen und konnte also unverschleiert bleiben. Wenn ich aber in den Ferien mit meiner Familie nach London zurückkehrte, ergab sich - zumindest nach den Regeln, denen ich mich unterworfen hatte - beinahe immer die Notwendigkeit, ein Kopftuch anzulegen.

Ich trug meinen Hidschab fast den ganzen Tag und hatte irgendwann das Gefühl, darin keine Luft mehr zu bekommen. Er zog mir am Hals, ich kam mir eingeengt und eingesperrt vor, und ich vermisste, dass mir der Wind durchs Haar strich.

Wenn ich Fotografien von mir aus dieser Zeit betrachte, sehe ich ein Mädchen, das von der Welt abgeschnitten ist, so, als würde sein Kopftuch seine Traurigkeit festhalten.

Der Beitrag basiert auf dem Buch Warum hasst ihr uns so?

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208 Seiten, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-492-05607-6

Frauen in islamischen Ländern bleiben Menschen zweiter Klasse - solange es nicht eine echte Revolution gibt. Zu ihr ruft Mona Eltahawy in ihrem weltweit beachteten Manifest auf. Sie ist durch islamische Länder von Nordafrika bis in den nahen Osten gereist, hat die Lebensgeschichten von Frauen unterschiedlichster Herkunft aufgeschrieben. Eltahawy will das "giftige Gebräu aus Religion und Kultur" unschädlich machen, das die ganze islamische Welt durchtränkt.

Newsweek hat Eltahawy bereits 2012 zu einer der furchtlosesten Frauen der Welt gewählt, weil sie trotz physischer und psychischer Bedrohung ihren Kampf für die Muslimas in aller Welt fortsetzt. Die Unterdrückung wird immer brutaler, das wird in Eltahawys Buch deutlich. "Der Westen" kann nicht länger zusehen, wie Menschen im Namen Allahs misshandelt, ausgebeutet, rechtlos gehalten werden - nur weil sie Frauen sind.

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