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17/02/2016 09:35 CET | Aktualisiert 17/02/2017 06:12 CET

Trauriger Alltag: Sexuelle Belästigungen im Nahen Osten

ASSOCIATED PRESS

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Beinahe 100 Prozent der ägyptischen Frauen und Mädchen geben an, sexuell belästigt zu werden. Ein Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahre 2013 nennt den genauen Anteil von 99,3 Prozent, aber meine Freundinnen und ich witzeln gerne, die verbleibenden 0,7 Prozent hätten wahrscheinlich ihr Handy abgeschaltet gehabt, als die Umfrage gelaufen sei.

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Bevor sie das Haus verlässt, wappnet sich jede mir bekannte Frau für den Hindernislauf aus Beleidigungen, grapschenden Händen und Schlimmerem, der sie auf den Straßen erwartet, die sie zur Schule, zur Universität oder zur Arbeit nehmen muss. Derselbe UN-Bericht gibt an, dass etwa 96,5 Prozent der ägyptischen Frauen erwünschten Körperkontakt hatten. 95,5 Prozent trafen verbale Attacken.

Traurige Wahrheit im Jemen

In Jemen hat die Aktivistin Amal Basha eine Studie veröffentlicht, die bestätigt, dass 90 Prozent der Jemenitinnen Opfer von Belästigungen geworden sind, wobei Kniffe am häufigsten vorkamen.

"Die Religionsführer geben immer den Frauen die Schuld und lassen sie in ständiger Angst leben, weil sie da draußen jemand verfolgt", sagte Basha gegenüber Associated Press. Wenn in Jemen ein sexueller Übergriff gemeldet wird, so Basha, greifen die traditionellen Führer ein, um die Tat zu vertuschen, Beweise zu vernichten oder das Opfer zu terrorisieren. Dabei darf man nicht vergessen, dass beinahe alle Frauen in Jemen von Kopf bis Fuß verhüllt sind.

Bevor sie das Haus verlässt, wappnet sich jede Frau für den Hindernislauf aus grapschenden Händen und Schlimmerem.

Ich würde niemals die Kleidung einer Frau mit ungewolltem Körperkontakt oder Beschimpfungen in Verbindung bringen - genau das tun aber unsere konservativen Gesellschaften. Das ungewöhnlich hohe Vorkommen von Belästigungen in Jemen straft jene konservativen Lügen, die behaupten, Frauen würden Übergriffe provozieren, indem sie sich "unsittsam" kleiden.

In Tunesien, das als gesellschaftlich fortschrittlicher gilt als andere Länder der Region, können Gesetze nur wenig gegen sexuelle Belästigung ausrichten. Es sind dieselben kulturellen Kräfte am Werk: das Tabu sich öffentlich zu äußern, die Jungfräulichkeitsmanie und die Beschuldigung der Opfer.

Obgleich Tunesien 2004 ein Gesetz gegen sexuelle Belästigung erlassen hat, beklagen Aktivisten, dass es dabei den Frauen obliegt, zu beweisen, dass diese Übergriffe regelmäßig vorkommen. Zudem ist das Gesetz von einer moralisierenden Sprache durchsetzt, mit der die "Verletzung der guten Sitten" angeprangert werden soll.

In Algerien wurde 2012 das erste Urteil wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gesprochen. Es wurde als wichtige Botschaft an die algerischen Frauen gefeiert, die nun Gerechtigkeit fordern konnten. Doch der Beschuldigte, eine Führungskraft Mitte 70 bei einem Fernsehsender, bekam nur eine sechsmonatige Bewährungsstrafe und musste 200 000 Dinar Strafe zahlen - das sind etwa 1800 Euro.

Regierungen versagen immer wieder

Die Übergriffe gehen ungehindert und unvermindert weiter, weil unsere Regierungen immer wieder versagen, wenn es darum geht, ernsthafte Versuche zum Schutz von Mädchen und Frauen im öffentlichen Raum zu unternehmen. Effektive Gesetze sind nicht die einzige Lösung, aber sie würden zumindest die Bereitschaft anzeigen, jegliche sexuellen Übergriffe gegen Frauen ernst zu nehmen. In Ländern, in denen es keine Vorschriften gegen sexuelle Belästigung auf der Straße gibt, geschweige denn eine genaue Definition dieser Übergriffe, die den Frauen helfen würde, per Gesetz gegen ihre Drangsalierer vorzugehen, werden Frauen durch Scham und Tabu weiter zum Schweigen gebracht.

Die Übergriffe gehen unvermindert weiter, weil unsere Regierungen immer wieder versagen.

Rula Qawas, Dekanin der Fakultät für Fremdsprachen an der Universität von Jordanien, ließ die Studenten ihres Seminars zur Feministischen Theorie einen Kurzfilm über die sexuellen Übergriffe und Belästigungen auf dem Campus drehen. In dem Film sind Studentinnen zu sehen, die Schilder mit den Beschimpfungen hochhalten, denen sie regelmäßig ausgesetzt sind.

Als der Film ab Juni 2012 auf YouTube zu sehen war, rief dies heftige Diskussionen und scharfe Kritik hervor - aber nicht etwa gegenüber den Männern auf dem Campus, deren verbale Gewalt offenbart wurde, sondern gegen die Studentinnen, deren Film die Universität angeblich in ein schlechtes Licht rückte. Der Rektor der Universität entließ Qawas, was den Zorn von Aktivisten und Akademikern zugleich hervorrief. Die Abteilung für Nahoststudien verurteilte Qawas' willkürliche Entlassung und forderte den Rektor auf, die "systematische und ungestrafte Belästigung weiblicher Studenten" auf dem Universitätsgelände zu beenden.

Sexuelle Belästigung ist beunruhigende Realität

Sexuelle Belästigung in der Öffentlichkeit gibt es nicht nur im Nahen Osten und in Nordafrika. Für viele Frauen auf der Welt ist sie beunruhigende Realität. Aber eine Kombination aus gesellschaftlichen, religiösen und politischen Faktoren macht den öffentlichen Raum der Region besonders gefährlich für Frauen.

Teilnehmerinnen der 2009 in der Region erstmals stattfindenden Konferenz zur sexuellen Belästigung, die von Repräsentanten aus 17 arabischen Ländern besucht wurde, mussten konstatieren, dass die Übergriffe überall in der Region unkontrolliert weitergehen: weil es keine Gesetze gibt, die sie bestrafen, weil die Frauen sie nicht anzeigen und weil die Behörden sie ignorieren. Die sexuelle Belästigung von Mädchen und Frauen bei der Arbeit, in Schulen und auf den Straßen zwinge diese dazu, sich zu bedecken und sich in ihre Häuser zurückzuziehen, so die Aktivistinnen.

Die Zahl der Belästigungen ist in der arabischen Welt sprunghaft angestiegen.

Laut Associated Press hieß es auf der Kairoer Konferenz, Männer sähen sich durch eine zunehmend aktive weibliche Arbeitnehmerschaft bedroht, während konservative Kräfte die Ursache für Belästigungen in der Kleidung und dem Verhalten von Frauen verorteten. Den Frauenrechtlerinnen wurde von mehreren Frauen berichtet, sie hätten sich zum Tragen eines Gesichtsschleiers entschlossen, um den ständigen Übergriffen zu entgehen, oder aber sie würden darüber nachdenken, die Schule oder ihre Arbeit komplett aufzugeben.

Die Zahl der Belästigungen auf der Straße ist überall in der arabischen Welt sprunghaft angestiegen. Und alle suchen nach Gründen. Eine Antwort - die bei Konservativen stets Protestschreie erntet - lautet: Je mehr Frauen sich verschleiern, desto mehr haben die Männer freie Hand.

Der Jungfräulichkeitskult, der im Nahen Osten und in Nordafrika vorherrscht, gibt Mädchen und Frauen die Verantwortung für die Verhütung sexueller Gewalt. Sie müssen sicherstellen, dass sie Jungen und Männer nicht "in Versuchung führen".

In den USA gibt es den Ausdruck Purity Culture, mit dem man die Rhetorik der religiösen Rechten beschreibt, nach der Frauen vor allem durch Jungfräulichkeit und Keuschheit "Reinheit" erlangen. Ich finde, dieser Begriff lässt sich auch auf die Zwänge anwenden, denen Frauen im Nahen Osten und in Nordafrika unterworfen sind, und es erinnert daran, dass die globale religiöse Rechte einiges gemeinsam hat.

Eine Organisation, die sich für die Rechte von Frauen einsetzt

Nesma el-Khattab, eine 24-jährige Anwältin, die in der Organisation Al Shehab in Kairo tätig ist, einer Einrichtung, die sich für die Rechte von Mädchen und Frauen einsetzt, erzählte mir von den Hürden, die im Kampf gegen die Belästigung zu nehmen sind: "Die Mütter sagen, die Mädchen sollen sich bedecken, um keine Belästigung auf sich zu ziehen. Die Großmütter sagen, dass man sich als Mädchen nicht wehrt, sondern den Mund hält und einsteckt. Die Väter sagen, sie sollen sich nicht beschweren, denn die Jungen, gegen die man aussagt, kommen dann und schlagen den Bruder zusammen."

Je mehr Frauen sich verschleiern, desto mehr haben die Männer freie Hand.

Wenn man diese Denkweise in ein absurdes und gefährliches Extrem steigert, hat man ungefähr den Inhalt der Handzettel, die laut der Frauenrechtlerin Shahrazad Magrabi vor libyschen Mädchenschulen in Tripolis und Bengasi verteilt wurden. Ich sprach für meine BBC-Dokumentation mit der Aktivistin.

Der Text beginnt mit zwei bizarren gegenübergestellten Monologen. Zuerst beschreibt eine Rose, wie sie an jeder Straßenecke für wenig Geld gekauft werden kann. Dann spricht eine Perle darüber, wie besonders sie ist, da sie in einer Muschel tief unten im Meer verborgen ist, wo niemand sie sehen kann. Mit anderen Worten: Die Rose ist alltäglich, da alle sie sehen und haben können, die Perle ist kostbar, weil sie versteckt ist.

"Sie richten großen Schaden an, indem sie den Islam als Waffe, als Werkzeug einsetzen. Sie sagen, wenn man als Frau ausgeht, kommt man in die Hölle", beklagt Magrabi. "Mir bereitet vor allem Sorge, wie sie den Leuten einimpfen, es sei harām (Sünde). Man sieht sechsjährige Mädchen mit Kopftuch, und in der Schule muss die Lehrerin ihr Gesicht verschleiern (wenn sie Jungen über sechs unterrichtet). Ich bin Libyerin. Ich wurde hier geboren. Ich war nie fort. Wovon reden die nur?"

Der Jungfräulichkeitskult verführt Männer wie Frauen dazu, den Frauen die Schuld an den erlittenen Belästigungen zu geben. Frauen werden kritisiert, und sie kritisieren und überwachen einander, wegen zu enger Kleidung oder Kleidung in der falschen Farbe oder Länge oder im falschen Stil - immer ist die Frau selbst schuld. Alles, was eine Frau unternimmt, um ihre Erscheinung zu verändern, wird als Ermunterung zur Belästigung aufgefasst.

Sie müssen sicherstellen, dass sie Jungen und Männer nicht "in Versuchung führen".

Laut einer Umfrage des King Abdul Aziz Center for National Dialogue in Riad machen 86,5 Prozent der saudischen Männer das "übertriebene Make-up" der Frauen für die steigende Zahl der Übergriffe verantwortlich. Die 2008 durchgeführte Studie des Egyptian Center for Women's Rights (ECWR) der Frauenrechtlerin Nehad Abo El Komsan ergab, dass die Mehrheit der 2000 befragten ägyptischen Männer und Frauen glauben, dass Frauen durch ihren Kleidungsstil Belästigungen auf sich ziehen. Das ECWR berichtete außerdem, dass 62 Prozent der ägyptischen Männer zugaben, Frauen zu belästigen.

Das traurigste Ergebnis aber lautet wohl, dass die meisten Ägypterinnen, anders als ausländische Frauen, befürworteten, dass Frauen die Übergriffe nicht öffentlich machen sollten, um ihren Ruf nicht zu beschädigen.

Frauen in islamischen Ländern bleiben Menschen zweiter Klasse - solange es nicht eine echte Revolution gibt. Zu ihr ruft Mona Eltahawy in ihrem weltweit beachteten Manifest auf. Sie ist durch islamische Länder von Nordafrika bis in den nahen Osten gereist und hat die Lebensgeschichten von Frauen unterschiedlichster Herkunft aufgeschrieben. Eltahawy will das "giftige Gebräu aus Religion und Kultur" unschädlich machen, dass die ganze islamische Welt durchtränkt.

Newsweek hat Eltahawy bereits 2012 zu einer der furchtlosesten Frauen der Welt gewählt, weil sie trotz physischer und psychischer Bedrohung ihren Kampf für die Muslimas in aller Welt fortsetzt. Die Unterdrückung wird immer brutaler, das wird in Eltahawys Buch deutlich. Der Westen kann nicht länger zusehen, wie Menschen im Namen Allahs misshandelt, ausgebeutet und rechtlos gehalten werden - nur weil sie Frauen sind.

Der Beitrag basiert auf dem Buch Warum hasst ihr uns so?

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208 Seiten, Klappenbroschur

ISBN: 978-3-492-05607-6

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