BLOG
26/10/2016 15:55 CEST | Aktualisiert 27/10/2017 07:12 CEST

Die Nacht, in der ich vergewaltigt wurde

privat

Ich war 16 Jahre alt. Ich war auf einer Party bei Freunden, wir haben getrunken (ja, illegales Trinken). Ich trank so viel, dass ich kurz vor einer Alkoholvergiftung stand. Und ich flirtete mit einem Jungen, den ich noch aus der 6. Klasse kannte. Wir küssten uns. Er machte oft Probleme, rauchte Haschisch und war nicht gut in der Schule. Aber er war sehr lieb zu mir und ich genoss seine Gesellschaft.

Nachdem wir uns ein paar Minuten lang geküsst hatten, ging er mit mir zur Treppe, die ins Obergeschoss zu den Schlafzimmern führte. Er schlug vor, noch hinaufzugehen. Ich wusste, was das zu bedeuten hatte, zumindest glaubte ich das in meiner Naivität. Ich wusste, dass ich noch nicht bereit für Sex war, schon gar nicht unter diesen Umständen. Und was noch dazu kam: Wir waren allein. Ich hatte ein schlechtes Gefühl dabei und war ängstlich. Mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich nicht nachgeben müsse. Ich sah eine Couch im Wohnzimmer rechts von uns, sie schien genau der richtige Ort zu sein, um ein bisschen abzuhängen. Keiner war im Zimmer, und dennoch würden wir nicht alleine sein. Ich könnte aufstehen und gehen, wenn mir alles zu viel werden würde.

„Lass uns dort rübergehen", schlug ich vor.

„Nein."

Es wäre schon OK, beruhigte er mich. Wenn ich Angst bekäme, könnte ich es ihm sagen und er würde sofort aufhören. Er lächelte. Er schien es ehrlich zu meinen. Es war, als würde er meine Angst spüren und genau wissen, wie er darauf zu reagieren hatte. Widerwillig folgte ich ihm nach oben und schob meine lächerlichen kindischen Ängste weit weg. Ich hatte getrunken, meine Ängste waren also sowieso eher geistig als körperlich.

Der Weg von unschuldig und spielerisch zu beängstigend und verwirrend war nicht weit. Und es ging sehr schnell. Als er die Tür hinter sich schloss, veränderte sich sein Wesen. Es war, als befände er sich plötzlich auf einer Mission. Es war klar, dass er bereits entschieden hatte, dass wir Sex haben würden. Und dass ich zugestimmt hatte, mit ihm nach oben zu gehen, war Einverständnis genug für ihn.

Er ignorierte meine Panik. Es war, als liefe sein Körper auf Autopilot. Als wäre ich nicht mehr im Zimmer. Binnen weniger Minuten war ich für ihn zum Objekt geworden. Ich war kein lebender und atmender Mensch mehr.

Ich befahl ihm aufzuhören

Ich sagte Nein. Er reagierte nicht und ich bettelte verzweifelt. Ich jammerte, begann sogar ein wenig zu weinen. Schließlich gab ich mich geschlagen und schaltete geistig ab. Ich erinnere mich immer noch an die Farbe und die Textur der Zimmerdecke an dem Tag.

Er war stark und aggressiv und so betrunken, dass ich nicht weiß, ob er überhaupt wusste, wie sehr er mir an dem Tag wehtat. Eine der beängstigendsten Dinge war, dass er absolut still war, und kein Wort sagte, abgesehen von seinem schweren Atmen und Stöhnen. Diese Geräusche suchen mich bis heute in meinen Träumen heim. Ich war nur noch ein Lustobjekt ohne Wesen. Ich wartete darauf, dass er auf mich einging, etwas sagte. Aber das Letzte, das er zu mir sagte, waren die Worte unten an der Treppe gewesen.

Er war fertig und kam wieder zur Besinnung. Endlich bemerkte er, dass ich weinte und er rannte nach unten. Ich blieb noch einige Minuten sitzen, verzweifelt und verwirrt. Warum hatte er nicht auf mich gehört? Warum hatte er mich angelogen? Was sollte ich jetzt tun? Ich spürte, dass ich keine andere Chance hatte, als mich der Party wieder anzuschließen. Ganz locker, als wäre nichts gewesen. Ich hielt den Atem an und ging die Treppe hinunter. Da fand ich ihn mit einigen anderen Jungs, sie schrien sich an und prügelten sich. Kurz bevor ich das Zimmer betrat, hatte er der ganzen Party verkündet, dass „Molly geweint hat, als ich es mit ihr getrieben habe!".

...Also hatte er gewusst, dass ich es nicht wollte. Wie kann das kein Zeichen für ihn gewesen sein, aufzuhören? Er wurde rausgeschmissen, was eine willkommene Erleichterung für mich war. Ich rief meine Mutter an und fragte, ob ich die Nacht über bleiben könne. Überraschenderweise erlaubte sie es.

Schließlich erzählte ich allen auf der Party, dass eigentlich gar nichts passiert sei. Ich befand mich im Überlebensmodus. Wenn ich gute Miene zum bösen Spiel machen musste, dann tat ich es. Ich wollte einfach nur so sehr, dass irgendjemandem auffiel, wie schlecht es mir tatsächlich ging. Aber das war wohl zu viel verlangt von meinen Freunden.

Den Rest der Nacht rauchte und trank ich. Ich versuchte zu vergessen und mich so normal wie möglich zu verhalten. Die deutlichste Erinnerung, die ich vom weiteren Verlauf der Party habe, ist, dass ich mich so abschoss, auf dem Sofa lag und einfach nur die Decke anstarrte. Die letzte Stunde lang lief der Song „Fuck The Pain Away" von Peaches in Dauerschleife.

Ich war also high und betrunken, lag auf der Couch und hörte den Refrain "fuck the pain away, fuck the pain away, fuck the pain away" immer und immer wieder in voller Lautstärke. Ich weiß noch, dass einige der Jungs, die den Typen rausgeschmissen hatten, mich zum Spaß festhielten und so taten, als würden sie mich vergewaltigen.

Alle auf der Party lachten. Das hat mich wirklich erschreckt und meine Gefühle unheimlich verletzt, da ich die ganze Zeit angenommen hatte, sie wären auf meiner Seite.

Am Montag in der Schule kam er auf mich zu. Er bat mich um Verzeihung und meine instinktive Reaktion war:

„Wofür?"

„Freitag... Ich erinnere mich nicht mehr. Paul hat mir gesagt, was passiert ist."

Irgendwie erinnere ich mich noch, dass ich zu ihm sagte „Es ist schon in Ordnung. Du warst echt betrunken. Es ist nichts Schlimmes passiert."

... Aber es war nicht in Ordnung.

Als diese Worte gesprochen waren, konnte ich sie nicht mehr zurücknehmen.

Gerüchte machten in der Schule die Runde. Einige meiner Lehrer bekamen von der Sache Wind und eine Lehrerin, mit der ich mich gut verstand und der ich vertraute, sprach mich direkt darauf an - ich brach sofort in Tränen aus und erzählte ihr alles. Seit Tagen hatte ich das zurückgehalten und war so erleichtert, dass endlich eine erwachsene Person davon wusste. Sie war mir eine große Unterstützung und versprach, es für sich zu behalten.

Für den Rest der Woche erlaubte sie mir, ihre Stunden ausfallen zu lassen und früher nach Hause zu gehen. Ich weinte jeden Tag. Am Freitag war sie besorgt. Am Nachmittag um 16.30 Uhr rief der Direktor meiner Schule bei uns Zuhause an. Ich ging auf eine ziemlich große öffentliche Schule, ich hatte diesen Mann tatsächlich noch nie kennengelernt. Sein Ton war sehr sachlich. Er kam direkt zum Punkt und sagte, dass ein Lehrer ihn darüber informiert habe, was geschehen sei. Ich war noch minderjährig, Lehrer müssen so einen Vorfall melden.

Mir wurde schlecht und schwindelig. Mein Gesicht wurde ganz heiß. Melden? Jeder an meiner Schule tratschte sowieso schon über mich. Ich geriet in Panik und wollte einfach nur, dass das alles aufhörte. Ich äußerte ihm gegenüber meine Ängste, aber ich traf nur auf Teilnahmslosigkeit und Ernst.

Ich hatte keine Wahl. Genau wie am Wochenende zuvor. Ich hatte keine Wahl. Ich hatte nie eine Wahl gehabt. Er sagte mir, dass ich zumindest meine Eltern informieren müsse, bevor die Sache weitergeleitet würde.

„Du kannst ihnen selbst erzählen, was passiert ist, oder du erzählst es mir und ich rufe sie an und berichte ihnen alles. Du hast bis 20 Uhr heute Abend Zeit, danach werde ich noch einmal anrufen um sicherzugehen, dass Du alles mit deinen Eltern besprochen hast."

Als er aufgelegt hatte, begann mein Herz zu rasen. Wie zum Teufel sollte ich das tun? Zu dem Zeitpunkt hätte ich das, was mir passiert war, noch nicht einmal als Vergewaltigung bezeichnet. Ich war betrunken und bin aus freien Stücken mit ihm nach oben gegangen. Jeder, meine Klassenkameraden miteingeschlossen, meine Lehrer und jetzt auch meine Eltern würden wissen, was für ein Flittchen ich war.

Er hatte mir nur drei Stunden Zeit gegeben, um eine der schwersten Aufgaben meines bisherigen Lebens zu bewältigen.

Meine Mutter, mein Vater und ich aßen an dem Tag zusammen zu Abend. Zum Glück waren meine Brüder bereits ausgezogen. Mitten in ihrer Unterhaltung unterbrach ich sie, überreichte ihnen einen Brief und rannte in mein Zimmer. Ich konnte die Worte nicht aussprechen. Ich schrieb sie stattdessen auf.

In dem Brief schrieb ich, dass Gerüchte herumgingen über eine Sache, die auf der Party vorgefallen war, dass aber nichts passiert sei und dass sie heute Abend noch meine Lehrerin anrufen müssten, um die Sache aufzuklären.

Fünf Minuten später klopfte es an meiner Tür. Meine Mutter kniete neben meinem Bett, während mein Vater im Türrahmen stehenblieb und es vermied, mir in die Augen zu sehen. Ich fühlte mich so widerlich bei der Vorstellung, dass sie sich das alles womöglich grade ausmalten. Meine Mutter stellte mir demütigende, peinliche Fragen.

„Hast du an dem Abend getrunken?" Nein. Gut, vielleicht ein bisschen (ich sagte ihnen nicht, wieviel ich tatsächlich getrunken hatte).

„Ist er steif geworden?" Keine Ahnung. (Natürlich ist er steif geworden, meine Güte Mama).

„Ist er in dich eingedrungen?" Nein! (Ja... und es tat weh... sehr.)

Während dieser Unterhaltung habe ich das meiste ausgeblendet. In dem Moment wollte ich mich einfach nur in Luft auflösen. Mein eigener VATER, der zuhört, wie ich den Penis eines Mitschülers beschrieb... peinlich beschreibt es nicht einmal ansatzweise.

Meine Mutter rief die Lehrerin an und „klärte alles auf". Am nächsten Tag hatte ich einen Termin bei der Beratungslehrerin der Schule, so schreibt es das Protokoll vor, aber sie zeigte wenig Anteilnahme.

Ich war vor ein paar Monaten schon einmal auf einer Party beim Trinken erwischt worden und war von der Leichtathletikgruppe suspendiert worden. Meine Leistungen waren nicht einwandfrei. Sie sagte, sie würde die Meldung weitergeben, aber die Polizei nicht hinzuziehen. Sie würde die Sache so behandeln, als sei nichts geschehen.

Zu der Zeit hatte ich wirklich das Gefühl, das Lügen sei meine einzige Chance. Ich hatte noch eineinhalb Jahre Schule vor mir. Ich musste ihn noch jeden Tag sehen. Wenn ich ihn anzeigen würde, dann würde sich die Sache nie in Luft auflösen, wie es mein Wunsch war.

Jeder würde mich schief ansehen, niemand würde mir glauben, weil sich jeder schon eine eigene Meinung zu der ganzen Sache gebildet hatte. Es waren bereits einige Tage vergangen, es gab keinen Beweis mehr. Mein Schuldirektor und die Beratungslehrerin waren sehr kühl mir gegenüber und meine Eltern überschritten persönliche Grenzen, da schien es einfacher, die ganze Sache einfach hinter mir zu lassen und so weiterzumachen wie bisher.

Für eine kurze Zeit redete ich mir sogar selbst ein, dass tatsächlich nichts geschehen war. Ich war stets gut darin gewesen, mich immer wieder selber aus dem Dreck zu ziehen und zu lächeln - in dem Jahr wurde ich zum Profi.

Er ließ mich monatelang nicht in Ruhe. Er rief an, textete mir, hinterließ betrunken Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. In der Schule legte er den Arm um mich, auf Partys suchte er meine Gesellschaft.

Ihn zu ignorieren war keine Lösung. Schließlich war ja auch nichts passiert, also musste ich ja auch keine Angst vor ihm haben, richtig? Für ihn wurde er in der Nacht einfach flachgelegt, so einfach war das.

Was tat ich also? Ich spielte das Spiel mit. Ich stieg zu ihm ins Auto, rauchte Hasch mit ihm, saß auf dem Rücksitz und sah meinen eigenen Tod vor Augen, während er betrunken mit 100 Sachen über die Landstraßen raste.

Auf Partys trank ich Shots mit ihm und tat so, als sei alles in Ordnung. Er wollte wieder Sex. Er fragte mich, weshalb ich meinen Lehrern erzählt hätte, er hätte mich vergewaltigt und lachte dabei. Er freundete sich mit meinem neuen Freund an. Ich konnte nichts gegen ihn tun, also ließ ich es zu. Wenn ich nur die Kontrolle hatte, war alles andere egal.

Lange ging es mir nicht gut. Nichts von dem, was in diesen Monaten geschah, war gut.

Die Tatsache, dass er mich in dem Glauben gelassen hatte, ich könne ihm vertrauen, wenn eigentlich das Gegenteil der Fall war.

Die Tatsache, dass er mich ausgenutzt und allen davon erzählt hatte.

Die Tatsache, dass er sich halbherzig entschuldigt hatte und alle in der Schule Zeuge davon geworden waren.

Die Tatsache, dass meine Lehrerin mir versprochen hatte, alles für sich zu behalten, und es dann doch nicht getan hatte. Ich verstehe, warum sie so gehandelt hatte, aber es fühlte sich trotzdem wie ein Verrat an.

Die Tatsache, dass mein Schuldirektor sich so hart verhielt. Die Tatsache, dass ich gezwungen war, es meinen Eltern zu erzählen und sich das nur wie ein weiteres Verbrechen anfühlte. Die Tatsache, dass ich in dem Jahr lügen musste, um das Schuljahr zu überstehen.

Die Tatsache, dass nur einen Monat später der Monat zum Bewusstsein und zur Prävention von Sexueller Gewalt war und ich eine Woche lang jeden Morgen Statistiken zu sexuellen Übergriffen über den Schullautsprecher hören musste.

Die Tatsache, dass jedes Jahr die Zahl der Opfer von sexueller Gewalt durch blaue Post-Its in genau dieser Zahl an wahllosen Schließfächern dargestellt wird.

Die Tatsache, dass ich das Gefühl hatte, das Wort „Vergewaltigungsopfer" würde groß auf meiner Stirn stehen.

Die Tatsache, dass er jederzeit zu mir kommen konnte, wann immer er wollte, und ich mich zu hilflos und zu gefangen fühlte, um etwas dagegen zu tun.

Die Tatsache, dass ich noch Jungfrau gewesen war. Die Tatsache, dass er vor dieser ganzen Sache mein Freund gewesen war.

Die Tatsache, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste ständig so tun, als würde ich die Gesellschaft meines Vergewaltigers genießen - etwas, von dem ich hoffe, dass es nie irgendjemand sonst wird durchmachen müssen.

Ich sagte, es sei in Ordnung, aber das war es nicht. Es war nicht im Geringsten in Ordnung. Es war nicht in Ordnung, dass mein Kumpel mich betrunken gemacht und mich gezwungen hatte, mich auszuziehen als ich ihn bereits gebeten hatte, aufzuhören. Er mich dann in ein anderes Zimmer geführt hatte, um Sex zu haben, während ein anderer Typ uns beobachten konnte (das war bevor ich vergewaltigt wurde, und ich kam sicher aus der Sache heraus).

Ich sagte es sei in Ordnung, aber das war es nicht. Nicht im Geringsten.

Es war nicht in Ordnung, dass ich ein Jahr nach diesem Vorfall versuchte, nichts zu trinken, nüchtern auf eine Party ging und sexuell belästigt wurde, als ich einen betrunkenen Freund nach Hause fuhr. Ich wollte nur nett sein und ihn sicher nach Hause bringen, stattdessen fummelte er an mir herum, versuchte, auf mich zu klettern und küsste mich überall, während ich mit über 100 km/h auf der Autobahn unterwegs war.

Er weigerte sich, mir zu sagen, wo er wohnte und als ich endlich sein Haus gefunden hatte, da entschuldigte ich mich auch noch dafür, dass ich ihm die falschen Signale vermittelt hatte. Er sagte, es sei kein Problem, ich wäre einfach ein Flittchen. Er schlug die Tür zu und ging.

Am nächsten Tag stellte ich ihn zur Rede und er sagte, er könne sich nicht einmal daran erinnern, dass ich ihn nach Hause gefahren habe, es täte ihm leid, aber könne ich bitte meinen Mund halten? Ich fragte ihn, ob es nicht besser wäre, dass so etwas nicht noch einmal geschieht. Seine Antwort? „Irgendwie schon."

Es ist nicht in Ordnung, dass ich so lange nachdem ich vergewaltigt wurde, begann, wahllos mit irgendwelchen Typen zu schlafen, weil ich nur so das Gefühl hatte, meine Sexualität kontrollieren zu können.

Es gab einen Jungen, mit dem ich ständig Sex hatte, auf rein freundschaftlicher Basis. Eines Nachts war ich so betrunken, dass ich mich nur noch bruchstückhaft daran erinnern kann, wie er mich in verschiedene Zimmer seines Hauses führte und überall Sex mit mir hatte. Als ich aufwachte, waren meine Unterwäsche und mein Shirt voller Blut und drei Tage später erkrankte ich an einer Harnwegsinfektion.

Warum er so grob war, werde ich nie verstehen. Und es war nicht in Ordnung, dass ich von seinem Freund von seiner HIV-Erkrankung erfuhr und nicht von ihm selbst und es war auch nicht in Ordnung, dass er an einer Überdosis Heroin starb, bevor ich ihn darauf ansprechen konnte.

Es ist nicht in Ordnung, dass, obwohl er mich wie eine Prostituierte behandelte, wie ein Stück Fleisch und er mich benutzte, um seinen Frust irgendwo abzuladen, ich dennoch auf eine kranke Art und Weise Gefühle für ihn entwickelte. Weil ich glaubte, nichts Besseres zu verdienen.

Es ist nicht in Ordnung, dass ein Junge am College Analsex mit mir wollte und mir nichts davon sagte. Ich war so geschockt, dass er ohne meine Einwilligung damit begann, dass ich außer einigen unbehaglichen, schmerzlichen Stöhnlauten nichts weiter über die Lippen brachte. Er reagierte auf meine Schmerzen mit Schweigen und machte einfach weiter.

Es ist nicht in Ordnung, dass mein Freund in meiner Zeit am College einfach meinen Kopf auf seinen Schwanz drückte. Man kann das, was man begehrt, auch anders bekommen (einfach danach fragen zum Beispiel).

Es ist nicht in Ordnung, dass ich eines Abends, als ich betrunken in einer Bar saß und kaum noch bei Bewusstsein war, plötzlich eine Hand zwischen meinen Schenkeln spürte, die einem Mann gehörte, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Wahrscheinlich war das nichts das einzige Mal, dass so etwas passierte.

Es ist nicht in Ordnung, dass ich selbst bei meinem Ehemann, dem liebsten und ehrlichsten Mann, dem ich je begegnet bin, an den meisten Tagen keine Nähe und keine Berührungen zulasse. Das hat nichts mit ihm und alles mit anderen Männern und ihren Entscheidungen zu tun.

Nichts von alldem ist verdammt nochmal in Ordnung. Ein sexuelles Trauma und das Trauma, das von einem sexuellen Übergriff zurückbleibt, haben über ein Jahrzehnt lang mein Leben bestimmt. Jeden Aspekt meines Denkens und meiner Beziehungen. In dem einen Jahr habe ich viel verloren. Vieles davon habe ich nie zurückbekommen. Nie werde ich morgens aufwachen und kein Vergewaltigungsopfer mehr sein. Nie werde ich vergessen, was mir damals widerfahren ist. Nie werde ich die Dinge wieder vergessen, die ich im Laufe dieser Ereignisse über die menschliche Natur gelernt habe.

Es ist sehr schwer, alle diese Dinge zu akzeptieren und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Was mich aber am meisten schmerzt ist, dass meine Geschichte kein Einzelfall ist. Überhaupt nicht. Es machen sich immer noch Menschen jeden Tag über diese Themen lustig.

Die Menschen sagen immer noch Dinge wie „Oh, jetzt zieht sie wieder die Vergewaltigungskarte!" Die Menschen gründen ihre Meinung zu Vergewaltigungen immer noch auf falsche Anschuldigungen statt auf wirkliche Fälle von Vergewaltigungen. Viele Opfer sexueller Gewalt haben Selbstmordgedanken und viele setzen diese Gedanken auch in die Tat um. Viele Vergewaltiger bleiben weiter im Dunkeln, während ihre Opfer öffentlich zur Schau gestellt werden.

Vielleicht liest jemand diesen Artikel und denkt sich „Na ja, vieles davon ist passiert, als sie betrunken war, hätte sie es nicht besser wissen müssen?" Es ist kein Geheimnis, dass ich in dieser Zeit viel getrunken habe.

Ich wurde abhängig. Ich wollte einfach nur alles vergessen, was ich durchgemacht hatte. Ich wollte keine Angst mehr haben. Es sollte mir einfach alles egal sein. Ich übernehme die Verantwortung dafür, dass ich mich auf unsicheres Gelände begeben habe. Aber eines will ich klarstellen: Betrunken oder nüchtern, ich habe es nicht verdient, dass mir auf diese Weise Gewalt angetan wurde. Niemand hat das verdient.

Manche Menschen brauchen mehr als nur unsere Worte, um zu erkennen, dass diese Dinge der Wahrheit entsprechen und uns widerfahren sind. Bis bewiesen wird, dass wir die Wahrheit sagen, sind wir Lügner.

Das muss aufhören.

Je mehr Machtlosigkeit ich verspüre, desto mehr will ich darüber schreiben. Je mehr ich glaube, keine Stimme zu besitzen, desto öfter werde ich meine Geschichte erzählen. Je angewiderter und wütender ich bin, desto stärker werde ich den frauenfeindlichen Arschlöchern im Internet entgegentreten. Ich konnte mir selbst nicht beistehen, als ich es gebraucht hätte. Jetzt bin ich erwachsen, jetzt kann ich entscheiden, wie ich die verlorene Zeit wieder gutmachen kann. Wenn deine Geschichte der Meinen auch nur ein wenig ähnelt, dann sei dir bitte darüber im Klaren, dass du nie alleine bist. Es ist auch nicht zu spät, die verlorene Zeit wieder gutzumachen.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der Huffington Post zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.