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22/12/2015 06:46 CET | Aktualisiert 22/12/2016 06:12 CET

"Ich möchte mit den Terroristen nichts zu tun haben."

Chris Salvo via Getty Images

Eigentlich habe ich gar keine Lust und Kraft mehr, mich von der Massendynamik hinreißen zu lassen und auch zu sagen, dass ich mich von all den Gräueltaten distanziere. Aber doch lasse ich es zu. Ich bin ein einfacher Arbeiter.

Ich gehe zur Arbeit, verrichte sie nach besten Kräften, komme nach Hause, möchte mit meinen Kindern die restliche Zeit verbringen, mit ihnen über meine Ansichten reden, hoffen, dass diese kleinen, lächelnden, frechen Herzstücke immer so glücklich bleiben.

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Ich hoffe auch, dass ich nicht nur genetisch, sondern auch von meinem Geist her, von meinen Überzeugungen her etwas in ihnen weiterlebe, dass sie meinen Charakter in feinerer Form in sich tragen und stets an ihren Vater denken, wenn ich schon längt tot bin.

Das sind meine kleinen Wünsche, wie die eines jeden Vaters und womöglich eines jeden unauffälligen Otto-Normal-Verbrauchers auch. Er möchte Ruhe haben, er möchte etwas Zeit mit seiner Familie verbringen.

Eine friedliche Religion


Mittlerweile werde ich daran gehindert. Durch den medialen Hype erlangen gewisse Kräfte eine zu heftige Dynamik und reißen die Mehrheit der Gesellschaft mit. Diese Dynamik zwingt mich auch, aus meiner kleinen Welt immer wieder rauszukommen und mitzumachen, um am Ende erklären zu können, dass ich mit dem einen oder dem anderen nichts zu tun hatte.

Meine Religion ist eine friedliche Religion, die aktuell Zielscheibe vieler selbsternannter Freiheitsdenker, Satiriker, Kapitalisten und Hetzer geworden ist. Und in mir tauchen viele Fragen auf, die mir keine Ruhe lassen. Demos in Deutschland gegen den Islam oder Muslime, Demos in Pakistan gegen Christen oder andere Minderheiten.

Demos in Deutschland gegen Islamisierung, Demos in Indien gegen Christianisierung. Kopftuchverbot per Gesetz in Europa, Freikopfverbot per Gesetz in Iran. Ich sehe so viele Parallelen, so viele Widersprüche in den Handlungen derer, die sich für die sog. Freiheit einsetzen.

Ich möchte mit den Terroristen nichts zu tun haben.

Ich möchte weder mit den Terroristen was zu tun haben, noch mit denen, die genau diese Terroristen für ihre Zwecke instrumentalisieren. Mir ist nur wichtig, dass der Name meiner Religion, zu der ich mich bekenne, nicht auf eine Art und Weise beschmutzt wird, wie es noch nie geschehen ist.

Einerseits sind es die Terroristen, die mir klar machen möchten, wie falsch ich meine Religion ausübe, andererseits ist es die dumpfe Masse, die als Reaktion auf Terrorakte die Schuld in meiner Religion suchen und auch mir klar machen möchte, wie falsch ich meine Religion ausübe, damit ich mich von den Gräueltaten distanziere.

Irgendwie hat sich inzwischen jeder selbst zum Islam-Experten ernannt. Vom Nachbarn hin zum Kollegen, vom Busfahrer bis zum Tankwart wissen alle scheinbar über eine sog. „Religion" bescheid, die ich nicht kannte, nicht kenne und die ich nicht kennen WILL. Das ist nicht meine Religion. Es ist nicht die Religion, die ich meinen Kindern zeige.

Eine Jahrzehnte lange Hetze


Und doch muss ich auf die Straße, da ich mir mittlerweile Sorgen um meine Kinder mache. Sie sollen doch nicht das gleiche erleben, was ich an meinem Geburtsort erlebt hatte. Eine Jahrzehnte lange, schleichende Hetze gegen eine Gruppe bis hin zu gesellschaftlich akzeptierter Gewalt gegen diese Gruppe. Die gesellschaftliche Akzeptanz eines Verbrechens findet nicht von heute auf morgen statt, sie ist schleichender Natur.

Die Terroristen, gegen die wir heute zu kämpfen versuchen, sind nicht über Nacht entstanden. Sie sind das Produkt einer jahrelangen gesellschaftlichen Umerziehung. Und genau so eine Umerziehung findet heutzutage gegen den Islam statt. Ich nehme es mit Besorgnis wahr.

Die große Mehrheit der Muslime lehnt diese Art der Islamausübung, die von Terroristen und Selbstmordattentätern praktiziert wird, eindeutig ab und wird daher von jenen als Verräter bezeichnet. Auf der anderen Seite tritt nun die westliche Gesellschaft auf.

Sie fühlt sich in ihrem Kampf gegen den Terrorismus den friedfertigen Muslimen überlegen und den Friedfertigen unterstellt sie nun gerade die Ansichten, die die Terroristen verfolgen.

Als völlig normaler Vater habe ich an zwei Fronten zu kämpfen, obwohl ich meine Zeit mit meiner Familie in Frieden verbringen möchte. Ich muss gegen diese fanatischen Terroristen und gleichzeitig gegen die westliche Gesellschaft antreten. Ich habe Angst, um mich und um meine Kinder.

Boko Haram verbrannte über 200 Menschen und Europa war beschäftigt mit 6 Franzosen.

Wenn ein Terrorist mich umbringt, wird das niemanden interessieren, wie das Beispiel in Nigeria zeigt. Boko Haram verbrannte über 200 Menschen und Europa war beschäftigt mit 6 Franzosen. Wenn ich aber Opfer einer Gewalttat seitens der westlichen Gesellschaft werde, tauche ich irgendwann in irgendeiner unbedeutenden Statistik als eine Zahl auf: Fremdenfeindlicher Übergriff.

Beide Phänomene würden kein Echo finden. Ein vergebliches Opfer? In diesem Kampf zwischen Terroristen und westlicher Ambivalenz bin ich in jedem Fall der Looser.

Es scheint, dass mein Nachbar es sich nicht vorstellen kann, dass in meiner Brust ein ähnliches Herz schlägt wie in seiner, dass ich ähnliche Sorgen habe wie er, dass auch ich Angst habe um mich und um meine Familie, vor den Terroristen und vor den Extremisten jeglichen Lagers.

Dabei möchte ich doch einfach wie die meisten nur etwas Glück empfinden, wenn ich meine Tochter nach der Arbeit umarme oder mit meinem Sohn spielen kann, oder zuhause etwas Warmes essen. Mehr nicht.

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