BLOG
13/01/2016 04:42 CET | Aktualisiert 13/01/2017 06:12 CET

"Ich bin Muslim und liebe meine Frau"

Getty

Wenn ich einen Holländer frage, was er zum Humor der Deutschen zu sagen hat, dann kennen wir alle die Antwort. Ein Vorurteil, klar. Sachliche Diskussionen, objektive Argumente, besonnene Gesichter mit gewählten Worten ist die eine Seite und wütender Mob, dämliche Phrasen, hirnrissige Parolen mit besoffenen Augen ist die andere Seite.

Besorgte Bürger wissen das liebe Deutschland abgeschafft

Ja, ich rede auch über Muslime. Die einen haben uns lieb, die anderen nicht mehr. Dann gibt es natürlich auch diejenigen, die nicht schwarz-weiß-denken und über komplexere Sachverhalte differenzierter entscheiden können. Die Mehrheit scheint gespalten zu sein.

Es macht einigen Menschen enormen Spaß oder vielleicht gar keinen, über Muslime zu reden anstatt mit ihnen zu reden. Die „besorgten Bürger" haben ein paar tolle Themen, über die sie gerne in ihren natürlichen Quatschnischen quasseln und wenn das nicht ausreicht, dann geben sie im Social Media ihre Meinung ab.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

In HuffPost, Focus, die Welt und ähnliche sind es fast die gleichen Kommentatoren, die auf solchen Themen reagieren und das liebe Deutschland abgeschafft wissen, sobald ein kommunizierender, völkerverständigender Beitrag publiziert wird.

Ich bin ein Otto-Normal-Muslim

In all diesen Diskussionen wird den Muslimen eine Komponente aberkannt: die Liebe. Die Kopftuchträgerin wäre unterdrückt, ihr Ehemann wäre ein Unterdrücker, ihr Bruder wäre auf der Suche nach einem Grund für den Ehrenmord, ihr Vater wäre der geborene Diktator und so weiter.

Weder hätte dieser Ehemann ein Herz, welches beim Anblick seiner Frau höher schlagen würde, noch wäre der Bruder in der Lage, sich zu erfreuen, wenn er seine Schwester sieht. Der Vater sei an allem Schuld. Wenn das alles wirklich so sein sollte, na dann bin ich sehr beruhigt, denn wenigstens bin ich nicht so, bin ein Otto-Normal-Muslim.

Unter all den Muslimen da draußen, darf ich mit Erlaubnis meiner Frau zugeben, dass ich sie nicht unterdrücke und sie innig liebe. Sie liebt mich auch, zumindest sagt sie es mir manchmal oder flüstert es mir zu. Darüber hinaus trägt sie das Kopftuch aus ihrem freien Willen. Einst versuchte ich, mich in ihren Kleidungsangelegenheiten sehr diskret einzumischen, da war für die nächsten 3 Tage kein Salz mehr Zuhause und das Essen schmeckte irgendwie anders, seit dem mische ich mich nicht mehr ein.

Aber mir ist mein Essen viel lieber.

Grundsätzlich finde ich zwar hinter dem Spruch eine tiefe Weisheit, dass die Bekleidung einer Frau ein zu komplexes Thema sei, um es der Frau selbst zu überlassen, das müssen wir Männer tun. Aber mir ist mein Essen viel lieber. Nein danke, da mische ich mich nicht mehr ein.

Ich muss sogar das anziehen, was sie für mich aussucht. Und wehe, ich wehre mich dagegen. Ich hätte keinen Modegeschmack, ich sei ein Banause, ich sei ein Farbenblinder. Ihr fallen viele Gründe ein, warum ich das anziehen sollte, was sie sagt. Meinem Nachbarn geht es nicht anders. Das Ehepaar hat stets einen Partnerlook. Das kann mir keiner erzählen, dass das die Entscheidung des Mannes ist.

Der Bruder meiner Frau liebt sie auch. Ja das stimmt sogar. Woher ich das weiß? Aus seinen Blicken. Er schaut sie an, als würde er ihr jedwede Glückseligkeit dieser Welt zu Füßen legen. Und er schaut mich an, als würde er mich umbringen, wenn ich seine Schwester nicht glücklich machen würde. Bodybuilding macht er auch obendrein, um seinen eisernen Willen zu demonstrieren. Ich muss auch vor ihm immer wieder meiner Frau sagen, wie sehr ich sie liebe. Während Abschiedsumarmungen flüstert er manche Sätze, die ich hier nicht erwähnen möchte.

Mein Schwiegervater freut sich schadenfreudig

Mein Schwiegervater ist der einzige, der Verständnis für mich zu haben scheint. Er kennt seine Tochter. Nichtsdestotrotz hat er mir oft unmissverständlich klar gemacht, dass er die einzige Perle seines Lebens, das einzige wahre Glück seines Lebens, mir anvertraut hat. Immer lächelt er auf eine sehr Nirvana-artige Weise, sobald er das glücklich strahlende Gesicht seiner Tochter sieht. Und man sieht ihm irgendwie seine Schadenfreude an, wenn er sieht, wie ich die Mülltüten auf Befehl von oben raustragen muss.

Ich könnte auch etwas zu meiner Schwiegermutter schreiben, aber das darf ich nach dem Korrekturlesen durch meine Frau nicht mehr. Und obwohl ich ein Feinschmecker bin, gerne was Leckeres esse und viel Wert auf das gute Essen lege, liebe ich meine Frau. Und wir sind Muslime, wie komisch das auch in manchen Ohren klingen mag.

Ich kenne fast nur solche Muslime. Viele von ihnen können vielleicht kein Deutsch, aber sie lächeln zurück, wenn man sie anlächelt. Die älteren Frauen mit Kopftuch und mit ihrem von Arthrose und Adipositas geplagten Gang beten für mich, wenn ich ihnen die Einkaufstüte abnehme (Natürlich bringe ich ihnen die Tüte nach Hause!). Der alte, aggressiv wirkende, türkische Muslim erzählt mir genauso gerne wie hart er in der Metallindustrie gearbeitet hat, wie der ehemalige, betagte deutsche Zechenarbeiter mit seinen Rückenbeschwerden.

Ich hoffe, dass die zwischenmenschliche Liebe nicht zu einem europäischen Patent erklärt wird, worauf die Muslime keinen Anspruch haben dürfen. Sogar der Prophet Muhammad (saws) sagte vor über 1400 Jahren: Der Beste unter euch ist derjenige, der seine Frau am besten behandelt und lächelt einander an, denn das ist auch eine angesehene Tat vor Allah. (1)

Das mit dem Lächeln habe ich sogar meinem Schwager gezeigt. Laut seiner Aussage gilt dies nicht für ihn, wenn es um den Ehemann seiner Schwester geht. Da müsse er nicht lächeln, sagte er mir und schaute mich an. Ich sah in seinen Augen tiefe Verachtung für denjenigen, der seine Schwester ärgert. Zum Glück bin ich nicht so, denn ich liebe sie wirklich, obwohl sie mich auch liebt. Sachen gibt's!

* Dieser Text ist nicht autobiografisch zu verstehen

(1) Tirmidhi

"Close the loop": Muslimas lieben H&M für seine neue Werbekampagne

"MamaPride": Eine Hose mit Baby-Klappe soll die Würde muslimischer Frauen schützen

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.