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27/02/2015 05:45 CET | Aktualisiert 29/04/2015 07:12 CEST

MMS: 14 populäre Irrtümer und unpopuläre Antworten

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat das vermeintliche Allheilmittel MMS als bedenklich eingestuft, weil es schädliche Wirkungen hat, "die über ein vertretbares Maß hinausgehen", wie es in der Begründung heißt. 14 populäre Irrtümer rund um MMS.

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Foto: apdkcc

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat das vermeintliche Allheilmittel MMS als bedenklich eingestuft, weil es schädliche Wirkungen hat, "die über ein vertretbares Maß hinausgehen", wie es in der Begründung heißt. Anlässlich dieser begrüßenswerten Entscheidung fasst dieser Artikel 14 populäre Irrtümer rund um MMS und ihre Aufklärung zusammen.

MMS steht für Miracle Mineral Supplement und wird fälschlicherweise als Wundermittel angepriesen. Tatsächlich ist MMS nichts anderes als eine giftige Lösung von 28% Natriumchlorit in Wasser. MMS-Befürworter nehmen es dennoch oral zu sich oder führen es ihren Kindern anal ein. Weil nicht nur in verschwörungstheoretischen Kreisen eine Menge Falschinformationen rund um MMS kursieren, gibt es hier einen Überblick über die bekanntesten Aussagen von Befürwortern und wie man sie widerlegen kann.

Übrigens: Die Beispiel-Screenshots sind real und Diskussionen mit MMS-Befürwortern entnommen.

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1) "Meine Oma / meine Mutter / mein Kind / ich hat mit MMS irgendein Leiden kuriert. Das ist Beweis genug."

Nein, ist es nicht. Das ist eine sogenannte Scheinkorrelation:

Wenn es eine Korrelation zwischen A und B gibt, kann A also Ursache von B sein, oder B kann Ursache von A sein. Es kann aber auch sein, dass keines von beidem Ursache von irgendwas ist. Statt dessen kann es eine dritte Variable geben, die A und B beeinflusst hat. Manchmal kann man diese Variable ermitteln, manchmal nicht. Und manchmal handelt es sich einfach um Zufall - dann spricht man von Koinzidenz. Solche Korrelationen, denen kein Kausalzusammenhang zu Grunde liegt, nennt man auch Scheinkorrelationen.

Wir kennen in deinem Fall die dritte Variable nicht: War die Person im Zeitraum der Erkrankung bei einem Arzt? Hat sie parallel andere Medikamente genommen, wie es z.B. im Vergleichsfall der berüchtigten Traumeel-Studie der Fall war? Wie ist ihre Ernährung? Wie ist ihre generelle Verfassung? Was für ein Leiden war das? Für eine wirkliche Aussagekraft mangelt es solch pauschalen Behauptungen an wichtigen Informationen. Darüber hinaus gilt:

Erfahrungswerte sind keine wissenschaftlichen Beweise.

Religiöse Menschen glauben häufig ganz fest an die Wirksamkeit von Gebeten und haben in der Regel entsprechende Geschichten, die die Behauptung untermauern sollen. Sind das Belege für die Wirksamkeit eines Gebetes? Nein.

Es gibt einen ganz klaren Maßstab für ein Heilmittel: Die Verordnung (EG) Nr. 726/2004. Erfüllt ein angebliches Heilmittel diese Kriterien nicht, ist es keins. Vor allem ist es kein Medikament. Wenn MMS sich dieser Überprüfung nicht stellen kann oder will, ist es kein Medikament. Dann ist es ein sektenähnliches Glaubenssystem:

Anders als reines Glaubenswissen repräsentiert der Stand der Wissenschaft gültige, beweisbare und überprüfbare Erkenntnisse. Diese müssen sich zunächst von anderen Ausprägungen des Standes der Wissenschaft identifizierbar und erkennbar unterscheiden.

Zu entsprechenden Prüfungen gehören als erste grobe Filter zunächst elementare Methoden der Modellbildung und -validierung sowie elementare Methoden der Mathematik und der Informatik. Weiter folgen gültige Beweismethoden.

Das Paradoxe: MMS-Befürworter möchten einerseits, dass MMS als Medikament anerkannt wird, und fordern gleichzeitig, dass es mehr oder weniger durch ein Blasphemiegesetz geschützt und wie eine Religion behandelt wird. MMS ist in ihren Augen sakrosankt und Gotteslästerung.

Die Wirksamkeit von MMS konnte bis heute durch keine Studie, die anerkannte Standards erfüllt, nachgewiesen werden.

Im Gegenteil: Das Bundesinstitut für Arzneimittel hat MMS Spiegel Online zufolge als "bedenklich eingestuft, weil der begründete Verdacht besteht, dass sie "bei bestimmungsgemäßem Gebrauch schädliche Wirkungen haben, die über ein vertretbares Maß hinausgehen". Bevor MMS-Befürworter jetzt einwenden, dass das BfArM MMS als "zulassungspflichtige Arzneimittel" eingestuft hat: Diese Einstufung sagt nichts über die Wirksamkeit aus:

Das BfArM hat die beiden Produkte MMS und MMS2 als sogenannte Präsentationsarzneimittel eingestuft, weil der Hersteller eindeutige Heilversprechen macht und arzneiliche Zweckbestimmungen angibt. [...] In diesen Fällen ist nicht die pharmakologische Wirkung eines Stoffes ausschlaggebend, sondern die Frage, wie ein Produkt ausgelobt wird und wie es daraufhin vom Verbraucher verstanden wird. Dadurch will der Gesetzgeber erreichen, dass auf Mittel wie MMS im Sinne des vorbeugenden Patientenschutzes arzneimittelrechtlich kontrolliert werden und nicht ohne behördliche Zulassung in den Verkehr gebracht werden dürfen.

Ohnehin liefert auch Erfinder Jim Humble keinerlei Nachweis für die angeblich vielen "klinischen Studien". Vom vermeintlichen Beweisstück A, der Doku "Because we can - Malaria Chlordioxid Behandlung Rotes Kreuz" hat sich das Internationale Rote Kreuz entschieden distanziert, weil es von den Machern der "Studie" getäuscht wurde. Das Rote Kreuz hat sich nie an einer Malaria-Studie mit MMS beteiligt. Kurz: Es gibt keinen einzigen Beleg für die Wirksamkeit von MMS.

Jim Humbles Behauptung: "Auch dutzende weitere Erkrankungen konnten erfolgreich behandelt und können dank dieser neuen Mineralienlösung künftig in Schach gehalten werden." wird genauso wenig stichhaltig untermauert wie der häufig zu lesende Satz: "Es ist bewiesen, dass Jim Humble in Afrika mit seinem MMS Tropfen über 100.000 Kranke geheilt hat." Nein, ist es nicht.

Und auch seine Erfahrungsberichte sind nur das: subjektive Blickwinkel von verzweifelten, hilflosen Menschen, die nach Strohhalmen greifen und selber durch den Placeboeffekt getäuscht werden. Aber einen wissenschaftlichen Beleg stellen diese Berichte, so wunderbar sie auch klingen, nicht dar.

2) "In einer Studie an gesunden Männern wurde nach der oralen Zufuhr von Chlordioxid keine negative Veränderung festgestellt..."

Einer der vielen Dauerbrenner im "Argumentationskatalog" der MMS-Befürworter. Zuerst einmal: Diese Studie gibt es wirklich und kann hier eingesehen werden. Aber: Wie verzweifelt, wie verblendet muss man sein, wenn das einzige wissenschaftliche Argument, das man in einer Diskussion um die Wirksamkeit (!) als Heilmittel (!!) von MMS vorzuweisen hat, eine Studie ist, die nichts über die Wirksamkeit aussagt sondern ausschließlich belegt, dass Chlordioxid in einer geringeren Dosierung als in MMS bei erwachsenen Männern nichts tut. Sprich: Keinerlei Wirkung hat, weder positiv noch negativ.

Zudem ist in diesem Zusammenhang wissenswert, dass diese Männer im Rahmen der Studie 24 mg zu sich nahmen. Das entspricht einer 0,002 %-igen Lösung. MMS ist eine 28 %-ige Lösung. Ab 25 % gilt es bereits als giftig. In keinem bekannten Universum kann man diese Studie als Nachweis für die Harmlosigkeit von MMS heranziehen.

Tatsächlich weisen der gesunde Menschenverstand und die bisherigen Erkenntnisse darauf hin, dass MMS absolut gesundheitsgefährdend ist. Eine Frau ist bereits an den Folgeneiner MMS-Einnahme gestorben.

Darüber hinaus wurde diese Studie an erwachsenen Männerkörpern durchgeführt - es grenzt geradezu an fahrlässiger Körperverletzung, aus dieser Studie zu schließen, man dürfe MMS bei Kindern anwenden. Wie ich in den Schlusssekunden meines MMS-Aufklärungsvideos sage:

"Während jeder erwachsene Mensch das Recht hat, sich mit dem Gift ihrer Wahl langsam aber sicher umzubringen, ist die Behandlung von Schutzbefohlenen mit MMS nur eins: Kindesmisshandlung."

3) "MMS ist nicht Natriumchlorit, sondern Chlordioxid!!!"

Nein, ist es nicht. MMS wird in der Regel als 28 %-ige Natriumchlorit-Lösung verkauft, die dann vor der Einnahme durch eine Säure aktiviert und erst dann zu Chlordioxid wird. Das Produkt an sich ist aber Natriumchlorit. Es ist erschreckend, wie wenig sich manche MMS-Befürworter mit dem auskennen, was sie ohne zu hinterfragen schlucken oder ihren Kindern in den Hintern schießen.

4) "Haha, vielleicht sagt dem mal jemand, dass MMS Natriumchlorid ist und dass man das auch als Kochsalz kennt und er das jeden Tag zu sich nimmt der Idiot."

Manchmal macht ein einziger Buchstabe so viel aus. Kochsalz ist tatsächlich Natriumchlorid; MMS aber ist Natriumchlorit.

5) "Ich nehme MMS seit vielen Jahren und mein Hausarzt hat mir erst letztens attestiert, dass ich kerngesund bin."

Wie bei der ersten Frage gilt: Das ist eine Scheinkorrelation. Immerhin gehst du offenbar regelmäßig zum Hausarzt, das ist lobenswert. Dieser Faktor wird mit rein spielen. Genau wie deine Ernährung, deine Bewegung, deine generelle Konstitution. Es gibt nicht das eine Mittel, das einen kerngesund hält. Du bist nicht gesund, weil du MMS konsumierst, sondern obwohl du es tust. Das ist vergleichbar mit dem angeblichen Zusammenhang zwischen den Mondphasen und schlechtem Schlaf:

Ich nenne das mal: gefühlte Korrelation. Und zack, wird aus der Korrelation eine Kausal-Beziehung ("Der Mond ist schuld, dass ich nicht schlafen kann!"), und in Nullkommanichts via selektiver Wahrnehmung ("Meinen Bekannten geht's genauso") eine selbsterfüllende Prophezeiung ("Ach, schon wieder Vollmond, da kann ich bestimmt wieder nicht gut schlafen!").

Kurz: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang zwischen deiner guten Gesundheit und deiner MMS-Einnahme. Aber gut, dass du immerhin regelmäßig zum Hausarzt gehst.

6) "MMS hilft gegen Autismus!"

Nein, tut es nicht. Autismus ist keine Krankheit, sondern eine Neurodiversität. Die Behauptung, MMS könne Autismus heilen ist eine ganz besonders perverse Form des Ableismus und führt zu schlimmen Ergebnissen für viele Kinder. Ich wiederhole mich gern:

Schutzbefohlene mit MMS zu traktieren ist Kindesmisshandlung und gehört beim Jugendamt angezeigt.

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7) "MMS, sprich: Chlordioxid, wird in der Trinkwasseraufbereitung und als Lebensmittelzusatzstoff verwendet, also kann das ja so schlecht für den Menschen nicht sein, oder?"

Der "Trinkwasser-Narrativ" ist ein weiterer Evergreen der MMS-Befürworter und ist so überflüssig wie falsch: Niemand (!) bestreitet, dass Chlordioxid zur Trinkwasserdesinfektion verwendet wird. In Lebensmittelbetrieben, in Kliniken und in Behörden wird es sogar als Desinfektionsmittel verwendet.

Aber, Teil 1: Die zulässigen Höchstwerte bei der Trinkwasserdesinfektion sind um ein Vielfaches niedriger, als der Chlordioxid-Anteil in MMS. In Zahlen ausgedrückt: Der Höchstwert liegt bei 0,2 mg. 0,2 Milligramm pro Liter entsprechen einer Lösung von 0,00002% - im Gegensatz zu den 28 % in MMS! Der Vergleich hinkt in Siebenmeilenstiefeln.

Aber, Teil 2: Nur, weil etwas in einem bestimmten Bereich eine Wirkung entfaltet, entfaltet es nicht automatisch dem menschlichen Körper oral oder anal zugeführt eine positive Wirkung. Das ist ein typischer Fehlschluss von Verschwörungshysterikern, aus deren Reihen sich viele MMS-Befürworter rekrutieren. Oder essen MMS'ler auch ihre Feuchtigkeitscreme löffelweise, wenn sie einen trockenen Hals haben? Reiben sie sich nach der Fußpilzbehandlung Teebaumöl in die Augen, wenn diese entzündet sind? Schlucken sie bei Reizdarm Domestos?

Übrigens: Als Lebensmittelzusatzstoff ist Chlordioxid nicht mehr zugelassen. So zerfällt auch dieses "Argument".

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8) "MMS unterscheidet zwischen guten Zellen und bösen Zellen / guten Bakterien und schlechten Bakterien..."

Nein. Das wäre nichts weniger als ein Wunder - und ist wissenschaftlich betrachtet schlichtweg unmöglich.

Bei dem Heilanspruch, den MMS laut Jim Humble hat, nämlich: ein Heilmittel für die meisten bekannten ernsthaften Krankheiten zu sein, muss man davon ausgehen, dass MMS nicht chirurgisch präzise vorgeht, sondern mit einem Flächenbombardement.

Noch einmal bildhafter veranschaulicht: Jim Humble unterstellt MMS eine Spezialeinheit wie Navy-Seals zu sein, nicht B52-Bomber. Und das kann nicht funktionieren, setzt man voraus, dass es tatsächlich das suggerierte Allheilmittel ist.

Erfolgreiche Therapien wie die Chemo oder der Einsatz von Antibiotika sind dafür bekannt, dass sie eben nicht zwischen den "Guten" und den "Bösen" unterscheiden - und in die Erforschung und (Weiter-)Entwicklung dieser Therapieformen wurden Milliarden investiert. Zitat:

Der Nachteil der chemischen Substanzen ist: Sie unterscheiden nicht zwischen guten und schlechten Bakterien und zerstören daher sowohl die gesunden in der Haut-, Mund- und Darm-Flora als auch die krank machenden.

Ist es plausibel, dass dies bei MMS anders ist? MMS ist aktiviert Chlordioxid. Chlordioxid ist ein sehr erfolgreiches Desinfektionsmittel, unter anderem bei der Trinkwasseraufbereitung und der Milzbrandbekämpfung. Warum?

Weil es eben nicht chirurgisch präzise arbeitet, sondern so gut wie alles angreift, was sich ihm in den Weg stellt.

Es bekämpft Bakterien besser als Chlor, bekämpft Viren und Einzeller, hilft gegen phenolische Verunreinigungen, hat eine breite Wirksamkeit gegen Mikroorganismen und eine fungizide Wirkung und wird sogar zur Milzbrandbekämpfung eingesetzt. Mit ein bisschen Fantasie kann man so tatsächlich von einem Wundermittel sprechen - jedoch ist aktiviertes MMS, also Chlordioxid keine Navy-Seals-Truppe, sondern eine ganze Staffel B-52-Bomber.

Kurz: Es ist schlichtweg unmöglich, dass MMS zwischen "guten" und "bösen" Dingen unterscheidet. Den Gegenbeweis konnten MMS-Befürworter bis heute nicht antreten. MMS hat keine Freunde, es differenziert nicht - es tötet.

9) "Hast du überhaupt schon mal MMS genommen?"

Nein. Das muss ich auch nicht, um fundiert darüber reden zu können. Genauso wenig, wie ich mich schon einmal umbringen musste, um herauszufinden, ob ein Suizid potenziell tödlich ist. Als Kind habe ich auch nicht die heiße Herdplatte angefasst, weil ich es logisch nachvollziehbar fand, als meine Eltern sagten, dass ich mich verbrennen würde. Das schöne an der Wissenschaft: Man muss nicht alles selbst ausprobiert haben, um etwas über die Wirkung oder die Gefahr des Erforschten zu wissen.

10) "Auch in der Schulmedizin..."

Es gibt keine "Schulmedizin". Es gibt nur Medizin und Dinge, die nicht wirken.

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11) "Auch in der echten Medizin gibt es Medikamente, die giftig sind."

Ein perfektes Beispiel für den Whataboutism, der den Diskurs seitens der MMS-Befürworter dominiert.

Es ist ohnehin Unsinn, MMS pauschal mit "Medikamenten" zu vergleichen: "Medikamente" ist ein weites Feld mit einem breiten Spektrum an Variablen. Es gibt risikoarme Medikamente, es gibt Medikamente mit starken Nebenwirkungen, Medikamente, die eine Entzündung bekämpfen, Medikamente, die nur die Symptome lindern, Medikamente gegen diese und jene Krankheit.

Es gibt nicht das eine Medikament für alles.

Beipackzettel machen auch keine Heilsversprechen. Jim Humble hingegen behauptet, MMS sei ein Allheilmittel und vereine in einem "Wirkstoff" eine Vielzahl der eben genannten Eigenschaften. Da könnte man gleich einen Naturwissenschaftler mit David Copperfield vergleichen.

Medikamente enthalten aus einem guten Grund Beipackzettel, die über Nebenwirkungen und Inhaltsstoffe aufklären; aus gutem Grund sind viele Medikamente rezeptpflichtig und die Ärzte dazu angehalten, ihre Patienten hinsichtlich der Einnahme ausführlich zu beraten; aus sehr gutem Grund fragen seriöse Apotheker bei rezeptfreien Medikamenten zur Sicherheit trotzdem nach, ob die Einnahme bekannt ist.

Es hat nun mal einen Grund, weshalb es Arzneimittelzulassungsbehörden gibt und Institutionen wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte oder das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die wenigsten Medikamente soll man vorbeugend über einen längeren Zeitraum nehmen; kein Medikament heilt alles (auch wenn manche Medikamente verschiedene Ursachen bekämpfen) und kein seriöser Forscher würde sein Medikament an Schwangeren und Kindern testen.

Weil Medikamente nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sind. Sie sind sowohl notwendiges Übel als auch zivilisatorische Errungenschaft.

Aber egal, wie breit das Spektrum an Medikamenten ist, egal, als wie gefährlich sich ein Medikament entpuppt oder wie sehr man sich zunächst bezüglich der Anwendung irrte, so haben alle zugelassenen Medikamente doch eines gemein: Sie wirken auf die eine oder andere Weise. MMS wirkt nicht.

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12) "Du schreibst offensichtlich für die Pharmaindustrie."

Nein. Aber durch meine Arbeit in der Beratung von Sektenaussteigern, die Recherchen zu meinem Buch Goodbye, Jehova und meine Forschungen rund um die manipulative Methodik der Zeugen Jehovas habe ich mir ein profundes Wissen rund um Manipulation, kognitiver Dissonanz und Scharlatanerie angeeignet. Ich mache mir keine Illusionen, MMS-Befürworter vom Gegenteil überzeugen zu können. Ich hoffe aber, zur Aufklärung über MMS und ähnliche Quacksalberei beitragen zu können. Einen Auftraggeber habe ich nicht.

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13) "Die Pharmaindustrie unterdrückt MMS, weil sie mit diesem billigen Wirkstoff kein Geld verdienen kann, sondern nur an kranken Menschen Geld verdient."

Ein weiterer Dauerbrenner, für den nie ein Nachweis erbracht wird. Das ist auf so vielen Ebenen dermaßen unlogisch und falsch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Gehen wir doch einfach logisch vor.

Beginnen wir damit, dass die Pharmaindustrie aus vielen börsennotierten Konkurrenzunternehmen besteht, die gewinnorientiert arbeiten. Das ist selbstverständlich nicht unbedingt die glücklichste Lösung und diese Situation wird immer wieder zu Interessenkonflikten führen, gar keine Frage. Gleichzeitig sind diese börsennotierten Unternehmen ihren Anteilseignern Rechenschaft schuldig; Pharmakonzerne, die dauerhaft Medikamente produzieren, die nicht funktionieren, würden nicht lange überleben.

Und natürlich bleiben MMS-Befürworter jeden Nachweis schuldig, dass die ach so böse Pharmaindustrie die Menschheit künstlich am Kränkeln erhält. Um das zu begreifen reicht ein Blick in die Historie. Dank der Herdenimmunität durch weltweite Impfungen (entwickelt durch die böse Pharmaindustrie) hat sich unsere Lebenserwartung erhöht (wenngleich die Impfgegner-Sekte diese zivilisatorische Errungenschaft zu vernichten droht); viele Krankheiten, an denen früher Massen starben, sind ausgerottet, beinahe ausgerottet oder stark zurückgegangen.

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Screengrab: Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe, Quelle: WHO Factsheet

Wenn MMS das Heilmittel wäre, das es zu sein behauptet, hätte es sich längst international auf dem Pharmamarkt durchgesetzt. Dafür gibt es sogar ein Beispiel, das sich sehr gut als Präzedenzfall im Vergleich mit MMS (Chlordioxid) eignet:

Lithium, für viele Experten immer noch das Mittel der Wahl bei einer Bipolaren Störung. Ein natürliches Mittel, das die Pharmaindustrie gern ignoriert hätte, weil es kostengünstig ist und nicht patentierbar. Letztendlich hat sich die Lithiumtherapie gegen alle Bedenken der Pharmalobby durchgesetzt. Warum? Weil es den höchsten Standard der Pharmaforschung erfüllt und wissenschaftlich belegt wirkt. Diesen Nachweis ist MMS bis heute schuldig geblieben.

Übrigens, so als Fun Fact für zwischendurch: Die durchschnittliche Gewinnmarge für den Verkäufer eines MMS-Fläschchens liegt bei 10.000 %. MMS-Verkäufer sind eindeutig gewinnorientierte Unternehmen - genau wie die Pharmaindustrie. Nicht nur das: Es ist kaum plausibel, eine Abgrenzung vorzunehmen. Wer mit der Behauptung, ein Medikament zu vertreiben, Geld verdient, gehört genauso zur bösen, bösen Pharmalobby.

Auch die Entdeckungsgeschichte von MMS wird immer wieder als Beleg für das Besondere an diesem Mittel hervorgehoben. Kurzfassung: Jim Humble und / oder seine Begleiter seien beim Goldschürfen an Malaria erkrankt und hätten mangels Alternativen Chlordioxid geschluckt. Kurz darauf ging es ihnen besser. Jim Humble hatte das beste Allheilmittel der Welt entdeckt, so die Legende. Daraus könne man schließen, sagen viele MMS-Befürworter, dass die Pharmaindustrie die Verbreitung von MMS unterdrücke, weil sie sich nicht durch eine Zufallsentdeckung blamieren wolle.

Ein Blick in die Geschichte reicht, um diese Behauptung zu entzaubern.

Viele Medikamente wurden durch Zufall entdeckt, allen voran Penicillin. Tatsächlich spielt der Zufall in der Pharmaforschung eine große Rolle. Und trotzdem steht am Ende jedes Zufalls eine unverrückbare Tatsache: Die Zulassung durch Behörden, nachdem die Wirksamkeit wissenschaftlich belegt wurde.

Und auch die Behauptung, die Pharmaindustrie habe kein Interesse an Heilmitteln, ist nicht nur an den Haaren herbeigezogen und falsch, sondern eine sehr gute Veranschaulichung dafür, wie verquer MMS-Sektarier denken sich ihre eigene Wahrheit zurechtbiegen. Beispiel: Die vermeintliche Ebola-Wunderwaffe ZMapp, die zumindest einem an Ebola erkrankten Amerikaner half. Das Mittel wurde bislang erfolgreich an Affen getestet und muss noch sämtliche klinische Studien durchlaufen, bevor es die FDA zulässt. Für den jetzigen Einsatz gab es eine Sondergenehmigung:

Die Weltgesundheitsorganisation schrieb in einer Stellungnahme, dass es im Zuge der Ebolafieber-Epidemie 2014 ethisch akzeptabel sei, präventive oder therapeutische Arzneimittel ohne Nachweis der Wirksamkeit im Menschen bei ebendiesen einzusetzen, wenn in Tierversuchen vielversprechende Ergebnisse gezeigt werden konnten.

Der breite Einsatz wird noch diskutiert. Und so gab es in Verschwörungshysteriekreisen natürlich gleich wieder einen Riesen-Aufschrei, dass die Neue Welt Ordnung ein Lösungsmittel habe, die Menschen aber absichtlich sterben lasse.

Man kann es ihnen nicht recht machen: Denn gleich in der nächsten Diskussion werfen einem MMS'ler (da gibt es häufig Überschneidungen) an den Kopf, viele Medikamente der bösen Pharmaindustrie hätten schlimme Nebenwirkungen, die uns Menschen schädigen. Richtig, das kommt vor! Genau deshalb durchlaufen Medikamente solch lange Testprozesse, um genau diese Nebenwirkungen möglichst zu minimieren. Aber Logik ist eben nicht das Steckenpferd eines MMS-Befürworters.

Zuguterletzt aber noch eine Anmerkung: Selbstverständlich ist in der Pharmaindustrie nicht alles Gold, was glänzt. Wie bereits erwähnt sind das gewinnorientierte Unternehmen. Dass da wie in jedem Industriezweig nicht alles mit rechten Dingen zugeht, liegt auf der Hand. Daraus aber den Schluss zu ziehen, dass jedes Medikament böse und wirkungslos ist, ist falsch und ein Zeichen von Ignoranz. Und sowieso ergibt sich aus den Mängeln der Medizin nicht der Umkehrschluss, dass jedes alternative Mittel wirkt. Das eine hat mit dem anderen Nullkommanichts zu tun.

14) "Ja, aber was, wenn irgendwann die Wirksamkeit von MMS wissenschaftlich nachgewiesen wird?"

Das ist ganz einfach: Dann ist sie in dem Augenblick nachgewiesen und die Wissenschaft wird sich den neuen Erkenntnissen anpassen. So funktioniert Wissenschaft nämlich: Objektiv, sachlich, unemotional. Nicht Hörensagen zählt, nicht Aberglaube, sondern: gesicherte Erkenntnis. Und das ist gut so.

(Dieser Beitrag ist eine überarbeitete Fassung eines Artikels, den ich für mein Blog schrieb.)


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