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03/02/2016 11:00 CET | Aktualisiert 16/02/2017 06:12 CET

Männer, jede Frau hat ein Safeword. Es heißt "Nein".

Josh Pulman via Getty Images

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Im Spätsommer 2010, es waren meine ersten Wochen in Berlin, ging ich in einen Minimaltechno-Club an der Revaler Straße. Im Ostkreuzpark hatte ich ein paar nette Leute kennengelernt, die mich mitnahmen.

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Für mich war das alles furchtbar aufregend. Ich bin in Bielefeld aufgewachsen, Friedrichshain war für mich ein Abenteuerspielplatz, der nur darauf wartete, erobert zu werden. Ich hatte ein halbes Dutzend Sterni intus, dazu etliche Kurze, ein bisschen MDMA. Ich war euphorisiert. Irgendwann, weit nach Mitternacht, ging ich zu den Toiletten.

Auf Toilette fast vergewaltigt

Als ich mich vom Pissoir wegdrehte, stand ein sehr, sehr großer Mann vor mir. Er schob mich nach hinten an die Wand und drückte mich mit seinen beiden Händen auf die Knie. Der Mann packte meinen Kopf, presste ihn in seinen Schritt, während er seine Hose aufknöpfte.

Zum Glück kam in dem Augenblick jemand rein. Viel zu besoffen oder high oder beides, um zu bemerken, was gerade passierte. Aber anwesend genug, um den Typen zu vertreiben. Wie auf Autopilot verließ ich den Club, stieg in ein Taxi und ließ mich heimbringen. Ich übergab mich mehrmals, schlief kaum und verließ ein paar Tage nicht die Wohnung.

Ich bin nicht vergewaltigt worden. Ich maße mir nicht an, auch nur im Ansatz zu wissen, wie das ist, vergewaltigt zu werden. Ich wurde bloß von einem Menschen, der viel stärker war als ich, sexuell bedrängt. Mehr ist nicht passiert. Das war beschissen genug.

Bis heute gehört es zu den unangenehmsten Erfahrungen meines Lebens. Es ist das einzige Mal, dass mir so etwas passiert ist, aber noch heute löst es Unwohlsein und Schamgefühle aus, wenn ich daran denke. Ich habe mich selten so hilflos, ausgeliefert und gedemütigt gefühlt. Das ist mir einmal passiert.

Von sehr vielen Frauen weiß ich, dass solche und ähnliche Vorkommnisse, sowohl körperlich als auch verbal, ähnlich wie in meinem Fall oder viel, viel schlimmer, alltäglich sind. Alltäglich, nicht im Sinne von jeden Tag, sondern: Teil des Alltags.

"Das ist leider Normalität für Frauen. Muss man sich damit abfinden", erzählen sie. Und: "Glaubt einem ja eh keiner, wenn was passiert.

Ich könnte kotzen.

Wir leben in einem gesellschaftlichen Klima, in dem die meisten Menschen glauben, eine Vergewaltigung sei erst als solche zu erkennen, wenn die Frau sich mit Händen und Füßen gewehrt, halb tot und der Mann auch wirklich in ihr gekommen ist.

Dass #RapeCulture Realität ist, zeigt nicht nur diese Fallstudie oder die Studie der Uni Bielefeld. Aber ein sexueller Übergriff beginnt schon früher. Viel früher. Er beginnt dann, wenn man ein "Nein" nicht respektiert.

#WhyISaidNothing

Gestern begann meine Freundin, die Twitterin @outerspace_girl, unter dem Hashtag #WhyISaidNothing von ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen. Anlass war ein Artikel in der Welt über die Verschwörungstheoretikerin, Klimawandelleugnerin und Anti-Feministin Camille Paglia, die den Mythos der "Vergewaltigungsmärchen" propagiert. Schon bald machten weitere Frauen und Männer mit und berichteten, weshalb sie den sexuellen Übergriff nicht kommunizierten, geschweige denn anzeigten.

Der Hashtag #WhyISaidNothing war bis zu jenem Zeitpunkt nach Mitternacht, als altbekannte Trolle begannen, ihn zu hijacken und für Rape-Jokes und Spott zu missbrauchen, ein bedrückendes, aber umso wichtigeres Dokument der #RapeCulture in unserer Gesellschaft.

Ich habe eine Auswahl in einem Storify zusammengefasst:

#WhyISaidNothing: Weshalb wir nicht über unsere Vergewaltigung sprachen

Vergewaltigung und sexuelle Gewalt fängt nicht erst mit einer Penetration an.

Was wir Männer aus den Geschichten unter diesem Hashtag lernen können: Vergewaltigung und sexuelle Gewalt fängt nicht erst mit einer Penetration an. Und sie endet nicht mit dem Orgasmus des Mannes.

Die Scham, das Nichtglauben, das Nichternstnehmen, all das verlängert den Übergriff über die bloße Tat hinaus. (Übrigens: Die Täter hinter den Geschichten unter #WhyISaidNothing sind unter uns. Man sieht es ihnen nicht an. Manche sind sogar auf Twitter sehr beliebt. Warum sie noch immer beliebt sind, nun, das kann man unter #WhyISaidNothing nachlesen.)

Denn wie eine Studie 2011 herausfand: Sexuell belästigt fühlten sich 74,2 Prozent der Frauen, 29,2 Prozent im bedrohlichen Ausmaß. Jede Zehnte wurde mit sexuellen Absichten verfolgt. 42 Prozent der Frauen wurde nachgepfiffen und 35,9 Prozent sahen das als bedrohlich an. 30 Prozent waren schon Opfer sexueller Gewalt, sieben Prozent wurden vergewaltigt, bei 8,9 Prozent wurde das versucht. Ein Viertel wurde intim berührt, ohne das zu wollen.

Und:

Die Studie zeigte, dass Frauen und Männer von Gewalt betroffen sind, diese aber unterschiedlich wahrnehmen. Frauen sind öfter im engsten sozialen Umfeld von Gewalt betroffen und kämpfen mit schlimmeren sowie längeren Nachwirkungen als Männer, bei denen sich Gewalt (in der Opferrolle) tendenziell eher öffentlich abspielt. Frauen werden eher in der Partnerschaft und in der eigenen Wohnung zu Opfern -- "primär im engen sozialen Nahraum und in der Partnerschaft", so Kapella.

Gefreut hat mich, dass es bei aller Trollerei viele Solidaritätsbekundungen von Männern gab. So mancher brachte seine Bestürzung und Scham zum Ausdruck, die er nach der Lektüre empfand. Mir ging es nicht anders. Aber das reicht nicht. Wir müssen aktiv etwas tun.

#RapeCulture ernst nehmen

Es ist wichtig, dass wir #RapeCulture ernst nehmen. Es ist wichtig, dass wir Frauen zuhören und ihre Erfahrungen nicht invalidieren. Wir müssen den Frauen in unseren Leben - im "engen sozialen Nahraum und in der Partnerschaft" - ein Umfeld bieten, in dem sie nicht nur sicher sind (sprich: nicht objektifizieren, kein Sexismus, keine Übergriffigkeit), sondern Vertrauen haben können, über solche Erfahrungen offen zu reden. Und das beginnt, in dem wir akzeptieren, dass es ein Klima der Verharmlosung sexueller Gewalt gibt.

Aber mein Geschlecht versinkt in Diskussionen über Sexismus häufig in Selbstmitleid, statt sich dem Thema zu stellen. Das Narrativ, das man dann erlebt, ist ein ähnliches wie in Sachen Drittes Reich:

"Der Holocaust war doch nicht meine Schuld, warum werde ich da ständig dran erinnert!!!!111elf" Aber darum geht es ja nicht: Natürlich war der Holocaust nicht die Schuld unserer Generation. Unsere Generation und die Folgenden tragen aber die Verantwortung, so etwas nie wieder geschehen zu lassen.

Bevor hier jetzt jemand entrüstet den Holocaust-Vergleich rügt: Natürlich wird hier nichts verglichen. Es geht nur um das zugrunde liegende Narrativ und das Verhältnis von Schuld und Verantwortung.

Selbstverständlich ist man als Mann nicht pauschal Schuld an jeder Vergewaltigung.

Denn ähnlich verhält es sich mit sexueller Gewalt: Selbstverständlich ist man als Mann nicht pauschal Schuld an jeder Vergewaltigung. Aber wir als Männer tragen die Verantwortung, dass in unserem Umfeld Frauen sicher sind und so etwas nicht mehr passiert.

Und, Männer, wir müssen endlich akzeptieren, dass es nicht nur im BDSM Safewords gibt. Jede Frau, jeder Mensch hat in sexuellen Beziehungen ein Safeword. Es heißt "Nein". Respektiert das endlich, verdammte Scheiße.

Der Beitrag erschien zuerst hier.

Nach den Übergriffen in Köln war der Aufschrei groß. Auf einmal interessierten sich alle für die Situationen von Frauen in Deutschland. Die alltäglichen Belästigungen, Fummeleien oder Kommentare, die viele von ihnen ertragen müssen.

Einige Wochen später ist das Thema weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Die vielen engagierten Frauenrechtler von Anfang Januar sind verstummt. Dabei müssen wir über dieses Thema sprechen.

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