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04/01/2017 10:58 CET | Aktualisiert 05/01/2018 06:12 CET

Unter linken Männern oder: Warum ich Feministin bin

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Manchmal fragen mich Männer, die ich von früher kenne, warum ich Feministin bin. "Ist doch klar, dass der Kapitalismus an der Unterdrückung der Frau schuld ist", sagen dann die, mit denen ich früher in verrauchten Keller zusammen saß und über die Weltrevolution diskutierte, mir auf Demos die Stimme heiser brüllte, die Fingerspitzen blau von der Farbe auf unseren Flugblättern und das Herz voll Leidenschaft für die Rettung der Welt.

"Wenn der Widerspruch in den Produktionsverhältnissen überwunden ist, dann endet auch die Unterdrückung der Frau." Das sagen sie und lächeln, ganz so, als sei es fast schon traurig, mir nach all den Jahren noch immer oder schon wieder das Offensichtlichste erklären zu müssen, ein wenig nachsichtig, denn ich bin ja eine Frau und außerdem habe ich Kinder und bin eigentlich schon lange ein wenig bürgerlich und ich sehe sie an, diese nicht mehr ganz jungen Männer, von denen ich die meisten schon früher ziemlich dämlich und langweilig fand und die heute noch viel langweiliger sind und in mir steigt Wut auf.

Ich erinnere mich an jene Zeit, in den Kellern, auf den Demos. Ich erinnere mich daran, dass es immer die Männer waren, die sprachen, laut, mit dröhnender Stimme, die uns in endlosen Monologen darzulegen versuchten, wie sehr sie den Durchblick hatten, jeder von ihnen mindestens ein neuer Rudi Dutschke oder gleich Che Guevara.

Von uns Frauen, von uns ganz jungen Frauen, sprach nur selten eine. Wir waren nur Zierde, wir durften nur dabei sein, um zu bewundern und um Kuchen zu backen. Sprach eine von uns, so musste sie damit rechnen, von den Männern, den alten und den jungen, regelrecht auseinander genommen zu werden. Zu viel Gefühl, zu wenig revolutionäre Attitüde.

Wir Frauen, wir bringen es einfach nicht. Hormone, PMS und all das. All das schwang immer mit, wenn sie sich diese männerbündischen Blicke zuwarfen, mit spöttisch zuckenden Mundwinkeln. Die wenigsten unter uns ertrugen das, die meisten liefen rot an, begannen zu stottern und sagten nie wieder etwas. Das Diskutieren überließen wir lieber wieder den Männern.

Dann gab es die Wochenenden, die "Teach-Ins", in denen wir "Das Kapital" lasen und viel tranken und rauchten und wenn es dunkel und spät wurde, dann teilten die Männer die Frauen unter sich auf, denn Eifersucht und so, ey, das ist voll bürgerliches Besitzdenken, das müssen doch auch wir verstehen.

Am nächsten Morgen saßen sie dann zusammen, die Männer, und belobten einander für ihre Eroberungen, ihre Verachtung und ihr Sexismus gegenüber den Frauen, mit denen sie die Nacht verbrachten, kaum verhohlen, und wenn die Frauen dann dazu kamen, dann schwankten sie zwischen Scham und Trotz, doch die meisten gingen mit geknickter Würde und zerstörtem Ruf, denn noch bevor der Fairtrade gehandelte Kaffee in den Bechern kalt wurde, wusste jeder der anwesenden Männer, ob sie rasiert war und ob sie es auch anal gemacht hatte.

Schon damals war ich wütend. Ich wusste es nur noch nicht. Als gute Antikapitalistin verriet ich meine Genossen nicht. Ich war ihnen zu Diensten, stellte ihnen meine Vagina zur Verfügung, damit sie an und in mir ruhen und rasten konnten nach dem erschöpfenden Kampf gegen Nazis, die imperialistische Weltverschwörung und all die Bösen da draußen, ich organisierte und backte, vor allem aber schwieg ich.

Vermutlich fragen sich einige jetzt, ob ich meine Jugend irgendwann in den späten 60ern und den 70ern verbracht habe, aber nein, so alt bin ich noch nicht. Als ich eine radikale Linke war, endeten gerade die 90er und das neue Jahrtausend begann.

Was uns damals auf die Straßen trieb, waren die Ereignisse beim G8 Gipfel in Genua und der Irakkrieg, das einte uns. Wir alle wollten sie abstreifen, die bürgerliche Moral, all dieses kranke Zeug in unseren Köpfen. Was uns trennte, war unser Geschlecht.

Die älteste Unterdrückung der Welt

Wir sprachen viel über Unterdrückung und Ausbeutung damals, doch über die älteste und mächtigste Unterdrückungsform der Welt, nämlich die der Frauen, sprachen wir nicht. Es ist leicht, sich über die bösen Kapitalisten zu empören, über die ureigenen Privilegien zu sprechen hingegen nicht.

Geschlechterrollen wurden in linken Kreisen höchstens pro forma in Frage gestellt, für einen echten Wandel traten nur die wenigsten ein und so blieb und bleibt auch unter linken (und damit auch grünen) Idealisten alles, wie es seit Jahrtausenden ist. Als der Mann begann, das Vieh zu züchten, als er Land für sich beanspruchte und begann, Kriege gegen andere Männer zu führen, da begann er auch, seine Frau zu unterwerfen, für seine Nachkommen zu benutzen, für sein Vergnügen.

Frauen wurden zum Unterpfand, die ersten Sklaven waren Frauen, aus Sklaven wurden Prostituierte. Ganz gleich welche Art von Reformierung, Liberalisierung, Aufklärung, Transformation und Erneuerung die Welt seither erlebt hat, der Frauenhass hat sie alle überlebt. Es gibt keine Utopie, in der sich die Misogynie nicht findet.

Sie ist so selbstverständlich, so tief verwurzelt in unserer Gesellschaft, in unseren Beziehungen, in uns selbst, dass es bereits unendliche Kraft kostet, sie zu erkennen. Frauen werden vergewaltigt, als Kinder verheiratet, verstümmelt, erniedrigt, ermordet, geschlagen, geschwängert, zur Abtreibung gezwungen, zur Schwangerschaft gezwungen, geschlagen, betatscht, gestalkt, beschimpft, schlechter bezahlt, ausgegrenzt und diskriminiert - immer durch Männer.

Der Frauenhass hat so viele Gesichter, er begegnet uns in so mannigfaltiger Form, dass er allein durch seine Vielfalt und seine Omnipräsenz in der Selbstverständlichkeit unsichtbar zu bleiben vermag, dabei ist er überall, sogar in uns drin, zeigt sich in unserem Selbsthass auf unsere Körper und in unserem mangelnden Vertrauen in unsere Fähigkeiten.

Auch ich sah sie nicht, die Misogynie, damals, denn ich wollte mir meine eigene Unterdrückung nicht eingestehen. Ich wollte nicht wahrhaben, dass sie, meine Genossen, die doch von einer besseren, einer anderen Welt träumten, nicht auch für meine Befreiung kämpften, sondern nur für ihre eigene.

Auch der Sozialismus hat den Frauenhass nicht überwunden und auch der Marxismus bietet keine schlüssige Antwort für die Befreiung der Frau, er geht einfach davon aus, dass mit der Überwindung der ökonomischen Gegensätze auch der "Nebenwiderspruch" der Frauenunterdrückung verschwindet, ganz so, als gäbe es das Patriarchat nur im Kapitalismus.

Der Marxismus als Befreiungsideologie half mir zwar, die Welt und all ihre Widersprüche zu sortieren und zu benennen. Für meine eigene Unterdrückung aber hatte er kein Instrument, keine Worte, im Gegenteil: Er machte mich blind und stumm gegenüber dem alltäglichen Sexismus, dem ich und so viele andere Frauen unter linken Männern ausgesetzt waren.

Die Misogynie der Linken

Ich schreibe diesen Text heute, 20 Jahre später, wenige Tage nach Silvester, während einer Debatte um das vermeintlich rassistische Vorgehen der Kölner Polizei und nachdem Laurie Penny einen verzweifelten Text in der taz veröffentlichte, in der sie das männliche Establishment anflehte, doch bitte, bitte endlich die Bedeutung des Feminismus für eine liberale, weltoffene Gesellschaft anzuerkennen, da dieser gegen den Rechtsruck helfe und all die Frauen mahnte, auch ja gute Feministinnen zu sein, damit die Rechten nicht gewinnen.

Meine Timeline auf Facebook ist voll von antifaschistischen Seiten, die sich über Racial Profiling empören, zu den Ereignissen von Silvester 2015 aber ebenso schwiegen, wie zur alltäglichen Gewalt gegen Frauen und in mir bricht sich eine Wut Bahn, die ich viel zu lange unterdrückt habe, fast 20 Jahre lang, doch heute finde ich Worte für sie. Frauen haben mir beigebracht, sie in Worte zu fassen, sie überhaupt zuzulassen. Es war ein schmerzhafter Prozess, zu erkennen, dass die, die ich für meine Kampfgefährten hielt, in vielen Fällen eigentlich meine Gegner sind.

Männer aus linken Zusammenhängen beschweren sich in den Kommentarspalten über "Polizeigewalt" und "No-Go-Areas" und warnen davor, das "sei nur der Anfang" einer neuen rassistischen Agenda der Polizei, sie schrecken noch nicht einmal davor zurück, uns Frauen zu raten, doch einfach zu Hause zu bleiben, um Ärger zu vermeiden.

Das ganze letzte Jahr über haben sie auf die Ereignissen Silvester 2015 mit ohrenbetäubendem Schweigen reagiert, dass Köln im vergangenen Jahr eine "No-Go-Area" für Frauen war, ja, das Deutschland voll ist von "No-Go-Areas" von Frauen, geschaffen von biodeutschen Puffgängern in den Rotlichtvierteln oder von nichtbiodeutschen Männerhorden, die "Party" machen wollen, das interessiert sie nicht.

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Wieder endet ihre Solidarität, ihr Mitgefühl an der Grenze der Geschlechter und ist damit symptomatisch für das Versagen der linken Community, glaubhaft für die Befreiung der Frau zu kämpfen.

Linke Männer sind für Prostitution. Wo sie sonst die kapitalistische Ausbeutung anprangern, sehen sie in den Augen der Frauen auf den Straßen und in den Laufhäusern nur ihre eigene sexuelle Befreiung. Ihre Nutten, ihre Pornos wollen sie nicht aufgeben.

Das male bonding, die Bindung zwischen Männern, selbst aus diametralen politischen Lagern, ist stärker als die Liebe zu Gefährtinnen, Frauen, Müttern, Töchtern, als jeder vermeintliche Kampf für Gerechtigkeit und Freiheit.

Wie das funktioniert, sah man jüngst, als ein AfD Politiker der Vergewaltigung bezichtigt wurde und linke Männer flugs an die Unschuldsvermutung erinnerten - das müssen sie auch, denn sie selbst haben genug Dreck am Stecken. Auch sie belästigen und stalken Frauen in ihren eigenen Reihen oder tolerieren, dass ihre Genossen es tun.

So groß die politischen Gräben sein mögen, wenn es um die patriarchalen Privilegien geht und sei es nur das Recht, an Silvester in Gruppen aufzutreten und für Frauen eine zumindest gefühlt bedrohliche Situation entstehen zu lassen, stehen Männer zusammen und bringen lästige Frauen ganz schnell zum Schweigen.

Die Unfähigkeit der Partei DIE LINKE (und auch der GRÜNEN), sich kritisch zu Prostitution zu äußern, spricht Bände über dieses Versagen, über diesen Verrat an Frauen, der sich fortsetzt darin, dass die kurze Einschränkung einer Gruppe von Männern in ihrer Bedeutung den Übergriffen gegen Frauen im Jahr zuvor gleichgesetzt wird, ja, dass sich daraus folgern lässt, es wäre besser gewesen, jeden Verdacht von Rassismus zu vermeiden und Frauen vielleicht erneut Situationen wie im vergangenen Jahr auszuliefern, als Männer einer bestimmten Herkunft ein paar Stunden festzuhalten.

Wir wissen nicht, was geschehen wäre, hätte die Polizei in Köln anders gehandelt. Was wir wissen ist, dass es in Köln in dieser Nacht nur zwei Vergewaltigungen gab, in Hamburg aber über ein Dutzend, begangen von Männern mit dem gleichen Hintergrund wie die, die in Köln von der Polizei festgehalten wurden.

Vermutlich also hat eine verhältnismäßig große Gruppe von Männern einen sehr kleinen Preis dafür bezahlt, dass Frauen sich an Silvester in Köln sicherer gefühlt haben, während im vergangenen Jahr eine große Gruppe von Frauen einen sehr hohen Preis dafür bezahlte, dass Männer ihre Selbstermächtigung in einem rechtsfreien Raum auslebten, doch die linken Eiferer sind noch nicht einmal bereit, diesen winzigen Preis zu zahlen, der sich am Ende aus der generellen Unfähigkeit der Gesellschaft ergibt, Männer ihren Anspruch auf Frauenkörper zu verwehren.

Dass sich Amnesty International, die ein Recht auf Sexkauf und auf Zuhältertum postulieren, auch nach Silvester sogleich zu Wort meldete und das Vorgehen der Kölner Polizei als Rassismus verurteilte, passt in das Schmierentheater. Nach Silvester gab es die Kampagne #ausnahmslos, die oberflächlich gegen sexuelle Gewalt richtete, ihrem Wesen nach aber eine Antirassismuskampagne war und einmal mehr den Kampf gegen männliche Privilegien anderen Kämpfen unterordnete.

Linke Männer verlangen, dass wir über die uns angetane Gewalt schweigen, wenn sie nicht zur politischen Agenda passt.

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Statt darüber zu sprechen, dass da ein Geschlecht, die Männer, unabhängig von ihrer Herkunft, als Inhaber der althergebrachten patriarchalen Privilegien, noch immer überall auf der Welt glaubt, ein Anrecht darauf zu haben, seine Freiheit auf Kosten der Sicherheit und dem Wohlergehen von Frauen auszuleben, ziehen die Linken die Rassismuskarte, benutzen sie als Silencing-Methode, bis sogar vergewaltigte Frauen Angst davor haben, die Hautfarbe ihrer Vergewaltiger zu benennen, um diese vor Rassismus zu schützen, die ultimative politische Unterwerfung unter die eigene Unterdrückung.

Die Welt krankt an männlicher Gewalt

Diese Welt "krankt" nicht einfach am Kapitalismus oder am Rechtspopulismus oder am Terror, sie krankt an männlicher Gewalt, die sich gegen alles richtet, die Natur, die Gesellschaft und die Frauen und gegen die Freiheit. Solange es das Patriarchat gibt, solange gibt es keine Freiheit, solange kann es immer nur Privilegien für einzelne, durch Männer bestimmte Gruppen geben.

Zu diesen privilegierten Gruppen gehören auch und insbesondere linke Männer.

Reden wir nicht über Rassismus. Reden wir über Geschlecht und Misogynie, reden wir über die Vergewaltigungskultur und die ermordeten und vergewaltigten Frauen des vergangenen Jahres, der vergangenen Jahrtausende, reden wir über männliche Gewalt und wer die Kriege anzettelt, unter denen wir leiden, und reden wir auch über den Sexismus und die Misogynie der linken Männer, in den Parteien und außerhalb, die lieber noch den Geringsten unter ihnen schützen wollen als eine einzige Frau vor einem Übergriff.

Männer mögen sich in Besitzverhältnissen, Rasse und Herkunft feindlich gegenüberstehen, wenn es um den Zugriff auf Frauenkörper geht, sind sie sich einig, sie wählen nur andere Begriffe dafür, haben andere Absichten.

Die Linken sind nicht so besessen von der Gebärfähigkeit der Frauen wie die Rechten, ihnen geht es um die freie Verfügbarkeit von Sex, der für sie Teil einer antimaterialistischen Weltsicht ist. So wie sie den Anspruch der Kapitalisten auf Privateigentum ablehnen, so lehnen sie es ab, dass Frauen ihre Körper als Eigentum betrachten und folgen damit der ursprünglichen patriarchalen Formel: Frauenkörper sind Dinge und mit ihnen kann verfahren werden wie mit Dingen.

"Nun habe dich nicht so", ist ein Satz, den ich auf linken Veranstaltungen und später auch in der Partei DIE LINKE unzählige Male gehört habe und es ist auch der Satz, den ich aus der aktuellen Debatte heraushöre. Erst einmal gilt es doch den Rassismus zu bekämpfen, den Rechtsruck zu verhindern, um das lästige Frauengedöns können wir uns doch dann kümmern, wenn für die Männer die Welt wieder in Ordnung ist.

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Die Wahrheit hinter dieser Debatte ist, dass die GRÜNEN, die ich auch zu den Linken zähle, Angst um ihre linken Privilegien haben. Sie haben am meisten zu verlieren, wenn die Mitte der Gesellschaft mehr nach rechts rückt, sie haben sogar ganz plumpe, körperliche Angst davor, demnächst von ein paar Rechten ein paar auf's Maul zu bekommen, wenn sie mit ihren Jutebeuteln in der Innenstadt unterwegs sind und bekommen so vielleicht eine Ahnung davon, welchen Spießrutenlauf wir Frauen tagtäglich durchmachen.

Wenn linke Männer andere Männer vor Rassismus verteidigen, dann verteidigen sie in Wirklichkeit sich selbst und ihre Überzeugungen, ihr Verständnis von Freiheit.

Der Feminismus bedarf keiner Legitimierung durch Männer

Feminismus ist kein Label, das man sich umhängen kann, um die eigenen Interessen voranzubringen. Er hat seinen Ursprung in der jahrtausendealten Unterdrückung von Frauen und seine Agenda ist die Befreiung der Frau in allen gesellschaftlichen Zusammenhängen.

Solange auch nur eine von uns von einem Mann unterdrückt, ausgebeutet, vergewaltigt, geschlagen oder anderweitig benutzt wird, hat der Feminismus seine Berechtigung in sich selbst. Er muss nicht aufgewertet oder legitimiert werden, weil die Welt mal wieder am Rand des Abgrunds steht. Was diese Welt an den Rand des Abgrunds treibt, im Großen, wie im Kleinen, ist die Gewalt, die Männer uns, unseren Kindern und auch anderen Männern antun.

Männliche Gewalt ist es, die unsere Welt zerstört und die Linke scheitert immer wieder daran, diese Gewalt auch nur zu erkennen, geschweige denn, sie zu benennen und das liegt daran, dass die Linke selbst ein männliches Projekt ist, ein Teil der patriarchalen Weltordnung.

Der Feminismus ist kein Mittel zum Zweck. Er ist nicht einer von vielen Kämpfen um gesellschaftliche Gerechtigkeit und die liberale Zivilgesellschaft, um die jetzt alle zittern.

Für uns Frauen bedeutet diese liberale Zivilgesellschaft keine Zuflucht, keine Freiheit, denn sie macht uns zu Sexobjekten, die devot und halbnackt von Werbeplakaten herunterlächeln oder in Pornos millionenfach inszenierte Vergewaltigungen über sich ergehen lassen, an denen sich unsere Partner, Väter, Kollegen, Freunde und Vorgesetzte aufgeilen, sie liefert unsere Schwestern der Prostitution aus und nennt die täglich erlebte sexuelle Gewalt zynisch Wahlfreiheit, sie lässt zu, dass wir in den sozialen Netzwerken, im Netz überhaupt, mit Hass überschüttet werden, nur weil wir Frauen sind, dass wir uns in jedem billigen Vorabendfilm eine Vergewaltigung ansehen müssen, weil es die "Story" aufwertet und zu Musik tanzen, die uns erzählt, Vergewaltigungen sei der Sex, den wir verdienen.

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Diese liberale Gesellschaft entfremdet uns von uns selbst, beutet unsere Körper aus und nimmt uns das Recht, über uns und unsere Körper selbst zu bestimmen. Warum sollten wir für diese Gesellschaft, die unsere Kämpfe so lange mit Füßen getreten hat, kämpfen? Weil sie das kleinere Übel ist? Was ist, wenn dieses kleinere Übel für uns nicht mehr genug ist?

Männliche Vorherrschaft ist das Weltübel, das es zu bekämpfen gilt

Die Ereignisse der Silvesternacht 2016 bzw. das Verhalten linker Männer, die sich über angebliche "No-Go-Areas" für Männer aufregen und "Rassismus" krakelen, bestätigen mich in einer Entscheidung, die ich schon vor langer Zeit traf: Ich bin keine Linke mehr. Ich bin eine radikale Feministin. Man kann nicht beides sein, radikal links und radikale Feministin.

Ich kämpfe den ältesten Befreiungskampf der Welt gegen die älteste Unterdrückungsform der Welt, ich kämpfe ihn für mich und meine Töchter und all die Frauen, auch die, die Feminismus scheiße finden. Ich kämpfe ihn gegen rechts und gegen links und gegen die Mitte und gegen jeden, der glaubt, Gewalt gegen und Unterdrückung der Frauen irgendwie rechtfertigen zu können. Ich kämpfe ihn auch und insbesondere gegen linke Männer und ihre Verlogenheit.

Ihr habt uns verraten, wieder und wieder. Und jetzt möchtet ihr, dass wir Feministinnen den Kampf gegen Rechts flankieren, weil ihr Angst habt? Ihr findet Krieg und Umweltzerstörung scheiße, aber wollt nicht darüber reden, wer diese Kriege führt und wer diese Umwelt zerstört, ihr wollt eure Rolle, die Rolle der Männer aus der Analyse heraushalten, um eure Privilegien zu bewahren? Dann kann es euch nicht so ernst sein mit der Rettung der Welt.

"Aber das Frauenbild der Rechten", sagen sie dann. Und ich sehe sie an und verstehe sie nicht mehr. Lieber linkes Sexobjekt als rechte Zuchtstute? Ist das die Wahl, die wir Frauen haben und wenn wir nicht richtig wählen, sind wir Schuld am nächsten Trump?

Von allen Analysewerkzeugen, die uns Politik und Soziologie zur Verfügung stellen, ist der Feminismus das einzige, das männliche Gewalt und patriarchale Strukturen als Wurzel von Leid und Unterdrückung analysiert, benennt und bekämpft.

Im Durcheinander all der unterschiedlichen, intersektionalen Unterdrückungsformen betrachtet der Feminismus die Metaebene und zeigt, wovon die meisten Menschen, nämlich die Hälfte der Weltbevölkerung, betroffen sind: von patriarchaler Zerstörungswut und benennt sogleich den Grund dafür, warum die andere Hälfte der Weltbevölkerung kein Interesse daran hat, an diesem Zustand etwas zu ändern, linke Männer eingeschlossen. Auch sie wollen ihre männlichen Privilegien nicht verlieren, auch wenn dieses Festhalten an Privilegien uns alle, sie eingeschlossen, dem Untergang weiht.

Jüngst las ich einen Zeitungsartikel. Demnach veröffentlichte die FAO, die Welternährungsorganisation, eine Studie, die zeigte, dass, wenn Frauen in ländlichen Regionen die gleichen Chancen hätten wie Männer, 150 Millionen Menschen weniger Hunger leiden würden weltweit. Warum? Weil Frauen das Geld besser einsetzen und erfolgreicher wirtschaften.

Ich schnitt den Zeitungsartikel aus und trage ihn seither bei mir. Wenn ich sie treffe, die barttragenden linken Männer meiner Jugend, jetzt gealtert und ein bisschen wehleidig, und sie mich fragen, warum ich dieses ganze Feminismusding auf einmal so verbissen sehe und mich dann vorwurfsvoll fragen, warum ich auf keine Demos mehr gehe, jetzt, wo doch alles so schlimm sei, dann hole ich den Zeitungsartikel hervor und zeige ihn ihnen.

Der Feminismus muss nicht links oder rechts werden, er muss nicht die Welt retten vor dem Rechtsruck, nur damit wir Frauen im nächsten Augenblick wieder die dressierten Sexobjekte der linken Weltverbesserer sein dürfen. Wer die Welt retten will, muss aufhören, links zu sein und damit beginnen, Feminist zu werden.

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