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01/12/2015 05:21 CET | Aktualisiert 01/12/2016 06:12 CET

Darum sind die nächsten 5 Jahre entscheidend für das Ende von Aids

M.P.

Vor zwei Jahren war ich zusammen mit dem Musiker Rea Garvey, dem TV-Koch Tim Mälzer und der entwicklungspolitischen Organisation ONE auf einer Reise durch Uganda. Dort konnte ich mir ein eigenes Bild davon machen, wie Entwicklungszusammenarbeit wirklich aussieht.

Was mich persönlich berührt aber gleichzeitig auch beeindruckt hat, war das Schicksal der sechsfachen Mutter Florence, die mit Mitte dreißig erfahren hat, dass sie und ihr Mann an HIV erkrankt waren. Es dauerte nicht lange, bis sie ihren Mann an Aids verloren hatte.

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Die Familie des verstorbenen Mannes wollte sie aus dem gemeinsamen Haus werfen, von den Dorfbewohnern wurde sie geächtet. Florences Situation war zum Verzweifeln.

Damit ihre Kinder nicht auch noch die Mutter an die Krankheit verlieren würden, mit der sich jährlich rund 2 Millionen Menschen infizieren und die jedes Jahr 1,2 Millionen Todesopfer fordert (3.200 am Tag!), traf Florence eine wegweisende Entscheidung, die alles ändern sollte: Sie wandte sich an die Organisation TASO (The Aids Support Organisation), die sich um Menschen wie Florence kümmert.

Dort erhielt sie zum ersten Mal lebensrettende Aids-Medikamente sowie juristischen Beistand und sogar einen Kleinkredit, mit dem sie zwei Hühner und ein Ferkel erwerben konnte.

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HIV und positiv


Mittlerweile ist Florence 51 und hat beste Aussichten, ihre Enkelkinder aufwachsen zu sehen. Sie führt einen kleinen Bauernhof, mit dem sie sich und ihre Familie ernähren kann, und betreibt in Zusammenarbeit mit TASO in ihrer Gemeinde Aufklärungsarbeit über HIV/Aids, damit andere von ihrem Schicksal verschont bleiben.

TASO wird unter anderem finanziert vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria und steht sinnbildlich für die Erfolge gegen die ansteckende Immunschwächeerkrankung.

Von den 37 Millionen Menschen, die an HIV erkrankt sind, erhalten bereits 15 Millionen Menschen eine Behandlung mit lebensrettenden Aids-Medikamenten, über die Hälfte davon mithilfe des Globalen Fonds.

Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es lediglich 700.000. In den letzten 15 Jahren konnten acht Millionen Aids-bezogene Todesfälle verhindert werden. Das entspricht in etwa der Bevölkerung der Schweiz.

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Aids: Eine aktuelle Bestandsaufnahme


Diese Erfolge kommen nicht von ungefähr, sondern sind das Ergebnis internationaler Anstrengungen, HIV/Aids zu bekämpfen. Und dieser Job ist noch lange nicht erledigt: 2014 steckten sich weltweit immer noch 2 Millionen Menschen mit HIV an.

Dem gegenüber standen 1,9 Millionen HIV-Infizierte, die erstmalig eine antiretrovirale Behandlung erhalten haben, Tendenz steigend.

Wir stehen hier kurz vor einer Trendwende, dem Moment also, an dem mehr HIV-Infizierte eine Behandlung mit lebensrettenden Aids-Medikamenten bekommen als sich Menschen mit HIV infizieren.

22 Millionen HIV-Infizierte haben allerdings immer noch keinen Zugang zu einer solchen Behandlung. Und jeden Tag werden 600 Kinder mit HIV geboren, obwohl es längst Möglichkeiten gibt, eine Krankheitsübertragung auf das Kind zu vermeiden.

Nachlässigkeit: Der größte Gegner vom Anfang vom Ende von Aids

Was sich derzeit in der Aids-Bekämpfung abzeichnet, gibt Anlass zur Sorge: Wir beobachten einen gefährlichen Trend zur Nachlässigkeit.

Zurzeit scheint sich die internationale Gemeinschaft auf bisher Erreichtem auszuruhen, obwohl es gerade jetzt nötig wäre, den Kampf gegen HIV/Aids zu intensivieren. Diese Nachlässigkeit äußert sich unter anderem in der Finanzierung des Kampfes gegen Aids: Die Mittel stagnieren.

Von 20,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013 sanken sie auf 20,2 Milliarden US-Dollar im letzten Jahr.

Das UN-Programm UNAIDS, das den internationalen Kampf gegen HIV/Aids koordiniert, hat errechnet, dass bis 2020 jährliche Investitionen von 32 Milliarden US-Dollar nötig sind, um AIDS als Epidemie bis 2030 zu beenden.

Es gibt also eine Finanzierungslücke von etwa 12 Milliarden US-Dollar. Richtig eingesetzt könnte man damit innerhalb der nächsten 15 Jahre 28 Millionen HIV-Infektionen und 21 Millionen Aids-Tote verhindern.

Läuft alles allerdings so weiter wie bisher, besteht die Gefahr, dass bisher erzielte Erfolge zunichte gemacht werden und die Zahl der Neuinfektionen wieder viel größer wird als die Zahl derer, die eine Behandlung bekommen.

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Wie schließen wir die Finanzierungslücke?

87 Prozent der internationalen Hilfszusagen kommen aus nur fünf Ländern: den USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden.

Die Finanzierungslücke wird nicht geschlossen werden, wenn wir uns immer auf die „Big Five" und andere große Industrienationen verlassen.

Die Mittel müssen aus vier Bereichen mobilisiert werden: Neben den klassischen Geberländern kommt auch neuen Gebern eine wichtige Rolle zu, insbesondere Schwellenländern wie China, Russland oder Indien.

Dazu kann die Wirtschaft sich stärker einbringen und sowohl Fachwissen als auch Mittel für den Kampf gegen HIV/Aids beisteuern. Und auch die Staaten, die selbst am stärksten von HIV/Aids betroffen sind, stehen in der Verantwortung.

44 Länder beziehen immer noch mindestens 75 Prozent ihres Finanzierungsbedarfs für die Aids-Bekämpfung von internationalen Gebern. Sie könnten zum einen mehr Eigenmittel für die Stärkung ihrer Gesundheitssysteme generieren und müssten diese zum anderen effektiver einsetzen als bisher.

Das hier ist kein utopischer Appell einer Weltverbesserin, die die Realität verkennt. Wir wissen, wie sich HIV/Aids mit Medikamenten wirksam bekämpfen lässt. Wir wissen, wie man präventiv vorgehen kann. Und wir wissen, wo Interventionen etwas bewirkt haben und wo Bemühungen weniger erfolgreich waren.

Jetzt muss es darum gehen, dieses Wissen anzuwenden und Aids als Epidemie endlich zu beenden. Die Zeichen stehen günstig.

Vor etwas mehr als zwei Monaten haben sich die Staats- und Regierungschefs dieser Welt bei einer UN-Konferenz in New York auf die 17 sogenannten Nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) geeinigt. Das dritte Globale Ziel, beinhaltet, Aids als die Epidemie, die es zurzeit darstellt, zu beenden.

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Der Globale Fonds - eine starke Waffe gegen die Immunschwächekrankheit

Ein Instrument, das sich als eines der wirksamsten Waffen im Kampf gegen Aids, Malaria und Tuberkulose etabliert hat, ist der Globale Fonds, der unter anderem durch die Förderung von TASO Florence das Leben ermöglicht hat, das sie jetzt führen kann.

Alle drei Jahre findet eine Konferenz statt, bei der weitere Mittel für den Globalen Fonds bewilligt werden. Diese kommen von staatlichen Gebern wie Deutschland oder den USA, aber auch der Wirtschaft sowie privaten Stiftungen wie der Bill & Melinda Gates Foundation.

Die nächste Wiederauffüllungskonferenz findet im kommenden Jahr statt. Damit der Fonds den wachsenden Mittelbedarf für seine Arbeit in den nächsten drei Jahren decken kann, benötigt er nach Schätzungen von ONE Zusagen von mindestens 13,5 Milliarden US-Dollar.

Der faire Anteil für Deutschland liegt hier bei 400 Millionen pro Jahr. Aktuell trägt die Bundesregierung aber lediglich 210 Millionen Euro bei. Da ist also noch richtig viel Luft nach oben.

Was noch getan werden muss, damit Menschen wie Florence weltweit geholfen werden kann bzw. damit es gar nicht erst soweit kommt wie in ihrem Fall, veranschaulicht ONE in seinem aktuellen Aids-Bericht „Eine offene Rechnung".

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