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06/02/2016 09:55 CET | Aktualisiert 06/02/2017 06:12 CET

Von Liebe, Intoleranz und Selbstmord im 21. Jahrhundert

PYMCA via Getty Images

Wer kennt sie nicht, die romantische Geschichte von Romeo und Julia? Romeo und Julia verlieben sich, dürfen aber nicht heiraten, weil ihre Familien verfeindet sind. Sie tun es aber trotzdem - heimlich. Julia vergiftet sich, um mit Romeo durchbrennen zu können, Romeo checkt es nicht und bringt sich selbst um, woraufhin sich dann Julia umbringt.

Verzweiflung und Selbstmord

Shakespeare ist vor so ziemlich genau 400 Jahren gestorben. 1616 um genau zu sein. Die Themen, über die er geschrieben hat sind aber aktueller denn je. Von wegen, früher war alles besser - manche Sachen haben sich eben nicht geändert.

So auch der Selbstmord des 34-jährigen Pedja aus Bosnien. Die bosnische Zeitung Dnevni Avaz berichtet, dass Pedja in einer langjährigen Beziehung mit seiner 26-jährigen Freundin war. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber Pedjas Freundin gehörte einer anderen Religion an. Eigentlich kein big deal - für Pedja und seine Freundin allerdings schon.

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Hass und Feindschaft

Die Familien der Liebenden wollten und konnten ihre Beziehung nicht akzeptieren. Pedja hat keinen anderen Ausweg gesehen, als sich selbst das Leben zu nehmen. Manche würden an dieser Stelle vielleicht sagen, dass er aus Liebe getan hat, aber ich glaube nicht, dass sich jemand aus Liebe umbringt. Es wird pure Verzweiflung gewesen sein.

Denn die Lage war klar, das Pärchen hätte sich entscheiden müssen: Familie oder Partner? Eine schwierige Situation.

Krieg als Quelle der Separation

Bevor man allerdings umschlägt und sich direkt ein Urteil über diese Situation bildet, sollten wir uns dennoch kurz vor Augen halten, warum es für die Liebenden so ein großes Problem gewesen sein muss. Schließlich herrschte zwischen den Völkergruppen der Serben und Bosniaken bis vor 20 Jahren noch blutrünstiger Bürgerkrieg.

Journalistin und Bürgerin Sarajewos Edina Bajric hat uns einen kleinen Einblick in das soziale Liebesgefüge Bosniens gegeben:

„Der Krieg, der sich in Bosnien und Herzegowina zugetragen hat, hinterließ viele Folgen, dazu zählen vor allem nationale Intoleranz zwischen den Völkergruppen und Misstrauen. Das ist der größte Grund, wieso Eltern ein Problem damit haben, dass ihre Kinder sich auf eine Beziehung mit jemandem einlassen, der einer anderen Nation oder Religion zugehört.

Natürlich kann dies nicht verallgemeinert werden, da es in Bosnien und Herzegowina viele Menschen gibt, die andere ausschließlich für ihre menschlichen Werte schätzen und nicht auf Grundlage ihrer religiösen oder nationalen Zugehörigkeit."

Angst vor Ablehnung

"Dennoch hat, so wie ich es in meiner Umgebung wahrnehme, der Großteil noch immer Einschränkungen in diesem Bereich und junge Leute trauen sich nicht eine engere Beziehung mit jemandem zu beginnen, der eine andere Religionszugehörigkeit hat.

Der Grund dafür ist die Angst vor der möglichen Ablehnung der eigenen Familie und des engen Bekanntenkreises."

Angst vor dem Fremden auch in Deutschland

Dass die Menschen in Bosnien eine grausame Geschichte von Feindseligkeit mitschleppen und auch auf ihre Kinder übertragen, ist furchtbar und gleichsam unerträglich. Doch der Krieg ist nun 20 Jahre vorbei und es ist an der Zeit nach vorne zu blicken.

Dafür müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Wieso höre ich so oft in Deutschland, dass die Eltern von Marie ein Problem damit haben, dass sie mit Onur zusammen ist? Oder von den Eltern von Onur, dass er keine deutsche Freundin haben darf? Wieso möchte Julias Anwaltspapa nicht, dass sie den Arbeiterjungen Oliver liebt?

Und überhaupt, darf man nur jemanden lieben, den die Eltern akzeptieren?

Und wir lernen nichts?

Wir denken in Schubladen und vielen Menschen fällt es schwer, aus diesen Schubladen auszubrechen, auch 400 Jahre nach Romeo und Julia. Wenn wir mal die Hypothese aufstellen, dass uns Shakespeare eine Lehre mit seinem Stück Romeo und Julia vermitteln wollte, dann kann hier klar gesagt werden, dass wir in 400 Jahren nicht viel dazu gelernt haben.

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