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31/01/2017 05:37 CET | Aktualisiert 01/02/2018 06:12 CET

Wie wir am Arbeitsplatz krank gemacht werden

RF

Scherze und gelegentliche Auseinandersetzungen am Arbeitsplatz sind normal und gehören zum Arbeitsalltag dazu. Hierdurch wird kaum jemand krank. Wenn aber „Witze", Beleidigungen, Entwürdigungen systematisch gegen eine Person oder eine Gruppe gerichtet werden, dann handelt es sich zweifelsohne um „Mobbing" bzw. um „Psychoterror" am Arbeitsplatz.

Unter Mobbing versteht man in der Wissenschaft eine negative Kommunikation, die bewusst gegen einen Menschen von einer Person oder einer Gruppe über einen längeren Zeitraum gerichtet wird, einhergehend mit Konfrontation, Belästigung, Nichtachtung der Persönlichkeit und einer Akkumulation von unbegründeten Angriffen. Diese Angriffe können sich auf die Art der Kommunikation, des sozialen Status, des Arbeitslebens aber auch des Privatlebens beziehen.

Es existieren zwar Gesetze in Deutschland, die die Rechte und die Würde des Menschen am Arbeitsplatz schützen, aber sie sind weder ausreichend noch effizient. Die Folgen durch Mobbing sind zunächst unsichtbar, daher ist diese Art der Krankmachung von vielen Menschen am Arbeitsplatz auch für den Gesetzgeber unsichtbar.

In der Behandlung von Betroffenen und auch in Gesprächen mit anderen Ärzten stelle ich fest, dass es kaum einen Arbeitsplatz gibt, wo bestimmte Personen aus unterschiedlichen Gründen, jedoch nicht aus arbeitstechnischen Gründen, im wahrsten Sinne des Wortes „terrorisiert" werden.

Diese gezielte Anfeindung folgt einer bestimmten Logik

Diesen Menschen wirft man aus heiterem Himmel vor, das Arbeitsklima zu stören, ohne genau zu quantifizieren, was überhaupt mit diesem Vorwurf gemeint ist. Es sind nicht die betroffenen Personen, die in Wirklichkeit das Arbeitsklima „vergiften", sondern diejenigen, welche solche „Vorwürfe" in den Raum werfen und somit Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen bewusst ins Abseits befördern.

Diese gezielte Anfeindung folgt einer bestimmten Logik, nämlich die Betroffenen einzuschüchtern, zu isolieren, zu verängstigen und schließlich dahingehend zu bewegen von sich aus den Arbeitsplatz aufzugeben. Je länger ich mich mit den Betroffenen auseinandersetzte, desto mehr an hässlichen Abgründen taten sich auf.

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Ich erinnerte mich plötzlich an eine von Nietzsches Aussagen, der den Menschen als das noch nicht festgestellte Tier bezeichnete. Man entdeckt ein Universum des Hasses, der Intrigen und der Vernichtung von Seelen. Es erschüttert einen, wenn man sich dieses Universum etwas genauer anschaut, wo künstlich Feindschaften kreiert werden und wo die betroffenen Personen, wenn sie einmal ins Visier genommen werden, weiter in die Enge getrieben werden und alles „Falsche", „Hässliche" und „Intrigenhafte" in diese Personen projiziert wird.

Die Anfeindung wird künstlich erzeugt und auf eine „kreative" und „banale" Art und Weise nicht nur am Leben erhalten, sondern konsequent verstärkt. Es liegt nicht an der Persönlichkeitsstruktur der Betroffenen, dass sie gemobbt werden. Auf diese Idee könnte man kommen. Untersuchungen, insbesondere in den 80er Jahren, konnten jedoch bei den Betroffenen keine bestimmte Persönlichkeitsstruktur finden, die sie leicht zu „Opfern" werden lässt.

Hingegen konnte in Untersuchungen gezeigt werden, dass sehr viele Menschen von Mobbing betroffen sind. Viele dieser Betroffenen gehen entweder in Frührente, andere werden psychisch krank und nicht selten kommt es vor, dass sich Betroffene suizidieren.

Das ist eine "Ermordung" von Mitmenschen

Wo bleiben die Betriebsräte und die Gewerkschaften? Warum lassen viele Arbeitskollegen, die sich an dieser Art der „Ermordung" von Mitmenschen nicht beteiligen, solche Vorgehensweisen zu? Warum toleriert der Arbeitgeber solche Verhaltensweisen, wo es doch immer heißt, dass es „Leitbilder" gibt?

Den Betriebsräte und den Gewerkschaften kann man kaum einen Vorwurf machen, denn selten wird die Entstehung und Entwicklung dieser doch ernsthaften Probleme transparent. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele Mitarbeiter schweigen und auch das Mobbing sehr subtil erfolgt, so dass der Nachweis sehr schwer fällt.

Man zweifelt an den Aussagen des Betroffenen und das häufige Aufsuchen des Betriebsrates, der Gewerkschaft oder der Personalabteilung nervt die Mitarbeiter dieser Institutionen. Man will das Problem einfach nur schnell loswerden. Weder die Personalabteilung noch die Betriebsärzte und schon gar nicht die Betriebsräte machen sich Gedanken darüber, warum sich ein Mensch so verhält wie er sich verhält.

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Sie sehen nicht die leidende Seele, sondern ein „Problem", das möglichst schnell beseitigt werden muss. Auch dem Arbeitgeber ist selten ein Vorwurf zu machen, denn auch ihm fehlt der Überblick und die Transparenz über die Ursachen, die aus einem ausgezeichneten Mitarbeiter für den Arbeitgeber aus unerklärlichen Gründen ein „Problem-Mitarbeiter" machen. Schnell und unüberlegt wird in die psychiatrische Kiste gegriffen.

Es ist dennoch nicht so, dass wir von nicht vorhandenen Gesetzen sprechen wollen und von rücksichtslosen Arbeitgebern bzw. von fehlenden Kenntnissen der Personalleitung hinsichtlich der Gesetzgebung. Vielmehr zeigt sich hier wie das Gesetz leicht gebeugt werden kann.

Es beginnt alles harmlos und entwickelt sich für die Betroffenen schnell zu einer Katastrophe. Bevor die entsprechenden Instanzen, die Betriebsräte und die Personalabteilung, die Entwicklung mitbekommen, ist der Betroffene bereits isoliert und befindet sich im Prozess des Rückzugs und der permanenten Angst.

Der Psychoterror am Arbeitsplatz

Die Gründe sind vielfältig. Auslöser können Behinderungen, Schwangerschaft, Aussehen, Neid, Religion aber auch die Arbeitsweise sein, sowie die Persönlichkeitsstruktur der Täter und die Feigheit der Mitläufer. Es entwickelt sich alles sehr langsam. Zunächst sind es unbegründete Vorwürfe, dann wird der Blickkontakt gemieden.

Alsdann wird die Person gemieden. Man redet nicht mit ihr, sondern über sie. In der Gruppe wird sie bewusst ignoriert. Man fokussiert sich zunehmend auf die gemachten „Fehler", die nicht selten zum Anlass genommen werden, um ein „Gespräch" mit dem Betroffenen zu führen. In den meisten Fällen lösen sich diese „Fehler" in Luft auf, aber das Gespräch bleibt als Makel an sich zurück.

Diese „Gespräche" häufen sich an. So entsteht der Eindruck, als ob der Betroffene permanent Fehler fabrizieren würde. Eine Vorgehensweise, die gerne praktiziert wird, weil man ja „Gesprächsbereitschaft" signalisiert, um das „Problem" zu beheben. In Wirklichkeit dienen diese Gespräche dem „Täter", um die fehlende Einsicht des Betroffenen künstlich zu untermauern.

Neben diesen Gesprächen kommen tägliche Sticheleien hinzu, Missachtung, bewusstes „Kopfschütteln", Augenrollen und tiefes Durchatmen. Alles technische Verhaltensweisen, die verdeutlichen sollen, dass diese Person unerwünscht ist und dies sollen auch alle wissen.

Hierzu gehört auch das Vorenthalten von Informationen. Die Betroffenen werden zu bestimmten Veranstaltungen nicht eingeladen wie auch nicht zu geselligen Treffen der Abteilung. Die Betroffenen liefern sehr gute Arbeit, aber sie erhalten bewusst kein Feedback. Der Betroffene ist praktisch nicht existent. Damit will man ihm seine Bedeutungslosigkeit vor Augen führen.

Das Leiden der Betroffenen

Das Leiden ist für den Therapeuten auf den ersten Blick nicht sichtbar. Das Desaster, indem sich der Betroffene befindet, wird nach und nach sichtbarer und es manifestiert sich die Grausamkeit, die an diesen Seelen begangen worden ist. Die Betroffenen werden seelisch „zermürbt".

Diese Vorgehensweise erzeugt eine permanente Angst im Betroffenen, die in nackte Existenzangst umschlagen kann. Die Betroffenen werden im Verlauf depressiv. Sie leiden unter Schlafstörungen, innerer Unruhe, Kraftlosigkeit, Stimmungsschwankungen bis hin zu wahnhafter Depression und nicht selten führt dies zur Entwicklung von Psychosen. Andere sehen keinen Ausweg aus dem Dilemma und suizidieren sich.

Viele geraten in die Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten. Insgesamt sind die Folgen für die Betroffenen verheerend und auch für die Familien der Betroffenen. Auf die Kosten für die Behandlung von Betroffenen, der hohen Fluktuation und Kündigungen, sowie Kosten durch verminderte Produktivität möchte ich hier ebenfalls hinweisen.

Was kann man gegen Mobbing machen?

Eine wichtige Strategie, wie man sich erfolgreich gegen Mobbing zur Wehr setzen kann, ist die Einbeziehung eines Streitschlichters. Zudem gilt es eine Unterstützungsstruktur für das Opfer aufzubauen. Gleichwohl muss diese Unterstützungsstruktur sich auch auf den Täter beziehen, denn häufig leidet der Täter selbst unter einer psychischen Erkrankung (z.B. narzistische Persönlichkeitsstörungen).

Nicht selten handelt es sich bei den Tätern um Personen mit einer unsicheren Persönlichkeitsstruktur. Aus dem Gefühl der Unterlegenheit gegenüber einem Kollegen oder einer Kollegin entwickelt sich ein Hass, der sich dann in Form eines Psychoterrors entlädt. Des Weiteren ist das Training für Führungskräfte, Aufklärung über Mobbing, Konfliktberatung, Supervisionen, sowie die Diagnostik der Organisation und Kommunikationsstruktur erforderlich.

Notfalls muss der Arbeitgeber dafür sorgen, dass die Arbeit und die Führungsstrukturen reorganisiert werden. Der autoritäre Führungsstil kann in einen kooperativen Führungsstil mittels professioneller Schulung umgewandelt werden. Wünschenswert wäre zudem, wenn der Arbeitgeber das Thema Mobbing durch Veranstaltungen präventiv angehen würde.

Auch einer Vorgesetztenbeurteilung von Unten kann dazu beitragen Mobbing zu verhindern. Die Bildung einer Anti-Mobbing-Konvention innerhalb eines Betriebes kann ebenfalls solch einen Psychoterror verhindern. Ein Arbeitsplatz ohne Mobbing ist in der Tat möglich. Die Bekämpfung von Mobbing kann auch ein Teil der Betriebsvereinbarung sein.

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Die Bereitschaft sein eigenes Verhalten zu verändern ist ein Zeichen von sozialer und emotionaler Intelligenz. Trotz allem ist ein Rechtsbeistand notwendig, sowie eine begleitende medizinische und psychologische Betreuung, um im Falle einer beginnenden Erkrankung schnell und adäquat reagieren und behandeln zu können.

Dieser Beistand sollte bereits, wenn sich solch eine Entwicklung abzeichnet, sehr früh aufgesucht werden. In den meisten Fällen sind die Vorgehensweisen der Täter vor Gericht schwer nachzuweisen. Daher empfiehlt es sich Partner zu suchen, sich sogenannte Gedächtnisprotokolle anzufertigen und wenn möglich andere Betroffene miteinzubeziehen.

Den Tätern unterlaufen beim Mobbing nicht nur moralische, sondern auch praktische Fehler, die bei einer juristischen Auseinandersetzung von entscheidender Bedeutung sein können. Man darf die moralischen und finanziellen Folgen für den Arbeitgeber nicht unterschätzen, wenn solche Fälle öffentlich bekannt werden.

Grundsätzlich gilt, dass der Versuch einer Fremdentwürdigung die eigene Entwürdigung voraussetzt. Schikanen am Arbeitsplatz muss man sich nicht beugen. Ganz im Gegenteil: Man muss sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren!

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