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27/12/2016 07:30 CET | Aktualisiert 27/12/2017 06:12 CET

George Michael und ich auf der Parkbank

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Foto: Universal Music

Es muss 1984 oder 1985 gewesen sein. Auf jeden Fall Sommerferien. Und am Anfang meiner oberstufenrealgymnasialen Karriere, die nicht lange andauern sollte. Ich nahm an einem Videokurs teil. Drehbuch, filmen, Schnitt. Veranstalter war eine Einrichtung des Jugendreferates der Stadt Salzburg. Oder zumindest eine dem Referat nahestehende Institution. Details zum Anbieter weiß ich nicht mehr. Meine Erinnerung lässt nur mehr zu, dass der Kursus im Haus des Alpenvereins stattfand. Ein Eckgebäude in der Nonntaler Haupstraße im Süden der Mozartstadt.

Zwei Musikvideos sollten entstehen. Zwei Gruppen, zwei visualisierte Songs, wir sagten noch Lieder. Bei dem Vorhaben betätigten wir uns nicht nur als Autoren, Regisseure und Cutter, sondern auch die Darsteller. Jede Gruppe spielte im Video der anderen mit. Zuerst wurde der Clip der anderen gedreht, "Under Pressure" von Queen. Auf dem Weg über das historische sogenannte Bürgermeistertor auf den Mönchsberg wurde getanzt, die Lippen bewegt und immer wieder Tomaten zerdrückt. Die Übersetzung von „Under Pressure" sollte dargestellt werden - "unter Druck". Dass man mit Lebensmitteln nicht spielt, war uns zum damaligen Zeitpunkt nicht bewusst. Mit den alternativen Palästinensertuchträgern am Gymnasium hatte ich auch nicht viel zu tun. Ich wusste nur, dass die netter waren, als die Popper mit ihren Undercut-Frisuren, Lederkrawatten und von den Omas gespendeten Mopeds.

Eine für den Videodreh unerhebliche Situation blieb mir nachhaltig im Gedächtnis. Deutsche Touristen störten das Set durch ihr Vorhaben, möglichst zügig auf den Mönchsberg zu gelangen, um die Aussicht über die Salzburger Altstadt zu genießen. Als wir durch unser Schaffen die Aufmerksamkeit der Wanderer erlangten, beobachtete ich sie aus dem Augenwinkel und erhoffte mir Neugier. Meine Hoffnung wurde auch prompt bedient. „Wann und wo wird das denn ausgestrahlt?", fragte eine schirmbemützte Frau in uns eher fremd anmutendem Hochdeutsch. Dass Profifilmer eher mit einem erzürnten "Weg da, hier wird gearbeitet" reagieren, wusste ich damals nicht und sagte ohne zu zögern frech: „Im ZDF, der Ausstrahlungstermin steht noch nicht fest." Die Urlauber gaben sich mit der meiner selbstbewussten Antwort zufrieden und schnaubten weiter in Richtung Gipfel des Salzburger Stadtberges. Heute frage ich mich noch manchmal, ob die damals zufällig Anwesenden immer noch auf die Ausstrahlung des Musikvideos warten und regelmäßig eine der zahlreichen Programmzeitschriften studieren, in der Hoffnung auf das Ergebnis des damals Beobachteten zu stoßen.

Am darauffolgenden Tag war es endlich soweit. Das Musikvideo unserer Gruppe gelangte zur Umsetzung. "Wake Me Up Before You Go-Go" von George Michaels "Wham!". Bei der Entwicklung des Drehbuches bedienten wir uns, wie die andere Gruppe auch, des Titels des musikalischen Werkes. „Wake me up" - jemand soll geweckt werden. Wir entschieden uns für einen Obdachlosen, der auf einer Bank liegt und in seiner Ruhe gestört wird. Ich war stolz, in einer Charakterrolle den armen Mann mimen zu dürfen. Rollen müssen nicht immer schön sein. Mir kam der Erfolg von Charakterdarstellern, wie Klaus Kinski, in den Sinn. Ein ausgedientes braunkariertes Sakko und der Regenhut meines großen und leicht übergewichtigen Vaters dienten als Kostüm. Die verschlissenen weißen Turnschuhe aus meinem Privatfundus und das bis knapp über den Bauchnabel geöffnete Hawaiihemd machten die Ausstattung für mein Verständnis perfekt. Im Arm eine Flasche, die den mir damals noch gänzlich fremden Alkohol symbolisieren sollte.

Gedreht wurde in der Parkanlage des Seniorenwohnhauses Nonntal. Mehr Schloss als Haus, die Grünfläche entsprechend weitläufig, durchzogen von Baumgruppen und Parkbänken. Auf einer der Sitzgelegenheiten positionierte ich mich mit dem Bewusstsein, dass ich kein Obdachloser bin, sondern lediglich die Charakterrolle übernommen hatte. Aus dem mit Batterien betriebenen Ghettoblaster schallte "Wake Me Up Before You Go-Go". „Kamera ab! Läuft!" Ich hoffte wieder um Aufmerksamkeit und stellte mir vor, wie Bewohner des Seniorenwohnhauses aus ihren Fenstern spitzen und die Abwechslung genießen.

Ich war stolz, meine Rolle, die ich im Liegen mit dem Rücken zur Kamera anlegte, zu George Michaels Stimme inszenieren zu dürfen. Ich war Fan, nicht unbedingt der Musik. Die Coolness und das Outfit mancher Musikschaffender hatte es mir angetan. Ich zählte mich zur Kategorie blonde Strähnchen und Ray Ban-Pilotenbrille. Die mit dem Bügeln hinter den Ohren. In "unseren Kreisen" waren diese Usus. So war das damals. Mir war klar, dass der Erfolg meiner Rolle von meiner Authentizität genährt wird. Denn das Hemd möglichst weit offen zu tragen, war auch privat Teil meines zu dieser Zeit häufigen Styles. Ob Alternativer oder Popper war mir nie klar. Ich war einfach ich und Palästinensertücher mochte ich nicht. Ob ich mit den blonden Strähnchen und der Ray Ban-Pilotenbrille sein wollte wie George Michael oder wie Dieter Bohlen war mir eine Zeit lang auch nicht klar. Ich habe mich irgendwann für George Michael entschieden.

Die Videokassette mit dem Musikclip habe ich nicht mehr, Hawaiihemden trage ich auch nicht mehr auf, die Pilotenbrille mit den Bügeln hinter den Ohren ist irgendwann Anfang der Neunziger der Ray Ban-Pilotenbrille und später der Ray Ban-Wayfarer gewichen. Was bleibt, ist George Michaels einzigartige Karriere. RIP, George! Wir sagten damals noch „Ruhe in Frieden". Oder einfach auf österreichisch zeitlos: Mochs guad, Oida!


Über den Autor

Michi Jo Standl ist freier Journalist. In der Huffington Post bloggt er zu verschiedenen Themen, deren Inhalte sich nicht unbedingt mit der Meinung der Medien decken müssen, für die er arbeitet. Michi Jo Standl bei Facebook und auf Twitter.