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28/10/2016 10:34 CEST | Aktualisiert 29/10/2017 06:12 CET

Kasachstan braucht den Westen - die EU braucht Kasachstan

ASSOCIATED PRESS

Europas Zukunft liegt im fernen Osten, im größten Binnenland der Erde, Kasachstan. Der große Zukunftsschlager Kasachstans ist die Expo 2017, die im Juni ihre Tore öffnet. Kasachstan ist das Land mit den weltweit größten Erdöl- und Gasreserven.

Das Motto der Expo allerdings ist zukunftsweisender: "Energie der Zukunft - Maßnahmen für weltweite Nachhaltigkeit"! Ein Plädoyer für erneuerbare Energien. Die Expo 2017, die erste in einer zentralasiatischen Hauptstadt, soll auch zu einem Weltfestival der Elektromobilität werden. Grüner geht's nicht!

Über 1 Milliarde Euro investiert Kasachstan in die Expo. Einen der größten Pavillons wird Deutschland gestalten. Er liegt auf dem Expo-Gelände an zentraler Stelle, unmittelbar neben dem Wahrzeichen der Expo 2017, neben einer gigantischen Glaskugel, die den letzten Erdöltropfen symbolisieren soll.

Vom 10. Juni - 10. September 2017 werden Astana und die Expo 2017 zum Mittelpunkt der Politiker und Fachleute, die sich in Ost und West um die Zukunft der Welt Gedanken machen. Gut so. Dazu entsteht in Astana nicht nur ein Expo-Gelände, sondern ein völlig neues Stadtviertel. Auch die Nutzung als internationales "Finanzzentrum Asiens/Europas" nach der Schließung der Pforten ist gesichert. Die Nachhaltigkeit wird konsequent umgesetzt.

Merkel will Kooperationsabkommen mit Kasachstan schließen

Deutschland und die EU haben das wichtigste Land Zentralasiens und das größte Binnenland der Erde fest im Blick. Für die Energie- und Rohstoffversorgung ist das 7.000 Kilometer entfernte Kasachstan die große Hoffnung. Jede 4. Tonne Rohöl kommt schon jetzt aus Kasachstan.

Die deutsche Industrie ist auf Rohstoffe wie "seltene Erden" aus Überlebensgründen angewiesen. Bundeskanzlerin Angela Merkel drang darauf 2012 ein Kooperationsabkommen mit Kasachstan zu schließen, mit dem Inhalt: "Rohstoffe gegen Technologie". Und das Begehren Deutschlands stößt auf Gegenliebe. "Deutschland ist unser strategischer Partner in Europa", sagte Außenminister Idrissow. "Europa ist unser größter Wirtschaftspartner."

Wer nach Kasachstan kommt, erfährt überall die Bewunderung für Deutschland. Kasachstan ist für Deutsche ein offenes Land, es gewährt freie Einreise, freie Wechselkurse, es hat dynamische aus dem Boden wachsende Städte, traumhafte Landschaften. Und überall fühlt man sich heimisch.

Eine Million Deutsche haben hier einmal gelebt, von Stalin deportiert, und nach dem Niedergang der Sowjetunion haben viele die Ausreise nach Deutschland in Kauf genommen. Mit über 250.000 Deutschstämmigen dürfte dies aber immer noch die größte deutsche Auslandsgemeinde auf der Welt sein. Trotz der gegenwärtigen Auflösungserscheinungen in der EU ist der Westen, vor allem Deutschland, attraktiv. Alles was deutsch ist, ist in.

Unabhängigkeit des Landes

Die Deutsche Bank ist das wichtigste ausländische Geldinstitut, der wachsende kasachische Mittelstand, junge, gut ausgebildete, über Fremdsprachenkenntnisse verfügende Kasachen, kleiden sich in "adidas", bewundern deutsche Automarken, deutschen Fußball und kaufen am Wochenende bei der Metro ein. Ja, in den Metro-Märkten, die 7.000 Kilometer von Deutschland entfernt genauso aussehen wie bei uns.

Der stellvertretende Investitionsminister heißt Albert Rau, der stellvertretende Generalstaatsanwalt Johann Merkel, deutscher geht es nicht. Präsident Nasarbajew, langjähriger und bis 2020 gewählter Präsident, sorgt vor allem für die Unabhängigkeit des Landes.

Kein leichtes Unterfangen, umgeben von den Nachbarn Russland und China, die ständig auf Ausweitung ihrer Gebiete drängen. Deshalb greift er mehr und mehr in das Weltgeschehen ein und bringt Ost und West zusammen. Westliche Diplomaten in Astana sehen in ihm "einen Garanten für die Sicherheit der gesamten Region und des Ausgleichs mit Europa".

Er hat vermittelt, dass es überhaupt ein "Minsker Abkommen" für die Ukraine gibt, das die Hoffnung auf eine friedliche Lösung zulässt. Zuletzt hat er zwischen der Türkei und Russland nach dem Abschuss eines russischen Flugzeugs durch die Türkei beide Seiten mäßigend zusammengebracht. Von ihm kommt die Initiative zur Vernichtung der Atomwaffen.

Größere politische Verantwortung für den Weltfrieden

Auch der Repräsentant der deutschen Wirtschaft in Kasachstan, Rechtsanwalt Nikolai Knorr, "sieht den Grund für den wirtschaftlichen Aufschwung Kasachstans und die innere Stabilität des Landes durch das Vertrauen, das der Präsident in der Bevölkerung bis jetzt genießt".

Der Präsident allerdings hat angekündigt über 2020 nicht weiter zu regieren. Was dann kommen wird ist noch völlig offen. Man kann nur gespannt hoffen, dass Kasachstan den Übergang ohne Verluste an Unabhängigkeit und Sicherheit schafft.

Nasarbajew hat erreicht, dass Kasachstan ab 1. Januar 2017 noch größere politische Verantwortung für den Weltfrieden übernimmt. Zu diesem Zeitpunkt wird Kasachstan für die nächsten Jahre nichtständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Im Westen verspricht man sich davon eine Vermittlerfunktion gegenüber den Veto-Mächten China und Russland.

Schon das erfordert, dass man in den Hauptstädten Europas, einschließlich Berlin, ein respektvolles Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut hat. Wie sehr Kasachstan in die Fänge der großen Nachbarn geraten kann, sieht man, wenn man das TV-Gerät im Hotel anstellt. Die Propagandasender Russlands (RT) und Chinas (CCTV) beschallen das Land 24 Stunden am Tag unentwegt mit ihren nationalistischen Bildern und Ideologien.

Kasachstan hat einen atemberaubenden Aufschwung genommen

Dies wäre der Markt für einen verstärkten Auftritt der Deutschen Welle, die in Kasachstan hochgeschätzt und geachtet wird. Der stellvertretende Außenminister, Roman Vassilenko, kündigt an, "dass Kasachstan sich vor allem dem Kampf gegen den internationalen Terror im UN-Sicherheitsrat widmen werde".

Für Syrien dürfte das vielleicht zu spät sein, aber man darf gespannt sein, ob dadurch die internationalen Konflikt-Herde wenigstens eingedämmt werden können. Er sieht auch die zunehmende Rivalität zwischen USA und Russland als gefährlich: "Wir rufen die beiden Länder zur Zusammenarbeit auf".

Kasachstan hat einen Aufschwung in den letzten 10 Jahren genommen, der atemberaubend ist. Viele erkennen das Land nicht wieder. Doch es hat nicht nur die Zukunft fest im Blick. Es vergisst auch nicht die Erinnerung an die dunkle Sowjetzeit. An Stalin, der im Gegensatz zu Russland in Kasachstan als Verbrecher angesehen wird, das Land mit Konzentrationslagern für politische Gefangene überzog.

40 Kilometer vor den Toren Astanas liegt das ehemalige sowjetische Frauengefangenenlager "Alzhir", in dem über 17.000 Frauen gefoltert, gequält, missbraucht in menschenunwürdigen Unterkünften gefangen gehalten wurden. Viele Parallelen weisen auffällig auf die Verbrechen der Nationalsozialisten bei der Vernichtung der Juden hin.

Botschafter gegen Atomwaffen

Beim Anblick der Transportwaggons und der Unterkünfte schießen einem die Tränen in die Augen. Die Museumsführerin ist sichtlich stolz darauf, dass Kasachstan sich dieser Vergangenheit stellt. "Wir waren das erste Land, das zur Sowjetunion gehörte, das diese Stalin-Verbrechen dokumentiert hat."

Die Beklommenheit über das schlimme Erbe ergreift einen auch im Gespräch mit Karipbek Kujukow (49). Er wurde in einem Dorf nahe Semipalatinsk geboren, 110 Kilometer von der Stelle entfernt, wo die sowjetischen Atombomben zu Versuchszwecken explodierten. Seine Gliedmaßen sind verkrüppelt, er ist nur 1.45 m groß, im Kopf aber völlig klar.

Er schildert die Tragödien seiner Familie und seiner Freunde und Nachbarn. Proteste gegen die Atomversuche wurden von den Sowjets unterdrückt, Ängste zynisch beschwichtigt ("Trinken Sie 2 Glas Wodka, das hilft"). Er tritt heute als "Botschafter gegen Atomwaffen" ein.

Die Frage, "hat sich Moskau jemals bei Ihnen entschuldigt oder Hilfe angeboten?", beantwortet er kurz und knapp: "Nein, niemals!" Es ist richtig, dass Kasachstan auch an die dunklen Zeiten erinnert. Man kann die Zukunft nur gewinnen, wenn man die Vergangenheit nicht vergisst. Russland sollte sich das als Vorbild nehmen.

Wirtschaft und Staat kümmern sich um die Zukunft der jungen Menschen

Kujukow ist auch ein großer Bewunderer von Bundeskanzlerin Merkel, die als Erste im Westen die zivile Nutzung von Atomkraftwerken beendet hat. Die Bundeskanzlerin zu treffen und ihr persönlich zu danken für diese Initiative, wäre ein Herzenswunsch. Vielleicht klappt es ja, wenn die Bundeskanzlerin die Expo in Astana 2017 besuchen sollte. Immerhin wäre das Thema ein Leitmotiv ihrer Klimapolitik.

Kasachstans Weg scheint vorgezeichnet. Jährlich gehen 1.000 junge Kasachen im Rahmen des staatlichen Ausbildungsprogramms an die westlichen Universitäten, studieren und kommen anders geprägt wieder, als sie das Land verlassen haben. Seit wenigen Jahren hat der Staat auch Verantwortung für die Ausbildung der Jugend übernommen und das deutsche "Duale Ausbildungssystem" eingeführt.

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Wirtschaft und Staat kümmern sich jetzt gleichermaßen um die Zukunft der jungen Menschen. Auch Deutschland ist dabei. Alle politischen Stiftungen können frei in Kasachstan arbeiten, sie sind sogar erwünscht. Wir sollten den Kasachen bei der Gestaltung ihrer Zukunft helfen. Gerade die jungen Kasachen sollten ebenso frei nach Deutschland einreisen können wie uns das auch in Kasachstan möglich ist.

Einer dieser jungen Kasachen, der in Deutschland studiert hat, heute dialektfrei und fließend Deutsch spricht, ist nunmehr Bürgermeister von Almaty, Kasachstans Finanz- und Wirtschaftsmetropole, Kasachstans größter Stadt.

Baurzhan K. Bajbek führt Almaty und Kasachstan in eine neue internationale Zukunft nach Westen. Wie alle Kasachen ist er in seine Heimat zurückgekehrt und setzt jetzt um, was er in Deutschland gelernt hat. Darauf können wir auch in Deutschland ein wenig stolz sein.

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