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08/12/2015 10:47 CET | Aktualisiert 08/12/2016 06:12 CET

Deshalb ist Kasachstan so wichtig für Deutschland

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Das Riesenreich zwischen Russland und China strebt nach dem Westen. Am 21. Dezember wird in Astana, Kasachstans neuer Hauptstadt, ein großer außenpolitischer Erfolg gefeiert. Bisher unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit wird ein Partnerschaftsabkommen zwischen Kasachstan und der EU unterzeichnet, das die Zusammenarbeit auf eine völlig neue Grundlage stellt.

Es wird damit nicht nur die bisherige wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit auf eine neue Ebene gehoben. Es wird auch ein neues Kapitel in den Beziehungen aufgeschlagen, in dem auch ein Dialog über Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte etabliert wird. Für westliche Diplomaten in Astana geht deshalb die Bedeutung dieses Abkommens weit über die wirtschaftliche Zusammenarbeit hinaus.

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Es ist die feste Verankerung des wichtigsten Staates Zentralasiens mit Westeuropa und mit Deutschland. Zur Unterzeichnung wird deshalb extra die Außenbeauftragte der EU Frau Federica Mogherini, nach Kasachstan anreisen.

Zeitgleich werden fünf Außenminister Zentralasiens die herausragende Bedeutung dieses Termins durch ihre Anwesenheit unterstreichen. Der stellvertretende Minister des Außenministeriums, Alexei Y. Volkov, erläutert, „dass das Handelsvolumen mit der EU größer ist als mit Russland". Dies wird im Westen häufig übersehen.

Putin kann die Westausrichtung nicht verhindern

Russland wird diese enge Westausrichtung Kasachstans sicherlich nicht recht sein. Präsident Putin kann sie aber nicht verhindern. Dafür ist Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew zu unabhängig und Kasachstan flächenmäßig zu groß.

Deshalb setzt man in Kasachstan ebenso wie in China auf die Westkarte. Dazu dient auch ein anderes gigantisches Projekt, die „Neue Seidenstraße", eine Landverbindung zwischen China und Westeuropa mit Endstation in Deutschland.

Dieser alte Menschheitstraum mit einer Landverbindung zwischen China und Deutschland, bei dem allein schon das Wort „Seidenstraße" Fernweh weckt, wird jetzt realisiert. Auf Autobahnen und Eisenbahnstrecken werden Menschen und Waren künftig ohne den Umweg über die Meere direkten Zugang finden.

China allein hat dabei ein Finanzvolumen von über 3 Billionen Dollar aufgestellt. In Kasachstan werden bereits die Lücken der Autobahnen, die eine Länge von 2.700 km haben werden, geschlossen. Kasachstan ist das wichtigste Transitland bei diesem Projekt. Bereits heute kommen fünf Züge wöchentlich aus China im Duisburger Hafen an.

Alle führen durch Kasachstan. Mit der „Neuen Seidenstraße" wird sich dies verzehnfachen. Für Deutschland ist es eine ungeheure Chance, dass dies nicht eine Einbahnstraße wird, sondern auch unsere Produkte nach Asien transportiert werden. Bei der Globalisierung bleibt nichts, wie es heute ist. Die Welt wächst unaufhörlich zusammen.

EXPO 2017

Doch damit noch nicht genug. In Kasachstan nimmt ein weiteres Zukunftsprojekt immer mehr Konturen an: Die EXPO 2017. Gerade sind die Tore der Weltausstellung 2015 in Mailand geschlossen, geht der Blick schon voraus auf die nächste Weltausstellung 2017 in Astana unter dem Motto: „Die Energien der Zukunft"!

Vom 10. Juni bis 10. September 2017 wird Astana, die Hauptstadt Kasachstans, das Ziel aller Wirtschafts-, Energie- und Umweltpolitiker und Fachleute dieser Welt sein. Dann wird Astana das Mekka aller Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen werden, die nicht nur auf Kohle, Öl, Gas oder Atom setzen.

Dabei ist das „grüne Thema" der Expo 2017 deswegen schon pikant, weil Kasachstan einer der wichtigsten Erdöllieferanten ist. Jede vierte Tonne Erdöl in Deutschland kommt aus Kasachstan. Aber es zeigt eben, dass selbst eines der erdölreichsten Länder dieser Welt nicht mehr ausschließlich auf die traditionellen Energien setzt.

Das ist beachtlich. Der Zeitplan sieht vor, dass bis September 2016 die Pavillons gebaut werden, dann kommt der Innenausbau. 54 Nationen haben zugesagt, darunter auch Deutschland mit einem der größten Pavillons von 1.000 m³. 5 Millionen Besucher werden erwartet. Auch Umweltverbände, NGO's werden teilnehmen.

Das Thema der neuen Energien passt offensichtlich genau in die Zeit. Ein Erfolg wäre deshalb nicht nur wichtig für Kasachstan, sondern für die ganze Welt. Übrigens hat man aus den Fehlern der Expo 2000 in Hannover gelernt.

Der Chef der Expo 2017 und früherer Bürgermeister von Almaty, Akhmetzhan Yessimof weist stolz darauf hin, dass „es in Astana auch eine Anschlussnutzung der Gebäude, geben wird. Ein internationales Finanzzentrum, das Asien mit Europa verbindet, dessen Amtssprache Englisch sein wird, zieht dann in die Räume ein. Aus den Hotels werden Eigentumswohnungen". Clever!

Das Schicksal hat Deutschland und Kasachstan zusammengeführt

Deutschland und Kasachstan sind zwar 7.000 Kilometer getrennt, in Wirklichkeit aber ganz nah. Das Schicksal hat Deutschland und Kasachstan zusammengeführt. 1941 wurden fast 1 Millionen Russland-Deutsche nach Kasachstan durch Stalins Rache an Hitler zwangsumgesiedelt. Mit Fleiß und Gründlichkeit verschafften sie sich in Kasachstan Respekt, ja fast Bewunderung.

800.000 dieser ehemaligen Russland-Deutschen sind mittlerweile in die Bundesrepublik Deutschland übergesiedelt. In Kasachstan sieht man dies als großen Verlust an. Und für Deutschland hat man ohnehin große Bewunderung.

Dies gilt auch für den Präsidenten Nursultan Narsabayev, der ein respektvolles Vertrauensverhältnis zu Angela Merkel pflegt. Im Gegensatz zu seinen Nachbarn erhebt Kasachstan keine territorialen Ansprüche wie Russland.

Es hat auch nicht die Todesstrafe wie China. So wird Präsident Narsabayev von uns gebraucht, um die großen Nachbarn zu besänftigen. Narsabayev steht auch persönlich für die Verbannung der Atomwaffen. Kasachstan war das Testgelände der sowjetischen Atom- und Wasserstoffbomben.

Der von ihm initiierte Verzicht auf Atomwaffen ist beispiellos. Das Land drängt auch in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und ist bereit, mehr Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Dabei kann man es nur unterstützen. Im Westen wird natürlich gelegentlich darauf hingewiesen, dass Kasachstan nicht den deutschen Maßstäben im Hinblick auf Demokratie und Rechtsstaat entspricht.

Das kann es auch nicht im Hinblick auf die Geschichte, Kultur und geopolitische Lage. Westliche Diplomaten in Kasachstan halten es ohnehin für völlig falsch, Kasachstan zum Beispiel mit Deutschland zu vergleichen. Kasachstan muss man vergleichen mit seinen Nachbarn: Russland und China, dann weiß man es zu schätzen.

Aufschwung in den letzten 10 Jahren

Der Aufschwung, den Kasachstan bei Land und Leuten in den letzten 10 Jahren genommen hat, darf man nicht vergessen. Vor 20 Jahren war Kasachstan noch eine zentralasiatische Steppe, ehemaliges Gefangenenlager für politische Gefangene der Sowjetunion („Archipel Gulag") und Testgelände der sowjetischen Atomwaffen.

Heute wächst die Hauptstadt Astana mit Wolkenkratzern in den Himmel, die alte Hauptstadt Almaty ist eine bedeutende internationale Handels- und Wirtschaftsmetropole.

Dass das Durchschnittseinkommen der Kasachen in den letzten Jahren rasant gewachsen ist, sieht man an allen Ecken. Man muss diese spürbare Entwicklung des Landes bewundern. Deutschland dient dabei als Vorbild.

Der stellvertretende Außenminister Volkov: „Deutschland ist unser strategischer Partner in Europa". Deutschstämmige Politiker wie der stellvertretende Industrieminister Albert Rau genießen hohes Ansehen und Respekt. Sie kommen häufig nach Deutschland.

Der neue, junge Bürgermeister von Almaty, Baurzhan K. Baiek, spricht dialektfreit und fließend Deutsch. Er hat in Deutschland studiert. Er führt Almaty in eine neue internationale Zukunft nach Westen.

Mit sichtlichem Stolz weist er darauf hin, „dass 45.000 Unternehmen mittlerweile in Almaty die Wirtschaftskraft der Stadt ausmachen und dass dabei vor allem ein neuer Mittelstand von jungen, gut ausgebildeten und englischsprachigen Kasachen entsteht".

Deutschland kann Kasachstan dabei helfen. Dies wäre auch im Interesse Deutschlands. Visa-Erleichterungen gerade für Kasachstans Jugend wären wichtig. Kein Kasache wird nach Deutschland einreisen, um soziale Wohltaten zu genießen. Das haben die gut ausgebildeten jungen Leute nicht nötig. Ängste hierüber in Deutschland sind völlig unbegründet.

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