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05/03/2016 08:13 CET | Aktualisiert 06/03/2017 06:12 CET

Baden-Württemberg vor der SWR-Elefantenrunde am 10.03.2016

Mike Hill via Getty Images

Elefantenrunden und ihre Wirkungen auf das Wahlverhalten der Bevölkerung sind und waren nicht auf dem Radar politikwissenschaftlicher Forschung. Auf Bundesebene gab es aufgrund der Weigerungen Helmut Kohls seit 1987 vor den Wahlen keine Diskussionsrunden der Spitzenkandidaten mehr, die „landespolitischen Gipfeltreffen" fanden nicht nur in Baden-Württemberg seitens der Politikwissenschaft kein Forschungsinteresse.

Die Elefantenrunde 2011 wurde in Baden-Württemberg weder von Kommunikations- noch von Politikwissenschaftlern beachtet. Die empirische Analyse der Wählerentscheidung gehört zu den am stärksten vernachlässigten Gebieten der Politikwissenschaft. Derzeit wird an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg in Zusammenarbeit mit der Landeszentrale für politische Bildung, Außenstelle Freiburg ein easy-voting-tool, das Debat-O-Meter entwickelt, mit dem eine Live-Analyse politischer Diskussionen und Debatten möglich sein wird und das auch bei der Elefantenrunde am 10.03.2016 zum Einsatz kommen wird.

Die SWR-Elefantenrunde mit den Spitzenpolitikern aus Baden-Württemberg im Live-Stream und TV schauen

Nichtsdestotrotz sind diese Meinungsrunden für die Zuschauer die attraktivsten Politiksendungen im Wahlkampf. Sie ermöglichen mit überschaubarem Zeitaufwand einen direkten Kandidatenvergleich. Sie sind zentrales Medienereignis der Landtagswahlkämpfe in komprimierter Form und fassen die Grundaussagen und Unterschiede der Parteien zusammen. Das Finale und Finish fokussiert quasi in einem politischen 100-Meter-Lauf den Wahlkampf-Marathon, den die Parteien und die Kandidaten hinter sich haben. Der kompetitive Charakter des Formats, der verbale Schlagabtausch des „politischen Pferderennens" hat hohen Unterhaltungswert und erinnert an Sportereignisse mit Gewinnern und Verlierern.

Im Unterschied zum Sport gibt es aber bei diesem Politikformat meist keine eindeutigen Sieger und Verlierer. Eine umfangreiche Mediennachberichterstattung und Bewertungen auf allen (social media) Kanälen durch „spin Doktoren", Parteien, Journalisten und aktiven Interessierten erschwert eine klare Analyse, zumal der Kampf um die Deutungshoheit des Ereignisses zum gesamten Setting des Medienereignisses gehört. Die meisten machen sich ein Bild über den Ausgang der Debatten und weiß wer gewonnen hat, auch wenn sie die Fernsehsendung nicht gesehen haben (Dreiklang oder Dissonanz von Debatteninhalt, Debattenwahrnehmung und Debattenwirkung).

Dennoch sind Elefantenrunden eine win-win-win-Situation für Politiker, Medien und die Zuschauer. Kandidaten können unter Umgehung journalistischer Selektionskriterien sich direkt an die Wählerinnen und Wähler wenden. Allgemein verbessert sich die Bewertung aller teilnehmenden Politiker. Die Kandidaten erhöhen ihren Bekanntheitsgrad, erfahren einen Ansehensgewinn und erhöhte Kompetenzzuschreibung. Das Format gewährleistet auch auf Landesebene relativ hohe Einschaltquoten (2011: ca. 500 000 Zuschauer). Die Zuschauer haben die Möglichkeit des direkten Kandidatenvergleichs. Das Führungspersonal fungiert als Sprachrohr und Lautsprecher der Parteien und macht pointiert deren programmatischen Unterschiede deutlich.

Mit den seit 1997 auf Bundes- und Landesebene stattfindenden Duellen der beiden Spitzenkandidaten hat sich die politikwissenschaftliche Forschung hingegen beschäftigt. Sie liefert auch für die Elefantenrunde entsprechende Erkenntnisse:

1. Das Format erfreut sich großer Beliebtheit. Zwischen 1997 und 2013 gab es bei fünf Bundestagswahlen und 34 Landtagswahlen sechs bzw. 38 Fernsehduelle.

2. Ein vermeintlicher Sieg im Fernsehduell garantiert keinesfalls den Wahlerfolg. Stefan Mappus und Peer Steinbrück galten als Gewinner der Duelle und verloren dennoch die Wahl. Neben Kompetenz und Führungsstärke bewerten die Zuschauer die Kandidaten auch anhand von Qualitäten wie Integrität, Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit und Sympathie.

3. Die Rezeption von Duellen führt zum Auf- und Ausbau politischen Wissens.

4. Das Format erreicht auch politikfernere Zuschauer, die Wissenslücke zu gebildeteren Wählenden wird reduziert.

5. Die Parteiidentifikation prägt die Bewertung des Duells und der Kandidaten.

6. Die größte Wirkung haben Kandidaten-Debatten auf unentschiedene Zuschauer und parteiungebundene Wechselwähler, vor allem dann, wenn sie kurz vor dem Wahltag terminiert sind.

7. Die Debatte ist für Zuschauer vor allem eine wichtige Informationsquelle, um sich ein Bild von unbekannten Kandidaten zu machen. Sie ist also für Oppositionspolitiker wie Guido Wolf oder Hans-Ulrich Rülke von größerer Bedeutung als für die Amtsinhaber Winfried Kretschmann und Nils Schmid. Hier erfahren auch die Vertreter der nicht im Parlament vertretenen Parteien wie die Linke oder die AfD eine Aufwertung, da sie von den Zuschauern auf Augenhöhe und als reale politische Alternative zu den Amtsträgern wahrgenommen werden.

8. Bei allem Hype um Fernsehduelle und Elefantenrunden sollte nicht vergessen werden, dass diese Formate systemfremden Personalisierungen Vorschub leisten. Die Einstellungen zu den Spitzenkandidaten haben einen größeren Effekt auf die Wahlentscheidung als Sachfragen. Dabei geht es bei der Wahl nicht nur um die „CEOs", sondern in erster Linie um die Kandidatinnen und Kandidaten in 70 Wahlkreisen und um zweitens die Parteien, für die sie antreten. Erst an dritter Stelle stehen die Spitzenkandidaten, zumal gerade bei dieser Landtagswahl je nach Koalitionsbildung anderes Führungspersonal der Parteien Bedeutung erlangen kann. Die Formate bedienen bei aller Relevanz für die politische Bildung Prinzipien politischer Personalisierung und persönlicher Performanz statt parteilicher Programmatik. Die „politischen Topmodels" der Parteien erheben sich über die 69 anderen Wahlkreiskandidaten.

9. Das reichweitenstärkste Medienereignis zeitigt Wirkungen. Die Zuschauer werden in ihrer Wahlabsicht und Wahlmotivation gestärkt. Bis zu einem Drittel der Zuschauer kann ihre Kandidatenpräferenz ändern. Die Elefantenrunde ist der Höhepunkt des Wahlkampfes und bedeutend für die Ansprache von Wechselwählern und Nichtwählern. So traf bei der Bundestagswahl 2013 nahezu ein Drittel der Wähler ihre Wahlentscheidung in den letzten Tagen vor der Wahl.

10. Für die kritischen Beobachter sollte die Forschung auch einen Faktencheck bereit halten, der die von den Kandidaten gemachten Aussagen auf den Prüfstand nimmt, sie verifiziert oder falsifiziert. Auch hier ist die Serviceleistung der Politikwissenschaft noch in der Bringschuld.

Fazit: Duelle und Debatten mobilisieren hauptsächlich die eigenen Anhänger und überzeugen unentschiedene Zuschauer. Politische Einstellungen sind relativ stabil - es ist nicht zu vermuten, dass sie durch eine einstündige Fernsehsendung mit den Spitzenkandidaten spontan verändert werden. Elefantenrunden und Fernsehduelle haben das Potenzial Einstellungen und prinzipiell Wahlverhalten zu beeinflussen besonders in Zeiten abnehmender Parteibindungen: Debating matters. Debatten machen einen Unterschied, sind aber ganz sicher nicht wahlentscheidend.

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