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24/09/2015 11:15 CEST | Aktualisiert 24/09/2016 07:12 CEST

Weiterbildung und duales Studium lohnen sich für die Karriere

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Wenn das Bürofenster offen ist, hört Stephan Vogel den „Sound" der A6. Die Fahrgeräusche der 484 Kilometer langen Ost-West-Autobahn sind dem 40-jährigen Gründelhardter bestens vertraut.

Als 2011 sein Arbeitgeber, ein mittelständisches Bauunternehmen, ein Teilstück nahe Bad Rappenau ausbaut, war der gelernte Industriekaufmann als Assistent der Bauleitung mit auf der Baustelle.

„Für mich als Kaufmann und Einkäufer eine klasse und wichtige Zeit", sagt Vogel. Hier hat er bei Wind und Wetter sein technisches Verständnis geschärft. Er weiß nun, was es bedeutet, 1,5 Kilometer Kabel zu verlegen oder wie viele Tonnen Teer auf den Boden fließen, damit der Fahrbahn-Belag um zehn Zentimeter anschwillt.

„Training on the Job"

„Training on the Job" nennt der Volksmund diese Art der Fortbildung. Vogel war der erste gelernte Kaufmann beim Bauunternehmen Leonhard Weiss, der ein Praxisjahr auf der Baustelle absolviert hat. Weitere folgen seither.

„Das Modell hat sich offensichtlich gelohnt", scherzt Vogel. Wissend, dass er diese Erfahrung nicht missen möchte. Heute ist er als Teamleiter für den Projekteinkauf für bis zu 45 Millionen Euro Einkaufsvolumen verantwortlich. Dabei hilft ihm in so mancher Verhandlung sein Baustellen-Know-How.

„Praxiserfahrung ist unbezahlbar", sagt Simone Stargardt. Die Expertin für Karriereschübe und mehrfache Buchautorin weiß, wie wichtig ein Perspektivenwechsel für angehende Führungskräfte ist.

„Es lohnt sich für Kaufleute allemal, in einer Werkshalle zu stehen", weiß die 36-Jährige. Zwar wird durch eine Hospitanz aus einem Kaufmann kein Techniker - aber das Verständnis für technische Abläufe und Zusammenhänge wird so geschärft, wie Vogel bestätigt.

Kombinierte Studiengänge sind ideal

Gleiches gilt für Techniker. Für sie sei es elementar, sich kaufmännisches Wissen anzueignen, um Bilanzen schneller lesen und verstehen sowie Angebote besser vorkalkulieren zu können.

Idealerweise bekommt der Nachwuchs bereits im Studium diesen Input. Kombinierte Studiengänge, die etwa Mechatroniker- und Betriebswirtschaftswissen verbinden, seien für Führungskräfte großer Industriefirmen perfekt, betont Stargardt. Doch nicht jeder entscheidet sich für die bis zu sechs Jahre dauernde Kombination aus Lehre und Studium.

IHK-Abschlüse kombinieren technisches Wissen mit BWL-Know-how

Wer einen Gesellenbrief vorweisen kann und ein paar Jahre Berufserfahrung gesammelt hat, kann sich nebenberuflich qualifizieren; einen Techniker, Meister oder einen Fachwirt machen. Bei letzteren führt der Weg über IHK-Abschlüsse.

Davon gibt es eine ganze Reihe für Techniker und Kaufleute aus Industrie, Handel und dem Sozialwesen. Einige kombinieren technisches Wissen mit BWL-Know-How, Managementinhalte und Rechtsgrundlagen sowie Steuerrecht.

Karriere mit Kind

Auch Nadja Bach hat sich für eine Karriere mit Lehre entschieden. Die zweifache Mutter ist aktuell in Elternzeit. Davor absolvierte die Crailsheimerin, die bei den örtlichen Stadtwerken angestellt ist, einen Lehrgang zur Wirtschaftsfachwirtin. Dort arbeitete die 32-Jährige bis zur Geburt ihres zweiten Kindes drei Tage in der Woche im Forderungsmanagement.

Und drückte nebenher die Schulbank. An 25 Seminartagen bereitet sie sich an Wochenenden auf die Prüfungen für den IHK-Abschluss vor. Zwar fallen der gelernten Rechtsanwaltsfachangestellten die Steuer- und Rechtsthemen leicht. „Ins Zeug legen muss ich mich allerdings beim Rechnungswesen", berichtet die Hohenloherin.

Sich neben dem Job weiterzubilden, ist für Bach die einzige Chance, eine Basis für einen Karrieresprung zu legen. Denn wenn die Kinder in Kindergarten und Schule marschieren, dann soll es im Job für sie schnell vorangehen. Zeit für ein aufwändiges Studium bleibt nicht, denn als Familie mit eigenem Haushalt müssen die Kosten des Alltags gedeckt werden.

„Das soll der Chef nicht unbedingt mitbekommen"

Bildungsexpertin Stargardt weiß um die Bedürfnisse der Frauen, die beides wollen: Kind und Karriere. Dabei beobachtet die Trainerin, dass sich etliche Kursbesucher ohne Wissen der Arbeitgeber qualifizieren.

Diese Privatzahler suchen im Job eine neue Herausforderung und wollen sich darauf vorbereiten. „Das soll der Chef nicht unbedingt mitbekommen", verdeutlicht Stargardt die Interessenslage.

Bei Vogel und Bach hingegen wissen die Chefs von den Karriere-Plänen. Leonhard Weiss bezahlt sogar die Weiterbildung. Das ist längst nicht die Regel. Meist spendieren Chefs Sonderurlaub zur Prüfungsvorbereitung oder es gibt eine Prämie, wenn die Prüfungen bestanden sind.

Jeden Abend Stoff wiederholen

Ansonsten müssen Teilnehmer vor allem Zeit investieren: Unter der Woche arbeiten und an den Wochenenden Kurse besuchen. Hinzu kommt, jeden Abend mindestens eine halbe Stunde Stoff wiederholen. Und vor den Prüfungen steigt der Lernbedarf erheblich.

Was ebenso vorkommt: Vier Wochen vor den Prüfungen schrauben manche Teilnehmer ihre Arbeitszeit auf halbtags herunter - mit den entsprechenden Gehaltseinbußen. Damit sie gezielt vier Stunden pro Tag lernen können. Engagement und Lerndisziplin sind nötig, wenn die Karriere mit Lehre glücken soll.

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