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25/12/2015 07:21 CET | Aktualisiert 22/03/2017 06:12 CET

Das ist passiert, als ich meinem Vater vergeben habe

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Der Autor in einer Rauhnacht (Foto: Martin Fischer)

Sieben Männer in einer Männergruppe in Stuttgart stehen um eine Kerze. Die Rituale an den Abenden sind immer gleich. Das gibt den Männern Sicherheit. Sie kommen, um sich zu klären, zu erklären und um klare Gedanken fassen zu können.

Als ich an der Reihe bin mir mein Leben anzuschauen wie es im Moment ist, weiß ich schon, wohin die Reise geht. Viele solcher Abende habe ich in den zurückliegenden vier Jahren besucht. Oder geleitet. Im Kreis der Männer geht das schnell. In Leitung gehen.

Wer will kann früh Verantwortung übernehmen und einen Abend gestalten. Nicht alleine. Immer gehalten und begleitet von Männern mit Erfahrung. Inzwischen bin ich selber ein Mann „mit Erfahrung". So geht das bei den Männern.

"Ich will mich nicht verstecken"

Nun bin ich dran. Stehe auf dem Teppich und einen Mann steht mir gegenüber. „Was ist heute dein Thema, Michael, an dem du arbeiten willst", fragt mich der Mann, der auch ein guter Freund ist.

„Ich will wieder in Verbindungen gehen, mich nicht hinter meiner Kriegerenergie verstecken", antworte ich. Was das denn für die anderen Menschen bedeute, wenn ich in meiner „Kriegerenergie" sei, fragt mich der Mann. Dann würde ich mich abgrenzen und wäre letztlich alleine, antworte ich.

Vertrautes Terrain

„Wer hat dich gelehrt dich abzugrenzen, wer war dein Vorbild?", fragt mich der Freund. Obwohl ich das im Kopf weiß und die Erkenntnis nicht neu ist, schießen mir sogleich Tränen in die Augen. „Mein Papa." Kann ich nur stottern.

Ich stehe hier. Fast 190 cm groß, lange Haare und eine Bart zum Fürchten. Menschen sagen, ich sei eine Erscheinung. Jesus, Robinson oder Yeti sind die Stereotypen, die mich immer wieder treffen. Gerne höre ich das. Im außen bin ich meist Krieger. Es ist vertrautes Terrain.

„Suche dir einen Mann, der für diesen Teil deines Vaters steht"

Doch nun bin ich berührt. Scham und Trauer kriechen in mir hoch. Mein Freund blickt mir in die Augen, hält meinem Blick stand. Uns trennt nur ein halber Meter. Fünf Männer stehen im Kreis um uns herum. Sie halten die Energie, den Rahmen.

Geben den beiden in der Mitte Sicherheit. Halt. Nur so kann ich mich öffnen und zeigen. Nur so lasse ich mich berühren. Wenn der Container sicher ist. So habe ich das hier gelernt. Und es funktioniert.

Er ähnelt meinem Vater

„Suche dir aus dem Kreis einen Mann, der für diesen Teil deines Vaters steht", sagt der Freund. „E., würdest du das tun?", frage ich. Der Angesprochene nickt kurz. Er weiß was zu tun ist. Stellt sich auf den Teppich und wartet auf Ansage.

„Wo in deinem Leben - das der Teppich repräsentiert - steht dieser Teil deines Vaters?", fragt der Freund. Ich teile ihm einen Platz mir gegenüber zu. Ansehen mag ich ihn nicht. Er steht in diesem Moment für meinen 1996 verstorbenen Vater. Er ist fast genauso groß und auch die Gesichtszüge ähneln denen meines Papas.

Was war die Botschaft?

„Welche Botschaft hast du von ihm bekommen?", fragt mich der Freund. „Was kannst du überhaupt?" Sage ich. Der Mann mir gegenüber wiederholt meinen Text. Ich weiß was nun kommt. Trauer überfällt mich. Tränen fließen. Ich gebe dem nach. Gehe in die Knie. Vertraue. Gehe in dieses Gefühl hinein. Volle Kanne. Weiß, dass ich geschützt bin. Weiß, dass auf diesem Teppich meine Wunde heilen kann. Also lasse ich es zu. Liege auf dem Boden und weine.

Der Mann mir gegenüber stehend wiederholt den Text an mich: „Was kannst du überhaupt? Was kannst du überhaupt?" Eine Endlosschleife. Ich lasse es fließen. Ich kann, ich darf das was geschehen ist betrauern. Hier und heute. Im Hier und Jetzt.

„Antworte ihm nicht mit dem Krieger!"

Die Botschaften-Welle rollt weiter über mich. Jetzt kommt die Wut. Die vertraute Wut. Ja, das kenne ich. Sie will mich aufstehen lassen. Eine Faust ist schon geballt. Der Freund legt mir die Hand auf die Schulter. „Warte", sagt er. „Antworte ihm nicht mit dem Krieger!", ist seine Einladung. Wer kann dir stattdessen helfen. Im Kopf ist mir die Antwort schon lange klar. Doch jetzt spüre ich sie im Körper.

Ich sehe einen anderen Mann im Kreis an und frage ihn, ob er den guten Teil meines Vaters repräsentieren möchte. Er möchte. Betritt meinen Teppich und schaut mich an. Er trägt auch einen Bart. Er ist jünger als ich. Und schöner - mein Gedankenblitz.

Jetzt bin ich voll angefüllt. Voller Kraft. Voller Liebe.

Ich stelle ihn an meine Seite. Lege meinen Arm um seine Schulter. Wir stehen dem Böse-Botschaften-Mann gegenüber. Ich kann es noch nicht. Drehe mich zu dem jungen Bartträger hin und umarme ihn. Er erwidert meine Umarmung.

Wir stehen so eine, zwei Minuten. Zwei große Männer, fest umschlungen. Ich tanke. Jetzt bin ich voll angefüllt. Voller Kraft. Voller Liebe. Jetzt kann ich es sagen. Es fühlen. Für den negativen Teil meines Vaters empfinde ich nun keine Scham mehr. Keine Angst, keine Wut, keine Trauer. Sondern Liebe. Sie überkommt mich und ich kann ihm sein Gesicht streicheln. Fahre ihm mit den Fingern über den Kopf und durch seine Haare. Die Botschaften versiegen. Der Mann fühlt was da von mir zu um fließt. Die Energie. Die Liebe. Jetzt ist er es, der stockt. Innehält und dann seine Tränen fließen lässt.

Statt Wut und Scham über den Teil meines Vaters, der mich als Junge nicht gesehen hat, fühle ich Liebe.

Der Freund und Prozessbegleiter steht hinter dem Botschaften-Vater und sagt: „Lass zu was mit dir passiert." Der Mann lässt es zu. Drei große Männer stehen auf einem Teppich irgendwo in Stuttgart. Sie kreieren in diesem Moment ihr Leben. Begegnen sich und ihren Erfahrungen. Meine Arbeit ist getan.

Statt Wut und Scham über den Teil meines Vaters, der mich als Junge nicht gesehen hat, fühle ich Liebe. Und ich fühle mich tief verbunden mit den Männern. Sie halten den Container so sicher, dass ich sein darf. Mit all meinem Schmerz, meiner Angst, meiner Trauer, meiner Wut und meiner Liebe.

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