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30/10/2014 11:56 CET | Aktualisiert 30/12/2014 06:12 CET

Tempolimit für Geschäftsleute - Entschleunigung

Eine Bahnfahrt, die ist lustig, aber auch aufschlussreich für den, der danach strebt, ohne Hast und dennoch zielgerichtet die entfernte Stadt zu erreichen.

Entschleunigung ist das Stichwort. Viele Menschen, besonders Geschäftsleute scheinen diesen Begriff noch nie gehört zu haben, oder sie glauben, nur Arbeitslose, Rentner oder Mütter mit Kleinkindern hätten überhaupt die Zeit, mal Luft zu holen und womöglich eine Bahnfahrt zu genießen.

Letzte Woche im ICE von Berlin nach München. Am Tisch mir gegenüber ein Mann voller Tatendrang, hat noch nicht einmal Zeit, einen guten Morgen zu wünschen. Der Zug ist noch nicht losgefahren, hat er sein Notebook aufgeschlagen, stöhnt, weil er nicht sofort losschreiben kann. Sogleich klingelt sein Handy, und die anderen Reisenden können daran teilhaben, wie er dem Partner mitteilt, nun endlich im Zug zu sitzen, und dass der Taxifahrer, der ihn zum Bahnhof bringen sollte, eine Null sei, weil er viel zu langsam gefahren ist. Minuten später bestellt er einen Kaffee und hat noch nicht einmal Zeit, die nette Bedienung auch nur anzuschauen.

Herr Wichtig kann sich halt keine Muße gönnen, er fühlt sich voll verantwortlich dafür, dass sich die Erde dreht.

Das Kontrastprogramm neben mir. Freundliche Begrüßung, als der Mann sich neben mich setzt. Erkundigt sich bei mir, wie weit ich fahre, und lädt mich ein, ihn jederzeit zu wecken, falls er ein Nickerchen macht und ich an ihm vorbei möchte.

Draußen sausen Wiesen, Felder, Ortschaften vorbei. Leichter Nebel und die aufgehende Sonne zaubern ein anmutiges Bild. Er blickt eine Weile aus dem Fenster und sagt dann leise: „Einfach schön." Dann liest er in aller Ruhe etwas auf seinem Smartphone.

Herr Wichtig ist in Leipzig ausgestiegen. Allerdings hat er seine sieben Sachen erst zusammengepackt, als der Zug schon im Hauptbahnhof stand. Also, neue Hektik, das Köfferchen ließ sich nicht gleich öffnen und wurde mit Flüchen bedacht. Dann grußlos nichts wie raus.

Ja, mancher produziert Hektik als Beleg, wie unverzichtbar er angeblich sei. Mein Nachbar erzählt mir dann, wie wichtig ihm stille, ruhige Momente sind. Einfach etwas beobachten, mal Geräuschen hinterher lauschen oder erleben, was für Gedanken einem kommen, wenn man fünf Minuten still ist.

Kurz vorher hatte ich einen Artikel im Spiegel über „Kleine Schritte zur Entschleunigung" von der Psychologin Jana Hauschild gelesen.

Sie erwähnt eine Vielzahl an Vorschlägen, wie man durch Achtsamkeitsübungen der Psyche ab und zu eine Auszeit gönnt. Hier eine Auswahl ihrer Vorschläge:

Morgens beim Duschen dem Plätschern des Wassers lauschen, beobachten, wie sich das Duschgel auf der Haut verändert und Schaumblasen entstehen.

Tagsüber den Wind im Gesicht spüren, die Gerüche am Bahnhof bewusst aufnehmen. Beim Mittagessen die Konsistenz der Zutaten registrieren. Und abends mal einen eher unbekannten Radiosender einschalten und mal eher ungewohnte Musik anhören.

Großartige Beispiele, die einem keine Zeit wegnehmen, sondern uns bewusster erleben lassen, was wir so den Tag über tun. Wer vielleicht mehr Interesse an Spiritualität hat, kann darüber nachdenken, wie viele interessante Leute er/sie den Tag über getroffen hat, welche tollen Eigenschaften im Gespräch ausgedrückt wurden. Oder wie vielseitig sich die göttliche Schöpfung im Mitmenschen zeigt, durch Aufmerksamkeit, Verständnis, Geduld, Zuneigung.

So kann auch für Geschäftsreisende ein bewusst erlebter Tag überaus spannend und erfolgreich verlaufen. Und abends kommen Zufriedenheit und Dankbarkeit auf. Man kann freilich auch wie blind durch den Tag stolpern. Ergebnis wären Unzufriedenheit, Stress und, wie Hauschild schreibt, letztlich Burnout. Vielleicht denken Sie mal in Ruhe darüber nach.