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30/04/2016 08:47 CEST | Aktualisiert 01/05/2017 07:12 CEST

Was sollte Israel sich von den US-Wahlen erhoffen? Nicht viel

Aaron Bernstein / Reuters

Nach dem jüngsten Ausrutscher von Bernie Sanders, Israel habe „über 10.000 unschuldige Menschen" getötet, und seinem Vorwurf der „unverhältnismäßigen" Tötungen in Gaza während der Operation Protective Edge scheint die Aussicht auf einen ersten jüdischen US - Präsidenten für Israel viel weniger ansprechend zu sein, als einige gedacht hätten.

Wenn man dazu auf die Gefolgschaft schaut, mit der sich Hillary Clintons umgibt - Sidney Blumenthal, Huma Abedin und andere, verliert die Wahrscheinlichkeit von weiteren vier Jahren mit einem demokratischen Präsidenten im Weißen Haus gänzlich ihren Reiz.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass Donald Trump eine weit bessere Option sei. Wenn er nach eigenen Worten nicht die Kenntnis hat, dass Israel sich zu einem Friedensabkommen bekenne, und glaubt, dass in einem Saal gefüllt mit jüdischen Publikum „vermutlich mehr [Geschäftsleute] sitzen, als in jedem anderen Raum, in dem er gesprochen habe", dann wirft dies ernste Fragen auf. Seine ergänzende Bemerkung wenige Minuten später, dass er wisse, dass das Publikum ihn nicht unterstützen werde, weil er „nicht deren Geld wolle" und „ihre eigenen Politiker kontrollieren wolle", war auch nicht besonders hilfreich.

Bei diesen drei aussichtsreichsten Kandidaten und ihren „fragwürdigen" Ansichten in Bezug auf Israel und einem einzigen israelfreundlichen Kandidaten, der allerdings in den Umfragen weit zurückliegt, scheint es vernünftig zu sein, wenn Israel sich auf noch mehr „Licht" zwischen sich und seinem größten Verbündeten vorbereitet - so beschrieb Präsident Obama seinen Wunsch, dass sich die US-Regierung von Israel distanziere.

Allerdings umfasst der derzeitige antiisraelische Trend mehr nur als die US-Wahlen. In der ganzen Welt bringen Politiker und Meinungsbildner antisemitische und antiisraelische Sichtweisen ungehemmt zum Ausdruck, dies oft im Ton einer gerechten Empörung.

Die Labour-Partei in Großbritannien hatte es, wie es Ari Soffer von Arutz Sheva formulierte, mit einer „scheinbar nicht enden wollenden Liste an antisemitischen Skandalen" zu tun. Schwedens Außenministerin Margot Wallström, Jan Marijnissen, Vorsitzender der Sozialistischen Partei in den Niederlanden, Albrecht Schröter, Oberbürgermeister der Stadt Jena in Deutschland, und Gabor Huszar, Bürgermeister der Stadt Szentgotthard in Ungarn, sie alle sprachen von einer Mitschuld Israels an den Terroranschlägen in Paris am 13. November.

Stars wie der ehemalige Pink Floyd Frontmann Roger Waters, der jede Gelegenheit für Israel-Bashing nutzt; die Verbreitung von Ritualmordlegenden, wie beispielsweise, dass Israel unter dem Tempelberg einen Tunnel grabe, um eine unterirdische Stadt unterhalb des Felsendoms zu errichten; die zunehmenden Dynamik von antiisraelischen Bewegungen wie BDS und Jewish Voice for Peace, insbesondere an Universitäten in den USA; die sich intensivierende antiisraelischen Politik des UN-Sicherheitsrats; all das zeugt davon, dass sich Israels Lage rapide verdüstert.

Dieser Welle des Hasses hält Israel einige begabte Redner und Präsentatoren entgegen. Roseanne Barr, Yair Lapid und andere wortgewandte Redner machen ihre Arbeit im Enthüllen der Irrationalität und Bigotterie der Israel-Kritiker gut. Trotz all ihrer Anstrengungen und trotz aller Anstrengungen des Jüdischen Weltkongresses ist es eine Tatsache, dass die Welt immer antiisraelischer wird.

Der Hass ist so tief verwurzelt, dass alles, was wir zu unserer Verteidigung sagen oder tun, keine Rolle spielen wird, da die Menschen nicht zuhören können. Sie sind grundsätzlich geneigt, Israels Anklägern Glauben zu schenken. In der ganzen Geschichte war der Antisemitismus niemals rational.

Weder die Wahrheit noch die Vernunft waren jemals ein Problem in den Augen der Israelhasser. Die Vorstellung, dass Israel an allem, was in der Welt falsch läuft, Schuld habe, hatte sich gegen alles Weitere durchgesetzt, und ihre Begierde, Israel zu bestrafen oder ganz und gar zu zerstören, wurde unkontrollierbar.

Hitler schrieb in seinem berüchtigten Haufen aus Wahnsinn, bekannt als Mein Kampf: „Siegt der Jude (...) über die Völker dieser Welt, dann wird seine Krone der Totenkranz der Menschheit sein, dann wird dieser Planet wieder wie einst vor Jahrmillionen menschenleer durch den Äther ziehen." Jetzt, da diese Worte erneut veröffentlicht werden und wieder in Europa zirkulieren - in der arabischen Welt tun sie es seit jeher - und gleichzeitig rechtmäßige politische Figuren dieses Monster „den größten Menschen der Geschichte" nennen, sollten wir uns unseren nächsten Schritt genau überlegen.

Wenn es allerdings darum geht, über unseren nächsten Schritt nachzudenken, dann kommt unser größter, wenn nicht einziger Fehler ans Tageslicht. Über die Zersplitterung der jüdischen Gesellschaft und über die Kluft zwischen den Juden in der Diaspora und in Israel wurde viel geschrieben und gesagt, man kann jedoch kaum die Wichtigkeit dieses Themas überschätzen.

Die eigentliche Essenz unseres Volkes besteht in dem Grundsatz der Nächstenliebe: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Am Fuße des Berges Sinai wurden wir zu einem Volk, als wir darin übereinstimmten, „wie ein Mensch mit einem Herzen" zu leben. Moses empfing unser Gesetzbuch, als er den Berg Sinai, den Berg von Sinaa [Hass] erklomm.

Als wir uns damit einverstanden erklärten, das Gesetz, die anderen zu lieben, über den Hass hinweg einzuhalten, wurden wir zu einem Volk. Rabbi Akiwa benannte aus gutem Grund das Gebot der Nächstenliebe als das große „Klal" der Tora, da es die eigentliche Essenz unseres Volkes „kolel" [umfasst] und verkörpert.

Unsere Vorväter durchlebten Konflikte und Versöhnungen, doch indem sie die Regel des Königs Salomo, dass „Hass Streit schürt, und Liebe alle Verbrechen überdeckt" (Sprichwörter, 10:12), befolgten, lernten sie, ihre Egos zu überwinden und die Einheit in Krisenzeiten aufrechtzuerhalten. Als sie die Verbrechen nicht mehr mit Liebe überdecken konnten, verfielen sie in grundlosen Hass und zerstreuten sich über die ganze Welt.

Brüderlichkeit und das Überdecken des Hasses mit Liebe sind keine archaischen biblischen Vorstellungen. Sie sind für unser Überleben als Volk und als Individuen unerlässlich, da sie die Quelle unserer Stärke sind. Unser Volk entstand nicht durch die biologische Verwandtschaft oder die geographische Nähe, sondern durch das hartnäckige Klammern an diese Grundsätze. Sie sind in so einem Ausmaß ein Teil von uns, dass man ruhigen Gewissens behaupten kann, dass die Essenz des Judentums im spirituellen Sinne dahinschwindet, wenn diese nicht mehr vorhanden sind.

Als den Juden die Aufgabe gegeben wurde, „ein Licht für die Völker" zu sein, war damit beabsichtigt, dass sie das Licht der Brüderlichkeit und des Überdeckens des Hasses mit Liebe verbreiten würden. Heutzutage ist dies das Heilmittel, welches die Welt am meisten braucht. Je tiefer die Welt in fortwährende Konflikte versinkt, desto wütender wird die Menschheit auf uns.

Immer mehr Menschen werden uns für jede Feindseligkeit verantwortlich halten, welche zwischen den Menschen zum Vorschein kommen wird, insbesondere wenn es um innen- und außenpolitische Konflikte geht, und die Irrationalität dieser Beschuldigungen wird sie nicht weniger wahr aussehen lassen.

Die eine Lösung für den Antisemitismus in all seinen Formen ist die jüdische Einheit - Brüderlichkeit und Liebe, die jeden Hass überdeckt. Es ist unsere allerdringendste Aufgabe, und wir haben noch nicht einmal damit begonnen. Die politische Rechte beschuldigt die politische Linke und umgekehrt. Doch keine Sichtweise ist richtig, solange sie den Hass auf die andere Sichtweise beinhaltet.

Wir müssen uns nicht einig sein; wir müssen uns nur ein einziges Mal wie Mitglieder der gleichen Nation zusammen hinsetzen und über unser gemeinsames Schicksal reden, und zwar, dass wir am Ende doch die Übermittler der Botschaft der Liebe und der Brüderlichkeit in der Welt sind. Doch die Welt sieht keinen Übermittler aus unseren Reihen.

Wenn wir die Einheit jenseits der Unterschiede vermitteln, anstatt der gegenwärtigen Darstellung der Fragmentierung und Spaltung, dann wird uns die Welt mit anderen Augen betrachten.

Wenn wir darin erfolgreich sind, den Grundsatz der Liebe, die alle Verbrechen überdeckt, unter uns anzuwenden, geschweige denn den Grundsatz der Nächstenliebe, wird die Menschheit dann nicht kommen und zuschauen? Werden die Menschen dann nicht auch diese Einheit unter sich verwirklichen?

In der einen oder anderen Form haben alle großen Religionen das Gebot der Nächstenliebe von uns übernommen. Wir aber fielen in grundlosen Hass zurück, bevor wir das Benutzerhandbuch versenden konnten, sodass niemand weiß, wie man dieses wundervolle Konzept anwendet. Jetzt müssen wir es zwischen uns selbst verwirklichen und dadurch die Durchführbarkeit demonstrieren. Das alles ist die Anstrengung wider die Verleumdung, die wir unternehmen sollten.

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