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05/04/2016 12:49 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Warum gibt es jüdische Antizionisten?

Goodshoot via Getty Images

Es gibt Juden, die leidenschaftliche Antizionisten sind. Es gibt Dutzende von islamischen Staaten, aber man würde es schwer haben, Muslime zu finden, die sich der eigentlichen Idee eines muslimischen Staates widersetzen.

Selbst wenn man solche finden würde, würden diese wohl kaum so leidenschaftlich in ihrem Hass auf einen solchen muslimischen Staat sein, so eifrig in ihren Bemühungen, diesen auszulöschen, wie es einige Juden sind, wenn es um die Existenz des jüdischen Staates geht. Tatsächlich scheint für Juden, die sich für Organisationen wie BDS oder Jewish Voice for Peace (für Palästinenser, nicht für Israelis) engagieren, der Lebenszweck darin zu bestehen, die Zerstörung des jüdischen Staates mitzuerleben.

Um zu verstehen, worin der Ursprung eines so leidenschaftlichen Hasses liegt, müssen wir auf die Wurzeln des jüdischen Volkes zurückblicken. Für gewöhnlich entsteht ein Volk aus Familien und Stämmen, die sich geschichtlich entwickeln, oder aufgrund von gemeinsamen Lebensräumen oder der geteilten Herkunft.

Für das Volk Israel stimmt dieses Schema nicht. Es ist ein Volk, welches sich in den Tagen Abrahams, Isaaks und Jakobs gebildet hat, als diese vom Fruchtbaren Halbmond ins Land Kanaan kamen, später nach Ägypten gingen und dann wieder zurück nach Kanaan, bis ihre Nachfolger am Fuß des Berges Sinai zu einem Volk wurden, indem sie sich kollektiv dazu verpflichteten, „wie ein Mensch mit einem Herzen" zu sein.

Die drei Vorväter des jüdischen Volkes verbreiteten die Ideen von Verbindung und Einheit, Brüderlichkeit und Menschenliebe. Sie entdeckten, dass der Weg zur Errichtung einer zusammenhaltenden Gesellschaft im Überwinden des Egos besteht und eben nicht in dessen Unterdrückung. Für sie war das Ego kein Feind, der zum Schweigen gebracht werden musste. Je größer ihre Egos wurden, was sich in ihren häufigen Streitigkeiten widerspiegelte, desto höhere Stufen der Einheit erreichten sie, indem sie sich über dem wachsenden Ego erhoben.

Für sie war Gott eine gütige Kraft, den sie „Der Gütige, der Gutes tut" nannten. Ihr Ziel war, dass das gesamte Volk diese Eigenschaft der Güte besitzen werde, und sie errichteten eine Gesellschaft, welche die Verwirklichung dieses Verlangens unterstützte.

Als sich Menschen zu dieser Zeit dem Volk Israel anschlossen, taten sie es, weil sie an die Idee glaubten, nicht aufgrund einer biologischen oder territorialen Affinität gegenüber den Israeliten. Infolgedessen bestand das israelische Volk am Anbeginn aus einer unvergleichlichen Vielfalt an Ethnien und Herkünften, verbunden durch die Auffassung der Einheit jenseits der Unterschiede.

Da die Hebräer ihre Egos nicht unterdrückten, sondern über sie hinauswuchsen und dementsprechend die Natur der Nächstenliebe tiefer in ihren Herzen pflanzten, verblieben sie mit zwei in Konflikt zueinander stehenden Trieben. Den einen nennen wir den "bösen Trieb" - dieser ist das Verlangen, von sich eingenommen zu sein und Mitmenschen für den persönlichen Nutzen auszunutzen. Den Anderen nennen wir den "guten Trieb": das ist die Neigung von Abraham zur Verbindung, Barmherzigkeit und Güte.

Bis vor zirka 2000 Jahren pflegten die Juden ein gesundes Gleichgewicht, bei dem sie das stetige Wachstum des Egos bewältigten, indem sie sich darüber hinweg miteinander verbanden. Wie wir allerdings aus den authentischen jüdischen Schriften erfahren, kam vor ungefähr 2000 Jahren unbegründeter Hass über die Juden, und das Ego übernahm die Führung. Schließlich führte dies zur Zerstörung des Tempels und zur Vertreibung der Juden aus dem Land Israel.

Bis auf den heutigen Tag trägt jeder Jude diese beiden Triebe in sich. Während der Trieb der Selbstsuchst derzeit im Vordergrund steht, existiert in jedem von uns eine unterbewusste "Erinnerung", wie ein latent vorhandenes Gen. Obwohl verborgen, beeinflusst es viele Emotionen und Ansichten, die Juden dem jüdischen Volk und dem Staat Israel gegenüber entwickeln.

Es gibt viele Erscheinungsformen derselben Ursprungs, aber im Allgemeinen gilt, dass wenn Spaltung und Entfremdung herrscht, Juden Ressentiment gegenüber dem Staat Israel fühlen und antizionistischer werden. Diese Zustände variieren von Mensch zu Mensch, und zu unterschiedlichen Zeiten können Menschen verschiedene Gefühle gegenüber Israel und den Juden hegen. Eines steht aber fest: Selbst wenn Juden es sich selbst gegenüber verleugnen, können sie nicht teilnahmslos bleiben, wenn es um den Staat Israel und um das jüdische Volk geht.

Antizionismus an sich ist nicht das Problem. Das Problem ist die Uneinigkeit des jüdischen Volkes. Die gesamte Welt beobachtet, was sich in Israel und zwischen Israel und den Juden in der Diaspora abspielt. Die Konflikte, die Entfremdung und die teilweise unverhohlene Feindlichkeit, die wir an den Tag legen, schüren den Hass der Nationen gegen uns. Ob wir es wollen oder nicht, geben wir der Welt ein Beispiel, einfach weil wir andauernd auf dem Prüfstand stehen. Unsere Uneinigkeit projiziert sich auf den Rest der Welt. Wenn die Welt uneinig ist, folgen Kriege. Misstrauen verbreitet sich, die Wirtschaft stagniert, und die Menschen fühlen sich einsam und niedergeschlagen. Und die Juden werden für all dies beschuldigt.

Wir bedürfen keiner Führung; wir können uns selbst erziehen und einmal wieder lernen, unsere Egos zu überwinden und uns zu verbinden. Dies ist das Wundermittel, wonach die Welt sucht. Die Zerstörung des jüdischen Staates wird nicht die Probleme der Welt lösen. Wenn überhaupt, dann wird es die Lösung der Probleme hinauszögern, weil das Volk Israel sich trotzdem vereinigen und dadurch ein Beispiel setzen muss.

Gerade jetzt, wenn der Antisemitismus auf der ganzen Welt ansteigt, können wir diesen jahrhundertealten Hass aushebeln und uns über unsere Egos hinweg verbinden. Somit werden wir erneut zum vereinten Volk Israel, zum Vorbild von Einheit und Brüderlichkeit, welches die Welt so dringend braucht. Wir haben eine Menge Arbeit vor uns; lasst uns nicht unsere Zeit verschwenden.

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