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08/04/2016 10:29 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 07:12 CEST

Über das Konsumdenken, den Terror und die Natur des Menschen

dpa

Jahrzehntelang wurde uns vermittelt, dass wir erst dann glücklich werden können, wenn wir das coolste und neueste Auto/Handy/Paar Schuhe/was auch immer besitzen. Sobald wir allerdings diese neueste Sache, die uns sicheres Glück versprochen hat, in der Hand halten, wird uns gesagt, dass etwas Neues herausgekommen sei, und wir nur dann glücklich werden können, wenn wir auch das besitzen... So hat die Menschheit das Konsumdenken erfunden.

In den vergangenen Jahren hat sich ein neuer Trend herauskristallisiert. Dieser wird „lowsumerism" (eine Art Konsumverweigerung) genannt, d. h. man kauft nur das, was man wirklich braucht, und zwar im vollen Bewusstsein der Auswirkungen, die unsere Einkäufe für diesen Planeten haben.

Allerdings wird es uns auch nicht glücklicher machen, wenn wir das Kaufen meiden. Statt zu fragen, wie wir den übermäßigen Konsum stoppen können, sollten wir uns fragen, warum wir überhaupt erst im überflüssigen Maße konsumieren.

Die Psychologen Brickman und Campbell prägten den Begriff des Hedonistischen Relativismus, mit welchem sie im Großen und Ganzen die Tendenz beschrieben, ununterbrochen zu konsumieren. Heutzutage nennen wir diese Erscheinung die „Hedonistische Tretmühle". Ein Phänomen zu beobachten und zu benennen erklärt allerdings noch nicht dessen Ursache. Um zu verstehen, warum wir dazu geneigt sind, müssen wir die Natur des Menschen und den Verlauf ihrer Entwicklung verstehen.

Wie alle anderen Bestandteile der Wirklichkeit bestehen auch wir Menschen aus entgegengesetzten Elementen und Kräften. Das Einatmen und Ausatmen erlaubt es uns, Sauerstoff aufzunehmen und Kohlenstoffdioxid loszuwerden, und das Hinein- und Herauspumpen des Herzens erlaubt es uns, den Blutkreislauf sicherzustellen. Ohne diese entgegengesetzten Kräfte und Elemente würden wir sterben. Ähnlich wie Mann und Frau einander ergänzen, um die Fortführung unserer Spezies sicherzustellen, ermöglicht auch der Ruhe-Spiel-Zyklus bei Kindern ein gesundes Aufwachsen.

Auf allen Stufen der Realität wird diese Balance zwischen entgegengesetzten Kräften aufrechterhalten, außer einem einzigen Teil des Systems - der Stufe der menschlichen Begierden, Verlangen. In meinem Buch Egoismus vs. Altruismus in der globalen Ära: Wie die Gesellschaft die Eigeninteressen zu einem gegenseitigen Nutzen umwandeln kann, welches vor etwa fünf Jahren herauskam, ist ausführlich erklärt, dass sich die menschlichen Verlangen (Begierden) in einer Weise entwickeln, in der das negative Element überhandnimmt und uns aus der Balance wirft, in einen Modus, der unseren Planeten, unsere Gesellschaft und letztendlich uns selbst zerstört. Die übermäßige Ausweitung der negativen Elemente in unseren Wünschen und Verlangen tritt in ausschweifender Selbstzentriertheit und Entfremdung zutage, gekoppelt mit dem Verlangen, andere für die persönliche Bereicherung auszunutzen.

Das Problem ist, dass unser natürlicher Instinkt, aufzuhören, wenn wir von etwas genug haben, von unserer Notwendigkeit, andere Menschen zu übertreffen, überholt wird - Sei schlauer, stärker, schöner, vermögender und so weiter. Je mehr „ers" wir an unseren Egoismus hängen können, desto besser fühlen wir uns. Konsequenterweise ist an uns nichts mehr ausbalanciert. Da wir uns dauerhaft in einem Ungleichgewicht befinden, sind wir in andauernder (meistens jedoch unterbewusster) Sorge, so dass wir Momente der Erleichterung und Entlastung (von der Sorge) mit Glück verwechseln.

Allerdings gibt es einen Grund dafür, warum wir unsere Begierden, Verlangen nicht so ausbalancieren können wie die restliche Natur. Wir konsumieren im überflüssigen Maße, weil wir uns als voneinander getrennt wahrnehmen, obgleich wir in Wirklichkeit in einem Netz von Gedanken und Verlangen miteinander verbunden sind, welches uns vorschreibt, wer wir auf beinahe jeder Ebene sein sollen. Dennoch werden wir nur dann dazu in der Lage sein, diese Ebene der Verbundenheit positiv zu erfahren, wenn wir unsere Selbstzentriertheit überwinden.

Da wir diese Verbundenheit nicht überwinden können, hassen wir sie und wehren uns auf verschiedene Weisen gegen sie. Die kleinlauten und introvertierten Personen unter uns neigen dazu, sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, sie zu scheuen und sich abzugrenzen. Wenn sie nicht glücklich werden können, versinken sie oftmals in Depressionen, flüchten in den Drogen- und Alkoholmissbrauch oder werden selbstmordgefährdet. Die weniger gehemmten Personen unter uns fahren die entgegengesetzte Schiene und könnten ihre zerrüttete Verbundenheit mit Menschen im gewalttätigen und aggressiven Benehmen äußern.

Man nehme zum Beispiel den Fall von ISIS. Es gibt viele gläubige Muslime, die nicht gewalttätig werden. Sie führen ihr Leben auf strikte Weise gemäß ihrem Glauben, aber versuchen nicht, es anderen aufzuzwingen oder irgendjemanden zu bestrafen, der anders lebt.

Die Terroranschläge vom 22. März in Brüssel sind das entgegengesetzte Beispiel. Jenseits der islamistischen Ideologie ist dies eine Aufwallung des menschlichen Hasses, welche zu einer mörderischen Menschenfeindlichkeit geworden ist. Im Vergleich zu solchen Aufwallungen scheint die Handhabung des Konsumdenkens wie ein Kinderspiel. Dennoch entspringen all diese Probleme derselben Wurzel: unserer Unfähigkeit, die entgegengesetzten Kräfte in uns ins Gleichgewicht zu bringen.

Es reicht bloß, sich die Nachrichten anzusehen, um zu erkennen, dass wir an einem Wendepunkt angelangt sind, an dem wir uns selbst und unsere wirkliche Natur in den Griff bekommen und schließlich die Balance wiederherstellen müssen.

Wir können uns selbst zum Bewusstsein darüber, wie unsere wechselseitige Vernetzung uns zugutekommt, erziehen. Statt zu versuchen, uns selbst den „lowsumerism" aufzudrängen, lernen wir einfach, unsere Verlangen und Begierden für das gemeinsame Wohl zu nutzen. Da wir es lieben, einzigartig zu sein, wird unsere Einzigartigkeit unsere Gemeinschaften, Gesellschaften und die Welt, in der wie leben, bereichern. Statt zu nehmen und zu nehmen werden wir geben, geben und geben. Da dies aber zur vorherrschenden Verhaltensform in unserer Gesellschaft wird, wird es letztendlich so kommen, dass wir grenzenlos mehr bekommen, als wir jemals uns selbst geben könnten.

In einer Gesellschaft, in der jeder seinen Beitrag leistet, werden wir viel mehr über den materiellen Überfluss hinaus haben. Wir werden emotionale Befriedigung genießen, da wir in der Lage dazu sein werden, uns selbst kreativ zum Ausdruck zu bringen, und da wir aus dem ständigen positiven Feedback unseres sozialen Umfeldes geistige Stärke und Lebenskraft schöpfen werden.

Wir dürfen keine Zeit verschwenden. Die globale Gesellschaft steht an der Schwelle zum Zusammenbruch. Wir, die Menschen, können diesen Ort entweder zum Himmel auf Erden werden lassen, oder zur Hölle. Die Entscheidung liegt bei uns, und wir müssen sie jetzt treffen.

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