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30/11/2015 13:16 CET | Aktualisiert 30/11/2016 06:12 CET

Deshalb sollten wir nicht nur wegen des Terrors zusammenhalten

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Von David Ropeik, einem Harvard-Wissenschaftler, („Terrorismus - warum er uns beängstigt und vereint"), über Dominique Sopo, den Intellektuellen aus Frankreich („Konfrontiert mit Hass, müssen wir mit Einheit antworten") und bis zum Großmufti aus Ägypten, Shawki Ibrahim Abdel-Karim Allam ( „Wenn wir den Terrorismus auslöschen wollen, müssen wir zusammenhalten"), hat der entsetzliche Terrorangriff am 13. November in Paris, der 130 Menschen das Leben kostete und Hunderte von Verwundeten hinterließ, Menschen aller Religionen und Auffassungen dazu veranlasst, die Einheit als Mittel gegen Terrorismus zu fordern.

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Ich stimme mit ganzem Herzen zu, dass die Einheit das Heilmittel gegen den Terrorismus ist. Womit ich weniger einverstanden bin, ist, dass Terrorismus der Grund für die Einheit sein soll. Solange die Furcht unsere Motivation dafür ist, uns zu vereinigen, werden wir in ihrer Abwesenheit die Einheit meiden.

Dies ist kein Rezept für eine gesunde Gesellschaft. Es ist genau diese Denkweise, die weltweit zur Entstehung von Radikalismus und Fundamentalismus geführt hat. Die Uneinigkeit in unseren Lebensgemeinschaften bringt soziale und finanzielle Unsicherheit hervor. Die Uneinigkeit in unseren Familien verursacht Misstrauen zwischen Eltern und Kindern und errichtet Barrieren zwischen Ehepartnern.

Die Uneinigkeit in der Schule ruft scharfe und oft rücksichtslose Konkurrenz zwischen Gleichaltrigen hervor. Wenn die Uneinigkeit jeden Bereich unseres Lebens durchdringt und dominiert, dann erzeugt sie soziale Isolation und Depression.

Zerfall der Gesellschaften

Letzteres könnte wiederum zur Suche nach extremen Lösungen führen, wie Drogenmissbrauch, Selbstmord und politischer oder religiöser Radikalismus. Wenn wir den narzisstischen Vektor, der unsere Gesellschaft zerstört, nicht umkehren, bleibt uns vorherbestimmt, die Radikalisierung unserer Jugend und den Zerfall unserer Gesellschaften zu erweitern und zu verstärken.

Falls wir denken, dass wir den Kampf gegen den IS beenden oder den Letzteren wenigstens etwas abbremsen können, indem wir mehr Truppen und Drohnen in den Kampf schicken, führen wir uns selbst in die Irre.

Wenn überhaupt, dann wird es ihnen mehr Unterstützung verschaffen, weil sie in der Lage sein werden, sich selbst nicht nur als angsteinflößend und willensstark darzustellen (eine Eigenschaft, die für die moralisch bankrotte westliche Gesellschaft einen großen Reiz hat), sondern auch als einen Außenseiter, der mit dem Geist statt mit Waffen gewinnt.

Wir sollten uns die Worte von Nicolas Hénin, der vom IS beinahe ein Jahr lang gefangen gehalten wurde, zu Gemüte führen. „Ich kenne sie: die Bombardierung erwarten sie. Wovor sie sich fürchten, ist Einheit."

Einheit ist der Grundbau der Wirklichkeit

Wenn wir uns von all dem Chaos eine kurze Auszeit gönnen und den weiten Blick wagen, werden wir erkennen, dass die Menschheit durch Zyklen von Ebbe und Flut ihre Verbundenheit unaufhörlich ausdehnt. Heutzutage haben wir den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gibt; voneinander Getrenntsein ist keine Option mehr.

Keine Nation kann eine lebensfähige Gesellschaft oder eine nachhaltige Wirtschaft aufrechterhalten, wenn sie isoliert ist (hier reicht ein Blick auf Nordkorea, das noch nicht einmal vollständig isoliert ist). Protektionismus und Isolation können nur zum Krieg führen und aller Voraussicht nach sogar zu einem Weltkrieg.

Das Problem ist aber, dass auch unkontrolliertes Verwischen von Nationen und Nationalstaaten dazu führen wird. Während die Menschheit aus jeder möglichen Richtung zur Einheit gedrängt wird, versuchen wir, alles zu tun, um diese zu umgehen.

Wenn die Wirklichkeit einen Weg geht, und die Menschheit - einen anderen, dann ist die Menschheit zum Scheitern verurteilt. Einheit ist kein Gegenmittel gegen Terrorismus; sie ist der Grundbau der Wirklichkeit.

Die menschliche Gesellschaft kränkelt

Wir definieren typischerweise die Einheit und Harmonie unserer Körper durch ein einzelnes Wort: „Gesundheit". Unterdessen sind die Teile unserer globalen Gesellschaft genauso wie die Organe in unseren Körpern voneinander abhängig; wir aber weigern uns, uns so zu verhalten, wie es der gesunde Körper tun sollte.

Ferner entscheiden wir uns dazu, so viel wie wir können an uns zu reißen, vorzugsweise auf Kosten anderer. Um es anders auszudrücken, verhalten wir uns eher wie Krebszellen als wie gesunde Zellen. Ist es da noch verwunderlich, dass unsere menschliche Gesellschaft kränkelt?

Je eher wir damit beginnen, unsere Denkweisen umzulenken, und die Welt als ein Sammelsurium sich ergänzender Elemente statt konkurrierender Fragmente wahrzunehmen, desto eher werden wir unsere Welt heilen.

Die Natur zeigt uns, wohin wir gehen müssen; es liegt an uns, ob wir diese Richtung annehmen, die Vorstellung vom Überleben des Stärkeren hinter uns lassen und erkennen, dass wir alle in einem Boot sitzen. Entweder segeln wir alle zusammen und erreichen so sicher die Küste, oder wir bohren Löcher in den Rumpf und ertrinken.

Einheit ist zu unserem Wohl

Wir befinden wir uns zwar noch nicht im Krieg, doch haben wir in letzter Zeit mehrere schmerzhafte Warnsignale erlitten. Lasst uns begreifen, dass die Einheit zu unserem Wohl ist.

Die Einheit erlaubt es uns, nicht auf Kosten anderer aufzublühen und zu wachsen, sondern eher, unsere einzigartigen Fähigkeiten und Talente zur Besserung unseres Lebens und des Lebens aller Menschen um uns herum einzusetzen.

Erfolgreiche Sportteams und erfolgreiche Unternehmen sprechen immer über die Schlüsselrolle, die die Einheit und beidseitige Unterstützung am Erfolg haben. Die Geschichte zeigt uns, wie Spaltungen zwischen verschiedenen Interessensgruppen von Nationen ihren Untergang besiegelten.

Auch die Natur zeigt uns allen, wie alles nur dann aufblüht, wenn eine gesunde Beziehung nach dem Prinzip von Geben und Nehmen in der Umwelt existiert. Welchen Weg wir auch immer wählen, wir müssen uns selbst mit der Vorstellung indoktrinieren, dass nur eine vereinte Gesellschaft eine aufblühende Gesellschaft ist. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem dies der Schlüssel für unser Überleben ist.

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