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17/04/2016 08:36 CEST | Aktualisiert 18/04/2017 07:12 CEST

Bernie Sanders und die 10.000 "unschuldigen" Palästinenser

Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Bernie Sanders, behauptete in einem Interview mit den Daily News, dass Israel im letzten Konflikt mit den Palästinensern in Gaza (Protective Edge) im Sommer 2014 "über 10.000 unschuldige Menschen" getötet habe. In Wirklichkeit bewegt sich sogar die Angabe der Palästinenser um die Anzahl von 2300, und dazu zählen auch die Aktivisten der Hamas, also Terroristen.

Wie dem auch sei sind Herr Sanders' Ansichten, die eng an Antisemitismus grenzen, nichts Neues. Mit Anhängern wie dem anti-israelischen Aktivisten Noam Chomsky und einer Vorgeschichte der Unterstützung solcher Persönlichkeiten wie Pfarrer Jesse Jackson, als dieser für die Demokratische Partei bei der Präsidentschaftswahl kandidierte, sind Herrn Sanders Ansichten über den jüngsten Gaza-Konflikt für niemanden eine Überraschung.

Wie kommt Bernie Sanders dazu?

Nichtsdestotrotz fragt man sich, wie Sanders zum Schluss kam, dass a) 10.000 Palästinenser in dem Konflikt getötet wurden, und b) dass diese Palästinenser "unschuldige Menschen" waren. Auf der einen Seite stellt er fest, dass „Israels Angriffe gegen Gaza wahllos" waren, und dass „viele unschuldige Menschen getötet wurden, die nicht getötet werden sollten."

Auf der anderen Seite sagt er, hier habe man „eine Situation, in der die Hamas Raketen auf Israel schießt - eine Tatsache - und Sie wissen, wo einige dieser Raketen herkommen. Sie kommen aus besiedelten Gebieten; das ist eine Tatsache." Also weiß er, dass die Hamas aus dicht besiedelten Gebieten schießt, und trotzdem beschuldigt er Israel, auf diese Gebiete zu schießen.

Wenn es kompliziert klingt, es ist kompliziert. Die Hass-Liebe-Beziehung zu Israel ist etwas, was jeder Jude fühlt, und sie erwächst aus der Wurzel unserer Nation.

In meinem Artikel „Warum die Menschen Juden hassen" (Why Do People Hate Jews) habe ich bereits ausführlich beschrieben, dass wir seit der Gründung unseres Volkes „anders" sind, und uns von allen anderen Völkern unterscheiden. Unser Volk bildete sich nicht durch genetische Verwandtschaft oder geografische Nähe, sondern durch die Einhaltung einer Idee.

Zwei Elemente bilden die Grundlage für unser Volk: Einheit und Brüderlichkeit. Wir wurden am Fuße des Berges Sinai zu einer Nation, als wir uns verpflichteten, uns "wie ein Mensch mit einem Herzen" zu verbinden, und wir blieben eine Volk, solange wir in der Lage waren, unsere Konflikte mit der Decke der Einheit zu bedecken.

Eines muss hier klargestellt werden: Die Natur der Juden ist genauso egoistisch wie die aller anderen. Wir kamen aus unterschiedlichen Verhältnissen und aus verschiedenen Nationen und vereinten uns unter Abrahams Führung.

Wenn man sich ansieht, wie es uns gelungen ist, uns trotz unterschiedlicher Herkunft der Menschen als Volk zu etablieren, merkt man, dass ein Schlüsselprinzip das jüdische Volk geführt hat: "Der Hass erzeugt Streit, und die Liebe überdeckt alle Verstöße, alle Übertretungen" (Sprüche, 10,12). Mit anderen Worten waren die alten Hebräer nicht besser als ihre Nachbarn, aber sie hatten einen Weg gefunden, ihre Egos mit der Liebe zu bedecken.

Wir wurden nur deswegen zu einem Volk, weil wir zugestimmt hatten, „Ein Mensch mit einem Herzen" zu sein. Und als wir damit erfolgreich waren, wurden wir mit einer Aufgabe betraut: „Ein Licht unter den Völkern" zu sein, um zu zeigen, wie jeder sich über sein Ego hinweg erheben kann.

Einheit über alle Unterschiede hinweg.

Dies ist das Wesen unserer Existenz. Alles in unserer Welt besteht aus Gegensätzen, die miteinander kooperieren, um ein harmonisch funktionierendes Ganzes zu bilden. Genau wie Ein-und Ausatmen besteht jede Handlung und jede Materie aus Ruhe-Tätigkeit-Zyklen und einer Dualität von Positivem und Negativem. Indem unsere Vorväter erlernten, wie man das Ego mit der Einheit ergänzt, fanden sie die Lebensformel, die „Theorie für Alles". Das ist das "Licht", das an die Welt weiterzugeben ihnen befohlen wurde.

Aber vor etwa 2000 Jahren verloren wir unsere Fähigkeit, unseren Egoismus mit Einheit und Brüderlichkeit zu bedecken. Ohne das Element, das uns als Nation seit unserer Gründung zusammengehalten hatte, konnten wir nicht zusammen bleiben und wurden ins Exil zerstreut.

Und doch gibt es in jedem von uns eine nicht wahrnehmbare Erinnerung. Wir können es vielleicht nicht wirklich definieren, aber sie sagt uns, dass wir im Kern alle vereint sind und dass wir diese Einheit in die Welt bringen müssen.

Bernie Sanders fühlt das auch. Er ist sich nur nicht der Tatsache bewusst, dass die Einheit von größter Bedeutung ist, und dass wir alle sie erreichen müssen. Beim „CNN Presidential Democratic Town Hall" in South Carolina sagte Herr Sanders: „Jede große Religion in der Welt ... besagt letzten Endes:

"Behandle andere so, wie du gerne möchtest, dass sie dich behandeln"... Was ich glaube, und ich glaubte das mein ganzes Leben lang ..., dass wir darin im selben Boot sitzen. Das sind nicht nur Worte. Die Wahrheit ist, dass wenn du verletzt wirst, oder deine Kinder verletzt werden, auch ich verletzt werde, auch ich verletzt bin."

"Und wenn meine Kinder verletzt werden, bist du verletzt. Ich glaube daran, dass die menschliche Natur so ist, dass jeder in diesem Raum auf alle mögliche Arten eine Auswirkung auf alle anderen hat, und dass wir das nicht einmal wirklich verstehen können, weil es jenseits des Intellekts ist. Es ist eine spirituelle, emotionale Sache."

"Deshalb glaube ich, dass, wenn wir ... sagen, dass wenn ein Kind hungert, es so ist, als sei es mein Kind, ich denke, dass das menschlicher ist, als wenn wir sagen: "Hey, diese ganze Welt bin ich, ich brauche mehr und mehr, ich kümmere mich um niemanden sonst." Das ist meine Religion; das ist, was ich glaube. Und ich denke, die meisten Leute ... teilen diesen Glauben, dass dies uns alle betrifft. Deshalb müssen wir zusammenarbeiten, und das ist meine Spiritualität. "

Die „Erinnerung" der Bedeutung von Einheit ist in Mr. Sanders sehr lebendig.

Aber wie erklärt sich seine Entfremdung von Israel? Die Antwort ist einfach: Er sieht nicht, dass Israel den Geist der Einheit und Brüderlichkeit verbreitet, also fühlt er sich entfremdet. Er bringt dies zum Ausdruck, indem er Israels Politik oder Maßnahmen kritisiert, aber darunter liegt die unausgesprochene Erwartung an den Staat Israel, "ein Licht unter den Völkern" zu sein, Einheit und Brüderlichkeit zu verbreiten.

Zu sagen "das Kind, das hungrig ist, ist mein Kind", mache uns menschlicher als wenn wir sagten "ich kümmere mich um niemand anderen", kommt der Aussage sehr nahe: "Wir müssen unseren Egoismus mit Einheit und Brüderlichkeit bedecken und „ein Mensch mit einem Herzen" werden".

Gegen Israel eingestellt zu sein wird dem Anliegen von Herrn Sanders nicht helfen. Es wird weder Einheit oder Brüderlichkeit bringen, noch die Welt zu einem besseren Ort machen. Allerdings sollten wir es als Erinnerung dafür nutzen, was Juden in dieser Welt tun sollten.

Solange wir unsere Verbrechen nicht mit der Liebe bedecken, ein Beispiel für die Welt sind und ihr zeigen, wie dies getan werden kann, wird sich nichts ändern. Wie Sanders sagte, haben die Handlungen des Individuums Auswirkungen auf alle Menschen, und wir können das nicht einmal verstehen, da es jenseits des Intellekts ist. Und wenn wir Güte zueinander entwickeln, sind wir in der Tat menschlicher, als wenn wir den Hass regieren lassen - doch das tut Herr Sanders gerade gegenüber Israel.

Wenn wir ein Ende des Nahostkonflikts wollen, müssen wir Juden zuerst unseren internen Konflikten ein Ende setzen, uns über sie erheben und uns vereinigen. Unsere neu entfachte Einheit wird sich wie eine Welle in einem Teich ausbreiten, und wir können zeigen, wie wir das Prinzip "Behandle andere so, wie du möchtest, dass sie dich behandeln" umsetzen.

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