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29/03/2016 09:37 CEST | Aktualisiert 30/03/2017 07:12 CEST

Vicki Kirby und die sinnlose Jagd nach Antisemiten

Getty Images

Britische Medien machen viel Lärm um die (Re)-Suspendierung der antisemitischen Angehörigen der Arbeiterpartei, Vicki Kirby. Nachdem Frau Kirby auf ihrer Facebook-Seite einige antisemitische Tiraden veröffentlicht hatte, wurde ihr im Jahr 2014 die Mitgliedschaft in der Arbeiterpartei gekündigt.

Allerdings wurde sie bald danach wieder aufgenommen. Erneute Kritik brach hervor, als die Nachrichtenseite Guido Fawkes enthüllte, dass Kirby nicht nur wieder in die Arbeiterpartei aufgenommen wurde, sondern auch zur stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Arbeiterpartei (PLP) gewählt wurde.

Der Vorsitzende der Arbeiterpartei, Jeremy Corbyn, wurde von aufgebrachten Parlamentsabgeordneten dazu gedrängt, die redselige Vicki Kirby hinauszuwerfen, insbesondere nachdem er in seinem Tweet behauptete, dass „die an @lucianaberger gerichtete abscheuliche antisemitische Beleidung vollkommen inakzeptabel" sei. Dafür sei "Kein Platz in unserer Gesellschaft".

All das spielt sich vor dem Hintergrund der Beschuldigungen gegen den Arbeiterverein der Oxford Universität (OULC) ab, dass er „ein Problem mit Juden" habe, was die angeblich liberale Partei eher in einem ungünstigen Licht erscheinen lässt.

Allerdings bietet sich geradezu an, dass eine Partei, die einen Vorsitzenden wählt, der die Hamas, Hisbollah und eine Menge antisemitischer Individuen seine Freunde nennt, zu einer Heimat für Leute wie Kirby und für Studenten, die „ein Problem mit Juden" haben, wird.

Die Ursache zuerst bekämpfen

Selbst wenn die Arbeiterpartei sie alle aus dem Amt verdrängen würde, würde es kaum einen Unterschied machen. Die Jagd nach Antisemiten ist sinnlos, solange die Ursache des Antisemitismus gedeiht und die Luft vergiftet.

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In „Warum hassen Menschen Juden" gehe ich auf die unzähligen Scheingründe ein, die von Judenhassern über Jahrhunderte hinweg herangezogen werden. Was dabei zentral ist, ist die Tatsache, dass in jeder Epoche verschiedene Gründe und Rechtfertigungen genutzt wurden, um den Hass gegenüber der gleichen Gruppe von Menschen zu erklären.

Wenn man die unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Gründe für den Judenhass betrachtet, bleibt der eindeutige Eindruck zurück, dass nichts von alldem die eigentliche Ursache ist, sondern dass es hier einen tieferen Beweggrund gibt, der unter der Oberfläche lauert, wahrscheinlich sogar im Unterbewusstsein der Antisemiten, die verbissen darum kämpfen, die „Irrationalität des Judenhasses" zu erklären.

Der Judenhass ergibt einen Sinn, wenn man die Gründe für den Hass im Allgemeinen, und eben nicht jeden Grund separat untersucht. Aus dieser weiten Perspektive wird klar, dass Juden gehasst werden, weil ihnen die Schuld für Probleme gegeben wird. In Wirklichkeit könnte es schwierig werden, ein Problem zu finden, für welches ihnen nicht die Schuld gegeben wird.

Wenn es um Moral und Menschlichkeit geht, werden Juden im Allgemeinen viel strenger bewertet.

Wie der Komiker und Schriftsteller David Baddiel es zum Ausdruck brachte: „Mangel an Verschwörungstheorien? Man kann immer den Juden die Schuld geben." Oder wie ein Antisemit behauptete: „Selbst wenn Fische im Meer kämpfen, stecken die Juden dahinter."

Juden: Rollenbild wider Willen

Juden für jedes Unrecht zu beschuldigen, macht aber noch weniger Sinn, als jeden Grund einzeln zu betrachten. Hier begreift man endlich, dass Juden mit einem anderen Maß als alle anderen Nationen gemessen und beurteilt werden. Wenn es um Moral und Menschlichkeit geht, werden Juden im Allgemeinen viel strenger bewertet. Dies macht sie zu einem Rollenbild wider Willen.

Was immer Juden nach außen vermitteln, breitet sich in der Folge weltweit in der gesamten menschlichen Gemeinschaft aus und spiegelt sich im Verhalten der Menschen wider.

Wenn Juden Brüderlichkeit an den Tag legen, kommt das in den zwischenmenschlichen Beziehungen zutage. Wenn Juden Feindseligkeit zueinander an den Tag legen, folgen die Nationen diesem Beispiel in ihrem Verhalten. Tief in ihrem Inneren fühlen sie diese Abhängigkeit von den Juden, und das spielt sich in ihren Meinungen wider.

Wenn die Welt sich in einem schlechten Zustand befindet, dann fühlen die Menschen, dass die Schuld bei Juden zu suchen ist, und spiegeln dies in antisemitischen Reden und zuweilen auch Handlungen wider.

Die meisten Antisemiten können keine rationale Erklärung liefern, warum sie so fühlen, zumindest keine, die nicht von einer Person mit minimalem Wissen über die jüdische Geschichte und den Staat Israel in zwei Sätzen widerlegt werden kann.

Nichtsdestotrotz fühlen Antisemiten, dass die Feindseligkeit zwischen Menschen von Juden ausgeht. Sie erwarten von Juden, ein positives Beispiel zu liefern, oder um es mehr in biblischer Terminologie auszudrücken, „ein Licht für die Völker zu sein".

Diesbezüglich schrieb der altbekannte englische Historiker Professor Paul Johnson in Eine Geschichte der Juden:

„Kein Volk hat jemals mit mehr Bestimmtheit als die Juden darauf bestanden, dass unsere Geschichte einen Sinn und die Menschheit eine Bestimmung hat. In einer sehr frühen Phase ihrer gemeinsamen Existenz glaubten sie, sie hätten einen göttlichen Plan für das menschliche Geschlecht entdeckt, dessen Vorreiter ihre eigene Gemeinschaft sein sollte."

Wenn wir Juden den Antisemitismus entwurzeln wollen, dann müssen wir uns auf unsere eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen konzentrieren und einen Übergang von Entfremdung und Spaltung zur Brüderlichkeit und zu Zusammenhalt bewirken.

Von der Jüdischen Gemeinschaft wird heutzutage immer noch erwartet, der Vorreiter zu sein, da die Welt keine vorbildhafte und nachahmungswürdige Gemeinschaft hat und nur die Juden eine frühere Erfahrung diesbezüglich haben.

Wenn Juden sich vereinigen, wird sich ihre Einheit im Rest der Welt widerspiegeln. Genauso wie sich die innerjüdische Spaltung in den Konflikten weltweit widerspiegelt - wie es die Weltgemeinschaft selbst behauptet- wird sich ihre Einheit in der Beendigung der Konflikte und Zusammenstöße widerspiegeln.

Mehr zu diesem Thema hier: „Warum hassen Menschen Juden".

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