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26/02/2016 13:25 CET | Aktualisiert 26/02/2017 06:12 CET

Psychologie der Flüchtlingskrise - Eine Gewissensentscheidung

Thomas Lohnes via Getty Images

Der EU-Gipfel ist vorüber, er hat keine Ergebnisse gebracht. Da halfen auch Drohungen von Innenminister Thomas De Mazière nichts: „Falls einige Länder versuchen sollten, das gemeinsame Problem einseitig und zusätzlich auf dem Rücken Deutschlands zu verlagern, so wäre das inakzeptabel und würde von uns auf Dauer nicht ohne Folgen hingenommen".

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Auch die Kanzlerin ist nicht zurückgetreten, trotz aller Spekulationen. Die Menschen werden mit ihren Ängsten weiterhin alleine gelassen. Viele Bürger leiden unter einer sozialen Not, finden keine erschwinglichen Wohnungen, leben bereits am Rande des Existenzminimums, haben Angst vor einem weiteren sozialen Abstieg und einer Zunahme der Gewalt.

Unruhen gab es bereits vor den Köln-Angriffen

Bereits Ende Oktober 2015, noch vor den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht, befürchtete die Mehrheit der Bundesbürger eine Gefährdung unseres inneren Friedens, sollte der Flüchtlingsstrom ungebremst weiter fortschreiten.

Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler fühlt sich „an Weimarer Verhältnisse erinnert". Eine richtige Einschätzung, auch wenn man seiner Rüge an die Adresse der CSU nicht zustimmen muss.

Die Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt stehen bevor - eine Testwahl für die etablierten Parteien. Nach Angaben der Landeszentralen für politische Bildung könnte die AfD in Baden-Württemberg 10-12 Prozent und in Sachsen-Anhalt sogar 15-17 Prozent der Stimmen erhalten.

Nervös geworden, versuchen die Fraktionsvorsitzende der CDU von Rheinland-Pfalz und die stellvertretende Bundesvorsitzende, Julia Klöckner, sowie der Fraktionsvorsitzende der CDU von Baden-Württemberg, Guido Wolf, die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin zu relativieren.

Viele der potentiellen AfD-Wähler sind wahrscheinlich Protestwähler. AfD-Vize-Chef Alexander Gauland ließ verlauten: „Hätten CDU und SPD die Bedenken der Bevölkerung ernsthaft aufgegriffen, gäbe es uns doch gar nicht".

Doch kaum jemand traut sich öffentlich zu fragen, ob die AfD neben der CSU die einzige oppositionelle Kraft ist, die die Bundesregierung zu einer Kehrtwende in der Flüchtlingspolitik veranlassen kann.

Spätestens nach den Äußerungen der AfD-Chefin Frauke Petry und von Vizechefin Beatrix von Storch, an den Grenzen solle im Notfall auf Flüchtlinge, ja sogar auf Frauen und Kinder, geschossen werden, stellen sich allerdings die Fragen: Ist die AfD überhaupt wählbar?

Müssen wir aus Protest gegen die verfehlte Flüchtlingspolitik der Bundesregierung wirklich Radikalität und Gewalt in Kauf nehmen? Verstößt eine solche Entscheidung nicht gegen unser Gewissen und unsere ethischen Werte?

Oder handeln wir unklug, wenn wir die oppositionellen Kräfte gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung schwächen, indem wir uns gegenseitig kritisieren oder bekämpfen? Sollten wir lieber zusammenhalten?

Doch was geschieht dann mit uns, wenn wir gegen unser Gewissen handeln?

Unser Gewissen ist die innerseelische Instanz, an der wir ermessen können, ob wir richtig handeln. Es orientiert sich an der „Sehnsucht nach dem Anderen," wie es die Philosophen und Begründer der Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule Max Horkheimer und Theodor W. Adorno formulierten. Der Sehnsucht nach dem Guten.

Seine Quellen sind in unserem Kulturkreis der Humanismus , die Achtung der Menschenrechte und die Würde des Menschen, sowie die, mit der Vernunft in Einklang gebrachte, christlichen Ethik.

Erasmus von Rotterdam und John Locke waren bedeutende Vertreter des Humanismus und der europäischen Aufklärung. Sie verstanden es, ihre Ideen mit Christlichkeit zu verbinden und die Menschenwürde, sowie die Menschenrechte, für alle Menschen im Naturrecht zu verankern.

Die Würde des Menschen ist zentraler Bestandteil unseres Grundgesetzes und der UN-Resolution von 1948 zur Erklärung der Menschenrechte, die nicht nur von Ländern aus dem christlichen Kulturkreis unterzeichnet wurde, sondern auch von den meisten islamischen Ländern.

Eine noch nicht ganz erloschene Hoffnung, mit der man den „Kampf der Kulturen und Religionen" beenden könnte. Der im Libanon geborene Islamforscher Ralph Ghadban hat auf diesen Umstand hingewiesen und gefordert, dass die Würde des Menschen und die hieraus abzuleitenden Menschenrechte über der Scharia stehen müssen.

Besondere Persönlichkeitsmerkmale

Die Wertefundierung und Gewissensbildung sind integraler Bestandteil unserer Persönlichkeitsentwicklung. Weitere Persönlichkeitsmerkmale sind die Fähigkeit, die Realität zu erkennen (Realitätsprüfung), Impulse zu kontrollieren (Impulskontrolle), Angst auszuhalten (Angsttoleranz) und Gefühle differenziert wahrzunehmen (Affektwahrnehmung und Affektdifferenzierung).

Außerdem auch, sich in andere Menschen hineinversetzen zu können (Theory of Mind oder Mentalisierungsfähigkeit), das eigene Seelenleben beobachten zu können (Introspektionsfähigkeit), sowie fähig zu sein, sich selbst zu motivieren und die eigenen Ressourcen zu nutzen (Selbstwirksamkeit).

Wenn wir gegen unsere Werte oder gegen unser Gewissen handeln, entstehen Schuldgefühle, die uns veranlassen unser Handeln zu überprüfen

Das Fehlen einer guten Wertefundierung und Gewissensbildung führt bei extremer Ausprägung zu einer dissozialen Persönlichkeitsstörung und Delinquenz. Doch auch „leichtere" Formen der mangelnden Werte- und Gewissensfundierung, die wir Psychopathien nennen, können sich für die Menschen und die Gesellschaft drastisch auswirken.

Bezüglich der deutschen Geschichte ist hier nicht nur Hitler, sondern vermutlich auch Wilhelm II zu nennen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Psychopathie wurden 1984 von dem polnischen Psychologen Dr. Andreji M. Lobaczewski, dem bedeutenden Mitbegründer der „Politischen Ponerologie" - der Wissenschaft vom Bösen, ausführlich beschrieben.

Wenn wir gegen unsere Werte oder gegen unser Gewissen handeln, entstehen Schuldgefühle die uns veranlassen unser Handeln zu überprüfen, zu bereuen, unsere Fehler zu korrigieren und Wiedergutmachung zu leisten.

Unter dem Einfluss eines starken Egoismus, einer starken Ideologie oder ausgeprägter Not kann es sein, dass wir unsere Schuldgefühle verdrängen, uns keine Rechenschaft ablegen, unser Handeln nicht hinterfragen oder korrigieren und unsere moralische Integrität verletzen.

In dieser Situation werden unser Gewissen und unsere Wertefundierung als wichtiger Teile unserer Persönlichkeit geschwächt oder außer Kraft gesetzt. Unsere Persönlichkeit erkrankt.

Der Boden für Radikalität ist bereitet. Die Entstehungsbedingungen der Radikalität wurden bereits an anderer Stelle dargestellt. Bei jedem Kampf oder jeder kriegerischen Handlung geraten Menschen in dieses Dilemma.

Der Unterschied zwischen Gewalt als Folge der Radikalität und Wehrhaftigkeit als Folge einer gesunden Verteidigungsbereitschaft wurde ebenfalls schon ananderer Stelle diskutiert.

Der Prozess der Entfremdung von berechtigten Schuldgefühlen führt mit der Zeit zu einer inneren Verrohung - zu einem Werte- und Gewissensverfall.

Es entsteht eine Psychopathie. Es ist wichtig, dass wir uns diese Zusammenhänge klar machen, denn unser Fühlen, Denken und Handeln prägt unsere Persönlichkeit. Langfristig. Ein Leben lang. Wir sind und werden das, was wir denken und fühlen und wie wir handeln.

Die aktuelle Flüchtlingskrise bringt uns in einen Gewissenskonflikt. Sollen wir unserem Gewissen und unseren auf Humanität gegründeten Werten treu bleiben und hilflos zusehen, wie die politische Führung unser Land unkalkulierbaren Gefahren aussetzt?

Oder sollen wir unser Gewissen und unsere Werte missachten und notfalls Gewalt in Kauf nehmen? Wie wird sich dieses Dilemma in unserem Wahlverhalten niederschlagen? Ist die AfD wirklich die einzige Option, wenn wir einen Kurswechsel in der Flüchtlingskrise erreichen wollen?

Es ist wohl wahr: Nichts fürchten die etablierten Parteien mehr, als eine starke AfD. Aus dem verständlichen Protest gegen die unverantwortliche Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, können sich daher Menschen dazu entschließen, AfD zu wählen.

Es wäre falsch, diesen AfD-Protestwählern zu unterstellen, sie seien rechtsradikal. Auch sind AfD-Wähler keinesfalls zwingend Anhänger von „Dumpfbacken", wie es der Finanzminister, Herr Dr. Schäuble auszudrücken pflegte.

Das trifft auch nicht automatisch für AfD-Parteimitglieder zu. Allerdings wünscht man sich unbedingt eine Rückbesinnung der AfD auf konservative Werte, die auf Radikalität verzichtet, wie dies zur Zeit ihrer Gründung unter der Führung von Herrn Prof. Dr. Bernd Lucke der Fall war.

Die AfD wurde damals wahrscheinlich zu Unrecht als rechtsradikal diffamiert. Eine lebendige Demokratie braucht nicht nur linke, sondern auch liberale und selbstverständlich auch rechte, konservative Kräfte, die nicht nur dem Namen nach existieren sollten.

Es gibt aber eine Alternative zur Alternative für Deutschland

Kein stiller, sondern öffentlicher Protest - gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und die Politik der offenen Grenzen. Gegen eine „Willkommenskultur", aber für ein geregeltes Asylverfahren und subsidiäre Hilfe insbesondere für Familien, Frauen und Kinder, wie dies der FDP-Chef Christian Lindner bereits am 24.10.2015 forderte.

Für Humanität und humanitäre Hilfe, für eine Integration möglichst vieler Flüchtlinge, die schon bei uns leben, für mehr Gerechtigkeit, auch der eigenen Bevölkerung gegenüber. Für eine möglichst friedliche Zukunft unserer Kinder.

Selbst der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx fordert eine Reduzierung der Flüchtlingszahlen.

Wir müssen wehrhaft sein, ohne radikal oder gewalttätig zu handeln. Wir dürfen uns nicht dem „Diktat der falschen Toleranz" hingeben, wie es Carlo Strenger, Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Tel Aviv ausdrückt.

Wir müssen bereit sein, finanzielle Opfer zu erbringen, für die Flüchtlinge, für Europa und für uns selbst. Unser viel zitierter Wohlstand wird weiter zurückgehen. Bleibt zu hoffen, dass es nicht diejenigen trifft, die schon jetzt nur noch sehr wenig haben.

Und, wir müssen „mehr Demokratie wagen", wie es einst Willy Brandt formulierte. Das Volk darf nicht mehr länger entmündigt und zu Protestwahlen gezwungen werden.

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