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15/02/2016 07:16 CET | Aktualisiert 15/02/2017 06:12 CET

Psychologie der Flüchtlingskrise: Wehrhaft statt gewalttätig

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Noch am 16.01.2015 schrieb der stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift „Die Welt" anlässlich des zunehmenden islamistischen Terrors in Europa: „Gut, dass sich unsere Demokratie wehrhaft zeigt".

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Die Formulierung ist wahrscheinlich nicht zufällig gewählt, knüpft sie doch an die Begrifflichkeit der „Wehrhaften (oder streitbaren) Demokratie" an, die seit mehr als 60 Jahren fester Bestandteil unserer Verfassung ist.

Spätestens seit Bekanntwerden der Verbrechen der Terrorzelle NSU, die 10 Jahre lang trotz konkreter Warnungen ungehindert aktiv sein konnte, den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht und der hilflosen Untätigkeit der Polizei wird aber deutlich, dass es um die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie nicht gut steht.

Auch die verzögerten Mitteilung dieser Übergriffe in der Presse, die fortgesetzten Straftaten jugendlicher Täter aus Nordafrika in Köln, das Bekanntwerden der eingeschränkten Einsatzfähigkeit der Hauptwaffensysteme der Bundeswehr und die Machtlosigkeit des Volkes gegenüber der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin spricht nicht gerade für die Wehrhaftigkeit unserer Demokratie.

Warum nehmen wir es hin, dass unsere politische Führung mit dem ungebremsten Flüchtlingsstrom unser Land unkalkulierbaren Gefahren aussetzt?

Warum wird erst jetzt, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, beim Bundesverfassungsgericht gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin geklagt?

Warum kommt es nicht zu Großdemonstrationen gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin, wie dies in den 1980iger Jahren der Friedensbewegung möglich war?

Ist die Antwort auf diese bedrohlichen, gesellschaftlichen Entwicklungen etwa Radikalität und Gewalt? Oder kann auch eine friedfertige, von Humanität geprägte Gesellschaft wehrhaft sein?

Bevor wir diese Frage beantworten können, müssen wir die psychologischen Faktoren verstehen, die zur Wehrhaftigkeit führen. Hierbei erscheint es zweckmäßig, zwischen Gewalt als Folge der Radikalität und der gesellschaftlichen Wehrhaftigkeit als Folge einer gesunden Verteidigungs-Bereitschaft zu unterscheiden.

Die Gewalt wird mit ethnischen und identitätsstiftenden Zielen gerechtfertigt

Früher oder später führt Radikalität immer zur Gewalt, denn Gewaltbereitschaft ist ein wesentliches Merkmal der Radikalität. Die Entstehungsbedingungen der Radikalität wurden bereits an anderer Stelle dargestellt.

Fast regelhaft wird die aus der Radikalität entspringende Gewalt mit ethischen oder identitätsstiftenden Zielen gerechtfertigt.Die NS-Propaganda rechtfertigte die Gewalt gegen Kommunisten, Sozialisten, Sozialdemokraten und den Genozid an Juden mit einer jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung.

Stalin rechtfertigte seinen Terror gegen das eigene Volk und die massenhaften Säuberungen mit dem Klassenkampf für eine gerechte, sozialistische Gesellschaft. Heute rechtfertigt die PEGIDA Ihren Kampf gegen die Masseneinwanderung und den Islammit dem drohenden Untergang unserer europäischen Kultur.

Die AfD rechtfertigt ihren Kampf gegen eine „Völkerwanderung unter missbräuchlicher Berufung auf das Asylgrundrecht" mit der drohenden „Zertrümmerung" der „kulturellen, politischen und geselschaftlichen Grundlagen Deutschlands und Europas".

Und die Kanzlerin rechtfertigt ihre radikale Flüchtlingspolitik mit christlich-moralischen Werten (Angela Merkel: „Ich muss ganz ehrlich sagen: Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.").

Die Gewalt wird mit ethischen oder identitätsstiftenden Zielen gerechtfertigt.

Zumindest bei den Mitläufern radikaler Bewegungen sind diese ethischen oder identitätsstiftenden Ziele zunächst durchaus ernst gemeint und ein Grund, sich der radikalen Bewegung anzuschließen.

Die Wahl der NSDAP durch Protestwähler, deren Bedürfnis es war, dem ökonomischen Niedergang zu entgehen, aber auch die nach dem 1. Weltkrieg entstandene nationale Identitätskrise zu überwinden, ist ein historischer Beleg für diese These.

Im weiteren Prozess der Gewaltentwicklung tritt eine zunehmende Entfremdung gegenüber diesen ethischen oder identitätsstiftenden Zielen ein.

Die Werte vermittelnden Ziele dienen nicht mehr allein der guten Sache, sondern als Rechtfertigung für die Gewalt und als Mittel, das Gewissen von Schuldgefühlen zu entlasten.

Die Gewissensentlastung und die zunehmende, nicht eingestandene Schuld sind Gründe, die die Gewaltbereitschaft und Gewalt weiter verstärken oder zumindest bewirken, über die Gewalt hinwegzusehen, denn mit Zunahme der Gewalt wird das Schuldeingeständnis immer schwieriger und würde der Prozess der Reue immer schmerzhafter.

Dieser Entfremdungsprozess gegenüber den Werte vermittelnden Zielen belegt: Die aus der Radikalität entstehende Gewalt hat nichts mit der gesunden Bereitschaft, Menschen, Werte und Güter zu verteidigen, gemein.

Deutschland ist nicht fähig zur gesellschaftlichen Wehrhaftigkeit

Wirkliche gesellschaftliche Wehrhaftigkeit setzt bei den Mitgliedern einer Gesellschaft nicht nur das Bedürfnis voraus, Werte zu schützen, sondern erfordert eine authentische, persönliche, emotional fundierte Betroffenheit. Zusätzlich ist eine solide persönliche und gesellschaftliche Identität der Individuen eine Vorraussetzung.

Die Entfremdung von dieser authentischen, persönlichen Betroffenheit im Rahmen eines „hysteroiden (gesellschaftlichen) Kreislaufs" wurde 1984 von dem polnischen Psychologen Dr. Andreji M. Lobaczewski, dem bedeutenden Mitbegründer der „Politischen Ponerologie" - der Wissenschaft vom Bösen, ausführlich beschrieben.

Deutschland ist eine solche hysteroide Gesellschaft, die auf Grund ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit ihre „Treue zur Idee der Humanität", um mit Theodor W. Adornos Worten zu sprechen, verloren und diese nationale Identität über Generationen durch moralische Selbstverurteilung bis heute nicht zurückgewonnen hat.

Die Wehrhaftigkeit der Deutschen ist damit nicht nur nach außen, sondern auch aus innerseelischen Gründen gering. Gleichzeitig ist Deutschland ein wohlhabendes Land mit einem außergewöhnlich guten sozialen Sicherungssystem.

Durch die nationalsozialistische Vergangenheit hat Deutschland seine „Treue zur Idee der Humanität" verloren.

Es liegt auf der Hand, dass Deutschland als Nutznießer der weltweiten Ausbeutung durch die westliche Welt nun selbst in Gefahr gerät, ausgebeutet zu werden.

Gesellschaften, deren Individuen sich hingegen ihre persönliche Betroffenheit bewahren und die über eine gute persönliche und gesellschaftliche Identität verfügen, sind wehrhaft geblieben. Sie verteidigen Menschen, Werte und Güter, falls dies erforderlich ist.

Polen ist m.E. ein Paradebeispiel für eine Nation mit einer solchen Wehrhaftigkeit, wie sich im Kampf gegen den deutschen Faschismus und gegen den sowjetischen Kommunismus zeigte.

Eine gesunde Wehrhaftigkeit bedeutet nicht, dass der Kampf als Mittel der Verteidigung ausscheidet. Die Aufstellung von christlichen Frauen-Bataillonen im Nordosten Syriens für den Kampf gegen den IS ist hierfür ein Beispiel.

Auch die massenhaften Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln wären in Russland vermutlich anders verlaufen. Wahrscheinlich hätte es Tote und viele Schwerverletzte gegeben. Bis auf solche affektgeladenen Ereignisse beachtet eine gesunde Wehrhaftigkeit aber die Verhältnismäßigkeit und bevorzugt, wo immer möglich, friedliche Mittel der Verteidigung.

Wehrhaftigkeit in einer der Humanität verpflichteten Gesellschaft

Wir kommen nun zur eingangs gestellten Frage: Kann auch eine friedfertige, von Humanität geprägte Gesellschaft wehrhaft sein? Ich meine ja.

Wir müssen uns dazu unserer der europäischen Aufklärung entstammenden Werte bewusst sein, die persönliche Betroffenheit über Unrecht und Gewalt auf eine nicht moralisierenden Weise fördern.

Wir müssen uns als Nation eine Identität geben, die unseren historischen Leistungen, aber auch unseren historischen Verfehlungen gerecht wird. Es muss eine friedfertige, aufgeklärte, tolerante und offene, aber wehrhafte Gesellschaft sein.

Eine friedfertige, der Humanität verpflichtete, aber wehrhafte Gesellschaft würde den Deutschen sehr gut anstehen. Radikalität und Gewalt ist keine Option.

Fangen wir an, wehrhaft zu sein, denn „es gibt schließlich keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung", wie dies der Philosoph Peter Sloterdijk formulierte.

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