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11/03/2016 05:12 CET | Aktualisiert 12/03/2017 06:12 CET

Psychologie der Flüchtlingskrise: Mehr Demokratie statt Erziehung durch "nudging"

ASSOCIATED PRESS

Am 17.02.2016 schrieb die Redakteurin Yvonne Esterházy von der Wirtschafts Woche: „Sollte die deutsche Bundeskanzlerin ihr Amt aufgeben, so hätte das nach Ansicht der Schweizer Bank UBS verheerende Auswirkungen auf die Märkte und könnte diese sogar stärker destabilisieren als ein Brexit-Votum, das den EU-Austritt Großbritanniens zur Folge hätte".

Frau Dr. Merkel gelte gemeinsam mit EZB-Chef Mario Draghi „als Garant für die Stabilität der Eurozone und Europas". Man braucht also nicht nur den viel zitierten Narzissmus der Kanzlerin zu bemühen, um den Verbleib der Kanzlerin für die bestehende Legislaturperiode zu prognostizieren: EU-Kommissionschef Claude Junker am 17.02.2016: „Angela Merkel wird all ihre jetzigen Kritiker im Amt überdauern".

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Tatsächlich hat sich die Kanzlerin eine ungeheuer große Machtposition aufgebaut, die eine innerparteiliche Revolte unwahrscheinlich werden lässt.

Die breite Zustimmung der Parteimitglieder für Angela Merkel auf dem letzten CDU-Parteitag ist hierfür ein Beleg, trotz aller kritischen Stimmen gegen ihre Flüchtlingspolitik. Auch die Umfragewerte für die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin in der Bevölkerung steigen wieder an. Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen (Politbarometer) hält es durchaus für möglich, „dass die Kanzlerin schon bald aus dem Umfragetief herausfindet".

Zwischen Frau Dr. Merkel und Herrn Dr. Schäuble könnte es, wie einst mit Altbundeskanzler Helmut Kohl, einen „Burgfrieden" geben: Frau Dr. Merkel bleibt Unions-Chefin und Repräsentantin der deutschen Politik, während Herr Dr. Schäuble die politische Linie im Hintergrund lenkt.

Wie können wir einer solchen undemokratischen Entwicklung in Deutschland entgegenwirken?

Mit dem Erstarken der AfD, so vielleicht das Kalkül, bleibt eine große Koalition zwischen CDU/CSU und SPD „alternativlos" für Deutschland. Wir kennen diese Bemerkung von Frau Dr. Merkel gut.

Die politische Struktur Deutschlands würde erhalten - bis auf den Makel der AfD. Die anderen Parteien hätten dabei wohl das Nachsehen. Eine traurige Verarmung unserer pluralistischen Parteienstruktur. Ist Machterhalt wichtiger als politische Auseinandersetzung? Bekommen wir eine „Demokratische Einheitspartei Deutschlands"? Wollen wir das? Wollen wir eine solche Entwicklung und Perspektive für Deutschland?

Die meisten von uns sicherlich nicht. Doch wie können wir der Gefahr einer solchen undemokratischen Entwicklung in Deutschland entgegenwirken? Was können wir tun, damit eine solche Perspektive nicht alternativlos bleibt?

Inzwischen ist einiges über das Verhalten der Kanzlerin geschrieben worden:

Philosoph Peter Sloterdijk am 18.09.2015: Das Handeln der Kanzlerin und ihre Politik sei eine Fortführung der „Lethargokratie der Kohl-Ära", in der auf eine vorausschauende politische Führung verzichtet und nur der „Chance des historischen Moments", sowie dem eigenen Machterhalt nachgegangen werde.

Es wird Zeit, unsere eigene Psychologie zu verstehen, damit wir den Einflüssen der Ideologie und Manipulation widerstehen können.

Auch von psychoanalytischer Seite wurde Stellung genommen: Psychoanalytiker Hans Joachim- Maaz am 24.01.2016: „Angela Merkel handelt vollkommen irrational".

Schließlich wurde anlässlich des Interviews von Frau Dr. Merkel bei Anne Will am 28.02.2016 die Glaubhaftigkeit der Aussagen der Kanzlerin analysiert: Der Autor am 02.03.2016: „Viele Kriterien, die bei einer psychologischen Beurteilung herangezogen werden, lassen berechtigte Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen der Kanzlerin aufkommen."

Und die Mächtigen sind selbst auch nicht untätig geblieben. So hat die Kanzlerin einen Auftrag an drei Psychologen vergeben, um zu klären, wie die Deutschen durch "nudging" erzogen werden können. Deutschlandradio Kultur hat am 05.03.2015 hiervon berichtet.

Es wird Zeit, unsere eigene Psychologie zu verstehen, damit wir den Einflüssen der Ideologie und Manipulation widerstehen können. Denn wenn wir unsere eigene Psychologie verstehen, können wir uns die folgenden, so wichtigen Fragen beantworten: Warum wehren wir uns nicht? Warum gibt es keine Großdemonstrationen gegen die verfehlte Flüchtlingspolitik der Bundesregierung, die von gemäßigten, nicht radikalen Kräften getragen werden? Warum überlassen wir solche Demonstrationen der PEGIDA?

Unser Verhalten wird in Krisenzeiten durch 4 wichtige psychologische Einflüsse bestimmt: Unsere früheren Beziehungs¬erfahrungen, die wir auf aktuelle Situationen übertragen, unsere Fähigkeit, bei Gefahren Mut aufzubringen, die Fähigkeit, die Festigkeit in unserer Persönlichkeit zu erhalten, um uns gegen ideologische Kräfte und Manipulation zu wappnen, sowie die Fähigkeit, einer Gewöhnung zu widerstehen.

Übertragung

Unter Übertragung versteht man ein psychologisches Phänomen, frühere Beziehungserfahrungen auf aktuelle Personen zu beziehen. Wen wir uns in unserer Kindheit und Jugend, oft aus einer Entbehrung heraus, liebevolle und schützende Eltern gewünscht haben, werden wir diese ungestillte Bedürfnis als Erwachsene auf andere Personen - einen Beziehungspartner, einen Vorgesetzten oder auf eine politische Führungspersönlichkeit - übertragen.

Wir hoffen und erwarten unbewusst, doch noch geliebt und beschützt zu werden. Die Übertragung unterscheidet nicht wie unser Verstand zwischen Gegenwart und Vergangenheit und zwischen unterschiedlichen Menschen. Es reichen Ähnlichkeiten aus, um den Mechanismus der Übertragung in Gang zu setzen. Wir „sehen" dadurch die Gegenwart quasi durch die Brille unserer früheren Beziehungs¬erfahrungen. Lange Zeit konnte die Bundeskanzlerin uns durch ihre scheinbare Besonnenheit diesen Schutz suggerieren.

Wir benötigen oft sehr viel Zeit, um uns die mangelnde Bereitschaft solcher Projektions- und Leitfiguren einzugestehen, uns zu schützen.Die möglichen, tiefer liegenden psychologischen Handlungsmotive der Kanzlerin wurde bereits an anderer Stelle dargestellt.

Mut ist eine Grundeigenschaft von Menschen, die zur Angst in einem dialektischen Verhältnis steht. Es gibt mutigere und ängstlichere Menschen. Den Mut, den wir aufbringen, ist aber auch davon abhängig, wie oft wir mutig oder ängstlich waren und wie stark unser Freiheitswillen, unsere Wahrheitsliebe, sowie unser Gerechtigkeitsempfinden entwickelt sind.

Sind unsere Wahrheitsliebe und unser Gerechtigkeitssinn sowie unsere Freiheitsliebe gut entwickelt, sind wir bereit, unsere Freiheit notfalls auch zu verteidigen - auch wenn wir Angst haben. Wichtig ist an dieser Stelle - Mut kann gelernt werden. Er führt zu einer Wehrhaftigkeit auf der Grundlage einer gesunden Verteidigungsbereitschaft.

Der Unterschied zwischen Wehrhaftigkeit als Folge einer gesunden Verteidigungsbereitschaft und Gewalt als Folge der Radikalität wurde schon an anderer Stelle dargestellt.

Persönlichkeit

Letztendlich sind unser Mut und unsere Verteidigungsbereitschaft aber vor allem von der Stärke und Stabilität unserer Persönlichkeit abhängig. Die Faktoren, die zu einer gesunden und stabilen Persönlichkeit führen oder umgekehrt die Stabilität und Gesundheit unserer Persönlichkeit beeinträchtigen, wurden bereits an anderer Stelle beschrieben.

In diesem Zusammenhang wurde auch auf die Bedeutung eines nationalen Identitätsgefühls hingewiesen.Gewohnheit ist nicht nur „stoffwechselbiologisch als auch neuronal billig" und daher sinnvoll, wie dies der Biologe und Hirnforscher Prof. Gerhard Roth beschreibt.

Gewohnheit ist auch ein Mechanismus zur Reduzierung von Angst. Vor diesem Hintergrund könnte die Mahnung der Kanzlerin, in der Flüchtlingskrise Geduld zu bewahren, noch eine andere Bedeutung haben. Geht es wirklich darum, die Flüchtlingskrise und die damit verbundenen Gefahren zu lösen oder sollen wir uns an diese Gefahren gewöhnen?

Wir kommen zur eingangs gestellten Frage: Warum wehren wir uns nicht? Warum siegen in uns nicht Mut und Vernunft?

Der Grund

Die Mächtigen haben zwar intuitiv oder mit psychologischer Hilfe unsere Psyche analysiert. Wir selbst wissen aber oft viel zu wenig über unsere Psyche, über die Übertragung von früheren Beziehungserfahrungen, die Bedingungen, die uns mutig machen oder unsere Persönlichkeit stabilisieren. Viel zu leicht sind wir auch bereit, uns an Missstände zu gewöhnen.

Lassen wir uns nicht unterdrücken und durch Ideologie verunsichern: Wir müssen wehrhaft und mutig sein. Unser politisches System muss erneuert werden. Es ist nicht mehr demokratisch und repräsentativ für das Volk, sondern autokratisch und von selbstzentrierten sowie eigenen Machtinteressen der Repräsentanten bestimmt.

Wir müssen „mehr Demokratie wagen", wie es Willi Brandt sagte: Mehr demokratische Mitbestimmung für das Volk und mehr Demokratie innerhalb der Parteien selbst. Wir sind es unserer Menschenwürde schuldig.

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