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22/12/2015 05:35 CET | Aktualisiert 22/12/2016 06:12 CET

"Die Weihnacht", 19. Teil

Hemera Technologies via Getty Images

Frau Perchta

Eine andere Seite von Frau Perchta erinnert an die griechische Göttin der Jagd, Artemis. Wie diese ist auch Perchta/Berchta Schutzherrin der Tiere und umgibt sich mit einer Schar von Jungfrauen, welche hier die „saligen (seligen) Fräulein" heißen.

Zahlreich sind im Alpenland die Geschichten, die sich um sie und ihre Schützlinge drehen. So gewahrte einst ein armer Ziegenhirte, wie ein Wilddieb eine Gämsenmutter abschoss und ihr Zicklein dabei von der Felswand stürzte. Das Jungtier blieb mit gebrochenem Beinchen liegen. Als der Hirte zu ihm hin kletterte, sah er dort eine Jungfrau in gegürtetem Weiß. Die kniete zu dem Tierkind, hob's mitleidig auf und trug es zum klaren Bach.

Hier wusch sie die Wunde, legte heilende Kräuter darauf, bestrich und besprach den Bruch. Dann trug sie das kranke Tier dem erschrockenen Hirten zu. Die Salige - denn es war eine von Berchtas Dienerinnen - sprach: „Ich lege dir unser Schmerzenskind an das Herz. Geselle es deinen Zicklein zu und ziehe es mit Ziegenmilch auf.

Tust du's dem Tier, so tust du's dir!" Der Hirte nahm sich also des Findlings an. Er wusste über die saligen Fräulein, dass sie die Flachsfelder schützten und den Mädchen bei ihrer Arbeit zur Hand gingen: dass sie die Fasern zubereiteten, hechelten, kämmten, spannen und verwoben. Aber er hätte liebend gern auch erfahren, wo die wohnten.

Übers Jahr war er wieder einmal mit seiner Herde unterwegs, als sein geheiltes Gämsenkind sich von der Herde entfernte und den Weg zu einem steilen Bergpfad einschlug. Neugierig stieg der Hirte hinter ihm her. Da sah er wieder die Salige, die ihm freundlich zuwinkte. Er folgte ihr durch Täler und Schluchten, die er noch nie gesehen hatte.

Dann öffnete sich vor ihnen ein Gletschertor und sie traten in kristallene Gänge, in gläserne Gassen, die von Bergkristallen erstrahlten. Aus der Eisdecke fiel das Licht des sonnigen Tages und brach sich in spiegelnden Farben. Nach langem Wandern gelangten sie schließlich in eine schimmernde Halle.

Da thronte Frau Berchta, angetan mit silbernem Kleid, das ein blauer Mantel umfing. Die saligen Fräulein in weißen Gewändern umringten die hohe Gestalt. Frau Berchta begrüßte den Hirten und lobte seine Pflege an dem Tierlein. Zum Dank für seine Hilfe reichte sie ihm ein goldenes Kästchen mit einem Karfunkelstein- Deckel. Dann ermahnte sie ihn, stets fleißig und gut zu bleiben und entließ ihn aus dem Berg.

Über Jahr und Tag nahm der Hirte ein Mädchen zur Frau, dem er das Kästchen nach der Hochzeitsnacht als Morgengabe überreichte. Im Innern desselben lag so viel Gold, dass es den Brautleuten zu einem Bauerngütchen hinlangte.

Berchtas Segen blieb auch stets in ihrem Haus: Wenn an den Winterabenden die junge Frau mit den Mägden am Spinnrad saß, kamen immer zwei fremde weißgekleidete Mädchen ins Haus und halfen spinnen. Was sie spannen, war wie Seide. Wenn der einen einmal der Faden riss, so rief sie: „Faden ab!" und die andere sagte dann: „Knüpf an!" und das war ihre einzige Unterhaltung.

Was sich in einem späteren Jahr dann zutrug, hätte auch in einem der irischen Elfenmärchen geschehen können: Da hatte die Hausfrau den Gedanken, ihren unbekannten Helferinnen zum Dank für die Hilfe eine Freude zu bereiten. Sie rüstete ihnen ein Mahl aus Eiern, Weißbrot, Butter, Honig und rotem Wein. Als nun die Spinnerinnen wieder zur Arbeit kamen, wurden sie traurig und sagten: „Dein guter Wille ist Dankes wert. Lohn um Lohn" und steckten ihr noch ein Garnknäuel zu. Dann aber nahmen sie still ihre Spindeln, gingen und kamen niemals zurück. Denn so ist Frau Berchtas Gesetz, dass ihre Töchter nicht Dank noch Lohn von den Menschen annehmen dürfen.

Durch diese Episode erfahren wir so ganz nebenbei, dass die saligen Fräulein identisch mit den Elfen sind. Die Vorstellung, Frau Perchtas Völkchen helfe den guten Menschen bei der Arbeit, war weit verbreitet: Im Irischen sind die Helfer auch immer Elfen gewesen, bei uns in Mitteleuropa waren es eher die Zwerge, welche den Menschen heimlich beistanden.

Dazu finden wir z. B. noch das Gedicht von August Kopisch „Die Heinzelmännchen zu Köln".

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