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07/12/2015 15:10 CET | Aktualisiert 07/12/2016 06:12 CET

"Die Weihnacht", 17. Teil

Hemera Technologies via Getty Images

Lucia und Staffan

In Lucia und Staffan begegnen uns zwei entgegengesetzte Betrachtungsweisen. Dabei ist die besondere Art ihres jeweiligen Schauens stark ausgeprägt. Lucia nimmt die geistige Wirklichkeit durch Gebet und Versenkung in solch hohem Maße wahr, dass sie allen Menschen als „überirdisch schön" erscheint.

Diese Kraft leuchtet ihr aus den Augen. - Staffan dagegen erlebt die geistige Wirklichkeit im und am Sinnenschein. Seine Augen sind „scharf wie die eines Falken". - Lucia wendet sich sinnend nach innen, Staffan schauend nach außen.

Beider Sichtweise sind religiöse Grundgebärden und zeigen zwei verschiedene Entwicklungswege: Meditation, Kontemplation und Gebet sind Lucias Weg; die auf das äußerste gesteigerte Sinneswahrnehmung Staffans.

Lucia verzichtet, dem Sohn des Statthalters zuliebe, auf ihre Augen und opfert sie dem Freund, ohne ihrer eigenen Lebensanschauung untreu zu werden. Dadurch erweckt sie auch ihren Gefährten für die geistige Wirklichkeit; es ist, als werde er durch Lucias Augen- Opfer selber sehend.

Danach darf auch Lucia sich ihrer besonderen Betrachtungsweise wieder hingeben, ohne egoistisch ihr eigenes Leben und das ihrer Eltern zu gefährden oder den Jüngling zurückzustoßen. Ihre Augen sind nach dem freiwilligen Opfer noch schöner geworden.

Staffan gerät durch seine Tätigkeit in der Burg des Herodes in des Königs Einfluss. Er muss sich der Betrachtungsweise des Königs anschließen. Aber er kann so nicht leben: er wird davon blind und krank.

Er tastet sich im Dunkel umher und findet nur durch Zufall oder Gnade - nicht mehr durch eigenes Sehen - den Weg zum Wasser. Nachdem er aber wieder zu seiner Quelle gelangt ist, fließt ihm diese von neuem: Staffan wird geheilt und sieht jetzt, nach der Erfahrung durchlebter Blindheit, noch klarer als zuvor. - Dass des Herodes Wesensart seelentötend sei, verrät ja auch das Bild des „Kindermordes", das vom Herodes der Sage überliefert ist.

Es scheint, als deute der schwedische Lucia-Brauch, bei dem Lucia und Staffan miteinander umherziehen, in besonderer Weise auf das beginnende Jul- Geschehen hin.

Es könnte eine Art Ratschlag sein: „Sei jetzt wachsam und schaue nach außen und nach innen auf das, was mit dem Beginn der Dunkelnächte anfängt zu werden und zu wirken! Lass dich nicht von Oberflächlichem irreführen, nicht von der Dunkelheit, nicht von Frost und Tod! Blicke mit „Falkenaugen" in die Welt und bedenke liebevoll, was du an echtem Sein dabei wahrnimmst! Sieh die Knospen am scheinbar toten Holz! Und sieh das Strahlen der verrottenden Samenhüllen im Mutterboden! Der Tod ist nicht das, was er scheint."

In diese Richtung deuten auch die Worte:

«Zum Himmel schau und auch zur Erden

auf das, was neu beginnt zu werden.

Mit klarem Blick sieh auf den Schein,

Ob er nicht möchte Wahrbild sein.»

Kann Sinnenschein Wahrbild für Wirklichkeit werden? - Die gegensätzlichen Strömungen von meditativem Sich- Versenken in geistige Inhalte (Lucia) und der Geistesgegenwart im Erleben des Sinnenscheins (Staffan) gehören beide zur Weihnacht: Sie begegnen uns auch in den Weihnachtsspielen, -geschichten und -liedern, wo sie in den Gestalten der „Könige" (Lucia) und der „Hirten" (Staffan) erscheinen.

Hier meditieren und forschen die Könige in der Tradition und über Weissagungen und Büchern, dort erleben die Hirten die Botschaft in und aus der Natur.

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