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04/11/2015 06:26 CET | Aktualisiert 04/11/2016 06:12 CET

"Die Weihnacht", 12. Teil

Sam Edwards via Getty Images

Während sich das Feiern von St. Nikolaus immer mehr veräußerlicht hat und abgeflacht ist, breitet sich ein anderer Brauch von Schweden her über Dänemark, das dänische Südschleswig, Norwegen und das schwedischsprachige Finnland aus und wächst weiter, auch in jenen deutschen Gegenden, die eine schwedische Partnerstadt oder mehrere schwedische Einwohner haben: Das ist SANTA LUCIA.

Die Vorgeschichte dazu ist: Ende des 19. Jahrhunderts wurde ein westschwedischer Brauch, der schon seit dem Mittelalter bestand, zu einem allgemeinschwedischen Fest gemacht. Gefeiert wird am 13. Dezember, welches Datum bis zur Gregorianischen Kalenderreform 1752 der kürzeste Tag des Jahres war.

Am 13. Dezember besucht die Lichterbraut Lucia mit ihrem Gefolge noch vor dem Morgengrauen die eigene Familie, befreundete Haushalte in der Nachbarschaft oder soziale Institutionen wie Kinder- und Altersheime, Heilpädagogische Heime oder andere, tritt dort im Schlafzimmer an die Betten und singt das Lucia- Lied.

Bei der konkreten Festgestaltung finden wir etliche voneinander sich unterscheidende lokale Varianten. Wir wollen uns hier auf eine Interpretation stützen, die in mehrerer Hinsicht charakteristisch ist: Da besteht das Gefolge Lucias aus einer unbestimmten Anzahl von Brautjungfern (tärnor) und etwa ebenso vielen Stallknechten (stalldrängar), deren Anführer Staffan heißt.

Bei dieser Variante werden zwei Lieder im Wechsel gesungen, „das älteste und das jüngste Lied Schwedens": „Santa Lucia" und „Staffan var en stalledräng". Dabei erhält jeder der von Staffan und den Stallknechten Aufgesuchten ein Safranplätzchen (lussekatt), währenddessen die Lichterjungfrauen singend um das Bett stehen. Dann zieht die Schar weiter, wobei die Stallknechte die Türen vor Lucia öffnen und hinter dem Zug auch wieder schließen.

Interessant ist die Gestalt Lucias: Wie die Brautjungfern des Gefolges weiß gewandet, trägt sie auf dem Haupte einen grünen Kranz mit sieben brennenden Kerzen. Ihre Haltung ist aufrecht, die Hände sind in Gebetsstellung aneinandergelegt und weisen nach oben. Ruhig blickt sie beim Singen die Menschen an. Staffan, in roter Zipfelmütze, Stallhosen, Bauernkittel und Schaftstiefeln, öffnet vor dem Zug die Türen und löscht das Licht, falls dieses im Zimmer schon angeschaltet war.

Dabei und beim Austeilen der „lussekatter" können er und seine Stallknechte schon auch ein bisschen Schabernack treiben. Bei dieser Schar verschwimmt ohnehin die Eindeutigkeit der Identität zwischen Stallknechten, Wichten (tomtar) und etwas heruntergekommenen Alten (supgubbar).

Auch Luzia tritt uns mit diesem Doppelantlitz der Weihnachtszeit entgegen: Neben der strahlenden Lichterbraut gibt es nämlich noch die finstere, dämonische Lutzelfrau. Als Lussibrud, Budelfrau oder Pudelmutter tobte sie zu Anfang des 20. Jahrhunderts noch durchs Dorf, jagte die Faulen und drohte, ihnen den Bauch aufzuschlitzen, die Gedärme herauszureißen und stattdessen Stroh, Kieselsteine oder - den faulen Mägden - den liegen gelassenen Kehricht hinein zu stopfen.

Den Kindern und Wöchnerinnen war sie ein Schrecken. Diese „böse Lutz" begegnet uns in anderen Landschaften als „schiache Percht" oder als „böse Holle" wieder. Wir werden noch sehen, dass Luzia auch bei uns in Mitteleuropa alles andere als eine Fremde war.

Das Buch „Die Weihnacht" (Untertitel „Eine Spurensuche") von Michael Duesberg ist Anfang 2015 im Verlag „tredition" erschienen, in dessen Bookshop es auch gekauft werden kann.

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