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21/10/2015 04:35 CEST | Aktualisiert 21/10/2016 07:12 CEST

"Die Weihnacht", 10. Teil

Statt des 14. Teils der „Dreieinigen Göttin", der im Januar 2016 dann folgen wird, geht es jetzt hier erst einmal weiter mit der Fortsetzung aus dem Buche „Die Weihnacht" (veröffentlicht im Verlag „tredition") mit dem 10. Teil. Der vorige Beitrag (9) war am 17.06.2015 erschienen.

Eingeleitet werden soll die „Weihnacht"- Serie mit einer Volkssage, die sogleich mitten hinein in die verwirrende Vielfalt der Mittwinterzeit führt. Wie so Vieles an diesem uralten Sonnwend- Fest mutet sie eher heidnisch als christlich an.

In der dunklen Zeit des Jahres zog nach dem Glauben unserer Vorfahren der „Schimmelreiter" oder „Wilde Jäger" als Anführer der „Wilden Jagd" umher. In den Herbst- und Winterstürmen brauste er über die Lande und zerbrach alles Morsche und Schwache in Wald, Feld und Auen, damit im Frühling Raum für neues Leben sei. Sein „Wildes Heer" bestand aus berittenen Jägern und Treibern samt deren Meute, den Packpferden und manchmal auch aus der Begleiterschar der „Frau Frigg", die seine heimliche Geliebte sein sollte. Gelegentlich hieß der „Wilde Jäger" auch Wod oder Wode und erinnert damit an Wotan / Odhin, den Göttervater der germanischen Asengötter. Seine Begleiterin aber tauchte auch unter den Namen Frau Frick, Frau Holle oder „Die Holde Frau" auf. Sie wurde als wunderschöne Jägerin beschrieben. Wer Wodes Spur während der Jagd kreuzte, brauchte viel Mut: Wode prüfte die Menschen auf ihre Standhaftigkeit, ihre Ausdauer und ja, ihre Unerschrockenheit und Beherztheit. Und wehe dem Schwächling! Hier die Sage (aus „Im engsten Ringe" von Herta Ohling):

Einst kam mitten im Winter ein Bauer in der Nacht von der Stadt heim und sein Weg führte ihn durch einen dichten Wald. Da hörte er die wilde Jagd, das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. „Mitten in den Weg! Mitten in den Weg!" rief eine Stimme, allein er achtete nicht darauf. Plötzlich stürzte aus den Wolken nahe vor ihn hin ein langer Mann auf einem Schimmel. „Hast du Kräfte?" fragte er, „wir wollen uns beide versuchen. Hier die Kette, fass sie an! Wer kann am stärksten ziehen?" Der Bauer fasste beherzt die schwere Kette und hoch auf schwang sich der wilde Jäger.

Der Bauer aber hatte die Kette flink um eine nahe Eiche geschwungen und vergeblich zerrte der Jäger. „Hast gewiss das Ende um die Eiche geschlungen?" fragte der herabsteigende Wod. „Nein", versetzte der Bauer, „sieh, da halte ich sie in meinen Händen". „Nun, so bist du mein in den Wolken", rief der Jäger und schwang sich empor.

Wieder schlang schnell der Bauer die Kette um die Eiche und es gelang dem Wod nicht. „Hast doch die Kette um die Eiche geschlagen!" sprach der niederstürzende Wod. „Nein", erwiderte der Bauer, der sie eilig los gewickelt hatte, „sieh so halte ich sie in meinen Händen!" „Und wärest du schwerer als Blei, so musst du doch hinauf zu mir in die Wolken!" Blitzschnell ritt er aufwärts - aber schneller war der Bauer und half sich auf die alte Weise.

Die Hunde bellten, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben - die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich zu drehen. Dem Bauern bangte, aber der Baum hielt stand. „Hast brav gezogen", sprach der Jäger. „Mein wurden schon viele Männer, du bist der erste, der mir widerstand. Ich werde dir´ s lohnen." Laut ging die Jagd wieder an: „Hallo, holla! Wol, wol!"

Der Bauer aber zog eilends seines Wegs. Da stürzte aus ungesehenen Höhen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und auch der Wod war da, sprang vom weißen Rosse und zerlegte das Wild. „Blut sollst du haben, und ein Hinterteil dazu!" „Herr", sagte der Bauer, „ich habe nicht Eimer noch Topf." „Zieh den Stiefel aus", rief der Wod.

Der Bauer tat´ s. „Nun wandere mit Blut und Fleisch heim zu Weib und Kind!" - Leicht schien anfangs die Last, aber allmählich wurde sie schwerer und schwerer, kaum vermochte er sie zu tragen. Mit krummem Rücken, nass vom Schweiße, erreichte er endlich seine Hütte. Und siehe da! Der Stiefel war voll Gold und das Hinterstück war ein lederner Beutel voll Silber geworden! Der wilde Jäger hatte seine tapfere Entschlossenheit belohnt.