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25/12/2016 09:52 CET | Aktualisiert 26/12/2017 06:12 CET

"Die Dreieinige Göttin", 67. Beitrag

Und noch einmal Schwellen

Neben den zeitlichen Schwellen (Morgen, Mittag, Abend und Mitternacht) gibt es noch eine andere Art von „Übergängen", die nicht minder wirkungsvoll sind. Das sind all jene besonderen Orte, die irgendwie „uneindeutig" oder auch „mehrdeutig" sind. Aus Märchen und Sagen sind uns da die Wegkreuzungen bekannt, wo uns Teufel, Geister und andere zwielichtigen Herrschaften gegenübertreten können. Der Ort ist dafür bestens geeignet, denn er ist weder eindeutig der eine, noch der andere (ihn kreuzende) Weg; oder aber er ist ein Teil beider. Etwas Ähnliches gilt abgeschwächt auch für Wegkrümmungen, die weder der einen, noch der anderen (neuen) Wegrichtung allein angehören oder aber beiden zugleich.

Waldlichtungen und Schneisen sind weder Wald, Wiese, Feld, noch Weg. Nicht ohne Grund tanzen gerade dort die Elfen der Märchen und Sagen ihre Reigen. Auch Hecken und Wegränder sind nicht Wiese, Feld, noch Weg allein. An ihnen konnte man allen möglichen Arten von Zwergen und Wichteln begegnen. Hier bietet die englische Literatur reichhaltigen Stoff.

Flussgabelungen und Inseln sind nicht Wasser, nicht Festland, also echte Schwellenbereiche; daher wurden viele Heiligtümer auch auf Inseln errichtet. Bei Ufern und Stränden gilt ein Ähnliches, wie für Flussgabelungen und Inseln, nur umgekehrt, die Ufer sind weder ganz Festland, noch Wasser allein. Hier konnte man Nixen, Nöcken und anderen Wassergeistern begegnen.

In gleicher Weise lassen sich etliche weitere Schwellen-Orte auffinden, Bergspitzen, die bevorzugt Bauplätze für Heiligtümer waren, Schluchten, Baumkronen und andere.

Aber nicht nur die Natur steckt voll solcher fantastischer Orte, sondern auch das scheinbar so sichere Innere des Hauses. Solches wurde bis ins Brauchtum hinein berücksichtigt, wo man beispielsweise unter dem Mistelzweig am Türsturz (= auf der Schwelle) Dinge tun durfte, die woanders nicht comme il faut waren.

Ein paar Schritte von Zimmer zu Zimmer oder vom Zimmer in einen Flur hinaus, und schon überquerte man wieder eine Schwelle. Diese Übergänge wurden zu einem Sinnbild für das Leben: Auch die Türen zur Anderswelt stehen immer wieder offen - dann führt aber der Schritt über die Schwelle nicht in den erwarteten Raum, sondern in eine fremde Welt hinein. Viele Geschichten aus Irland, Schottland und Wales haben dies zum Motiv. Die Lehre daraus lautet: „Wo immer du dich im Alltag auch befindest, die Anderswelt ist niemals fern."

Flure sind ihrerseits weder der eine noch der andere Raum, sondern liegen stets zwischen ihnen. Dachböden und Speicher sind weder Wohnräume, noch der Luftraum über dem Dach und daher beliebte Erscheinungsorte für alle möglichen Hausgeister wie „Speicherpuck", „Bibabutzemann", Wichtel und andere. Keller werden, einst wie heute, nachts von Kindern gefürchtet (vorausgesetzt es sind richtige Keller): weder Wohnraum noch Erdreich unterm Haus, bilden sie eine eigene Sonderwelt. Sogar die vertrauten Zimmerecken sind nicht Zimmer, nicht Wand, daher höchst „anfällig" für alle möglichen Erscheinungen.

Fragt man sich, was an alledem „dran ist" oder dran sein könnte, so bleibt doch eine merkwürdige Tatsache bestehen: Kinder wie auch ältere sensible Menschen erleben bis heute in gewissen Natur- und Hausbereichen, dass es sie dort gruselt, dass etwas „merkwürdig", „eigenartig", „unheimlich" oder auch nur „anders" ist. Vor allem, und das macht die Sache so spannend, wenn sie einen Schwellen-Ort zu bestimmten Schwellen-Zeiten aufsuchen. Dabei steigern sich nämlich die Auffälligkeiten des Ortes. Und was fürchten die Menschen in ihrem sonst so vertrauten Zimmer nachts am meisten, wenn sie allein sind? Die Ecken.