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11/12/2016 12:07 CET | Aktualisiert 12/12/2017 06:12 CET

"Die Dreieinige Göttin", 65. Folge

Wechselnde Tageszeiten im Jahreslauf

Wenn Tages- und Jahreslauf miteinander vergleichbar sein sollen, so stellten wir eingangs fest, müssen ihre beiden Sonnenstände übereinstimmen. Dadurch erst ergibt sich Vergleichbares. Das bleibt auch dann noch bestehen, wenn eine Tageszeit durch das Jahr hindurch „weiterwandert". Nehmen wir als Beispiel den Morgen: Seine urbildliche Ausprägung mit der Dämmerungszeit hat er bei täglich zunehmendem Sonnenbogen im März" (21. März bis 20. April). Was geschieht nun, wenn er die folgenden 12 Monate bis zur nächsten Frühlings-Tagundnachtgleiche durchläuft?

Zur Erinnerung: Im „März" geht die Sonne zwischen 6 und 8 Uhr im Osten auf und zwischen 18 und 20 Uhr abends im Westen unter. Von Monat zu Monat verschieben sich nun die täglichen Sonnen-Aufgangs- und Untergangspunkte weiter nach Norden; das heißt, der gesamte Sonnenbogen steigt täglich höher über den Horizont empor. Im „Juni" (22.06.-23.07). geht dann die Sonne schon im Nordosten auf und erst im Nordwesten unter. Da erreicht der Mittagspunkt ihres Tagesbogens den höchsten Stand (Kulminationspunkt). Ausgehend z. B. von 48° N (geographische Breite, Süddeutschland, etwa Höhe Freiburg), steht die Sonne am 21. März und am 21. September (90° - 48° =) 42° über dem Horizont. Am 21. Juni ist dann ihr Mittagspunkt um 23° höher gerückt, also auf seinem Höchststand von 65°. Danach sinkt er bis 21. September wieder auf 48° ab und hernach noch tiefer bis zur Winter-Sonnwende, wo er nur noch (42° - 23° =) 19° über dem Horizont steht. Da geht dann die Sonne im Südosten auf und im Südwesten unter.

Für den Morgen heißt das, dass er Richtung Sommer-Sonnwende die ihm eigene Dämmerungszeit an den Frühen Morgen abgibt. Er selbst gleitet dabei ganz in den hellen Tag hinein. Die entgegengesetzte Wandlung erleben wir von der Herbst-Tagundnachtgleiche auf die Winter-Sonnwende zu: Da rückt die Morgendämmerung auf den Frühen Vormittag. Dabei verbleibt die Tageszeit Morgen noch im Dunkel der Nacht.

Was empfinden wir, wenn die Dämmerung schon am Frühen Morgen (4-6 Uhr) erscheint? Wir erleben natürlich auch dann an ihr „Morgenstimmung", doch unterscheidet diese sich von der des „echten" Morgens (6-8 Uhr): Die frühe wirkt reiner, klarer und - der Ausdruck sei erlaubt - „jenseitiger", dem Alltagsgeschehen noch ferner. Die Nähe zur „Welt des Lebens", was ja Charakteristikum des Frühen Morgen war, durchdringt jetzt das neue Morgengeschehen.

Umgekehrt verhält es sich im Winterhalbjahr, wenn die Dämmerungszeit auf den Frühen Vormittag rutscht und der Morgen zwischen 6 und 8 Uhr in Nacht und Nebel „steckenbleibt". Jetzt fehlt uns am dämmernden Vormittags-„Morgen" zwischen 8 und 10 Uhr der hilfreiche Willensimpuls, der uns in den Tag hinein katapultieren konnte. Dafür sind Ruhe, Gelassenheit und eine stärkere Empfindsamkeit die neuen Begleiter dieser Zeit. Dem Morgen von 6-8 Uhr aber fehlt zu seiner Urbildfunktion das Licht.

So finden wir beim Gang jeder einzelnen Tageszeit durch den Jahreslauf drei Varianten:

1. Die urbildliche, welche den gleichen Sonnenstand wie das Jahres-Viertel mit gleichem Sonnenstand aufweist. Sie erscheint zweimal pro Jahr (März und September).

2. Die gegenüber dem Urbild verfrühte Stellung (April bis August), die 5 Monate währt.

3. Die gegenüber dem Urbild verspätete Stellung (Oktober bis Februar), auch 5 Monate.

Immer nimmt dann die betreffende Tageszeit etwas vom Besonderen der früheren oder späteren an, in welche sie hineingeschoben wird. Umgekehrt erhalten aber auch die Nachbar-Zeiten durch ihren Funktionswechsel etwas vom Charakter jener Tageszeit, deren urbildlichen Sonnenstand sie übernommen haben.