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06/08/2015 07:53 CEST | Aktualisiert 06/08/2016 07:12 CEST

Die Dreieinige Göttin, 6. Teil

thinsktock

Am Wiesenrand streckte ein alter Eschenbaum seine frischgrünen Zweige über einen Brunnenrand, auf welchem eine Frau saß, so wunderschön von Angesicht, dass man es nicht beschreiben kann. Sie trug eine hohe, goldgestickte Haube, so wie die jungen Mütter weit im Norden sie zu tragen pflegen, und ein lichtrotes Kleid dazu, mit perlgeschmückten Schließen an Hals und Ärmeln.

Und sie wiegte - nicht ein Kindlein - nicht zwei - nicht drei - nein, viele hundert wiegte sie, all an goldenen Bändeln, die sie in den Händen hielt. Die Kindelwiegen sahen aus wie Schneckenhäusel und waren auch nicht viel größer. Drin lagen Kindel mit geschlossenen Äuglein, ratzekahl und nacket, wie die neugeborenen Mäusel...

Gar zu gern hätte Marikestin eins in der Nähe besehen, und sie schlich leis heran. Aber da sah sie einen irrlichterigen, flammendroten Seitenfaden schillern, der war rings um die ganze Wiese gezogen und am Eschenbaum festgebunden.

„Ei", dachte sie, „so ein kleines Fädchen soll mir nicht im Wege sein!" und fasste zu mit Daumen und Zeigefinger ... o weh, das brannte wie Feuer! Da wusste Marikestin, dass sie auf die Kindelwiese der Frau Holle geraten war, und da saß ja leibhaftig die Hollefrau auf dem Brunnenrand und wiegte und lachte...

„Willst ein Kindel han?" fragte sie freundlich. „O je, nein!" rief Marikestin erschrocken, „bin selber ein Herrgottskindel, hab´ nicht Vater noch Mutter, kein´ Mann und kein Haus!"

„Dann geh in die Burg!" rief Frau Holle zurück, „da ist heute früh eins hingebracht worden, und sie suchen eine Kindelmuhme dazu!"

Hei! sprang Marikestin den Weg zurück, so schnell sie konnte - Mispel und Schlehen waren vergessen - lief geradewegs in die Burg hinein zu unserer Urgroßmutter. „Die Hollefrau hat mich hergeschickt!"

So wurde Marikestin die Kindelmuhme von unserer Großmutter und ist bei uns geblieben ihr Leben lang. Denn immer, wenn eins laufen konnte, kam ein neues Kindel an.

Dreimal gab es eine Pause, dann sorgte Marikestin für die Küken im Geflügelhof, weil sie doch immerzu Neugeborenes aufziehen musste. Und ich bin das letzte Kindel gewesen, das sie betreute....

Wann immer wir mit dem Mutter- Aspekt der „Großen Mutter" konfrontiert sind, auch innerhalb unserer eigenen Kultur, sei es als Frau Holle, als Frau Perchta oder unter anderen Namen, stets werden wir auf die „Kinder" stoßen. Dazu im 7. Teil der Buchbesprechung eine weitere deutsche Sage, die das Bisherige ergänzt. Das Buch erschien vor wenigen Wochen im Verlag tredition. Es heißt „DIE DREIEINIGE GÖTTIN - STREIFZÜGE DURCH EINE ETWAS ANDERE KULTUR" und ist unter folgendem Link zu finden.


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