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19/08/2015 13:09 CEST | Aktualisiert 19/08/2016 07:12 CEST

Die Dreieinige Göttin, 7. Teil

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FRAU HOLLE UND DER BAUER

An einem Abend in der Weihnachtszeit ging einmal ein Bauer noch spät mit der Axt auf sein Feld hinaus. Es war bitterkalt. Der Wintersturm tobte und heulte, und die Schneeflocken wirbelten dicht vom Himmel herab. Da hörte der Mann auf einmal in der Ferne ein klägliches Weinen. Es klang wie das Jammern von Kindern, die sich im Schnee verirrt haben und müde sind und nicht mehr weiter wissen.

Und wie er eilends ging, woher das Wimmern kam, da sah er plötzlich mitten auf dem Felde im weißen Licht der Winternacht eine hohe, leuchtende Frau. Ihr blauer Mantel wehte weit im Wind. Doch tief und warm in seinem Schatten barg sich kleines, wimmelndes Volk, und Kinderweinen drang aus dem Schutze der erddunklen Mantelfalten hervor.

Die Frau winkte. Da trat der Bauer herzu; und er sah, dass ein Pflug mitten auf dem Felde stand, an dem der Pflugbaum gebrochen war. Und er sah auch, dass Tausende kleiner Seelchen weinend den mächtigen Pflug umdrängten.

Da wusste er gleich, was die Frau von ihm wollte. Er ging näher - und bittend umdrängten auch schon die kleinen Leute ihm Füße und Knie. Und der Bauer besann sich nicht lange. Er prüfte den Schaden. Dann nahm er seine Axt und hackte, behaute und glättete das Holz. Wunderbar leicht ging ihm die Arbeit von der Hand, und bald stand der Pflug festgefügt und brauchbar wieder auf dem Acker.

Fröhlich sahen es die Kleinen, sie klatschten in die Händchen und tanzten jubelnd um das heile Gerät. Die weiße Frau aber sagte: «Raff die Späne auf und nimm sie mit als Dank für deine Mühe!" Indessen war leises, zirpendes Lachen und Lärmen um den Pflug. Hundert Händchen hoben ihn hoch und wendeten ihn. Und ehe sich´ s der Bauer versah, war die leuchtende Frau, waren die tausend Kinderseelchen im Schneegestöber der Winternacht verschwunden.

Der Bauer aber stand und staunte mit offenem Mund. Und es wollte ihm wohl ein Traum scheinen, was er da soeben erlebt hatte. Aber dann sah er auf die Späne in seiner Hand - und er wusste wieder: es war Wirklichkeit. Doch kamen ihm die Späne, die er als Lohn erhalten hatte, vergeblich und unnütz vor.

Darum ließ er die meisten auf dem Felde liegen und nahm bloß zwei oder drei auf dem Heimweg in Gedanken mit. Wie er aber nach Hause kam und in die Tasche griff, waren die Späne eitel Gold geworden.

Da wusste er gleich, wem er begegnet war, und dass er Frau Holles Pflug geheilt hatte. Schnell kehrte er um, noch die anderen Späne zu holen, die er auf dem Acker liegengelassen; doch so sehr er auch suchte, es war zu spät und nichts mehr vorhanden.

Aber auch mit den wenigen Spänen, die er gerettet hatte, war er reich genug belohnt. Und als der nächste Sommer kam, merkte er, dass Frau Holles Segen auf seiner Arbeit ruhte und dass seine Äcker doppelt so viel trugen wie in den Jahren zuvor. Denn wo die Lebensmutter mit ihrem Pflug in der Jahresnacht über die weißen Felder geht, da tragen sie in der Sommersonne reiche Frucht.


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