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20/03/2016 06:49 CET | Aktualisiert 21/03/2017 06:12 CET

"Die Dreieinige Göttin", 32. Blog

Jade Brookbank via Getty Images

Hier wieder eine der zahlreichen deutschen Holle- Sagen:

Vor Zeiten lebten zu Clausthal zwei arme Mädchen. Die hatten nicht Vater noch Mutter noch hilfreiche Verwandte und mussten sich früh schon alleine durch ihrer Hände Tagwerk kümmerlich ernähren. Weil aber dazumal die Arbeit der Frauen an Haushalt und Kunkel gebunden war, suchten sie mit Spinnen ihr täglich Brot zu schaffen.

Diese Schwestern glichen sich wie Strohhalm und Ähre, die ja auch aus der gleichen Wurzel wachsen und doch so verschieden sind. Die eine war hochfahrend und dumm, die andere voll Versonnenheit, die eine war schwatzhaft und faul, dagegen die andere emsig und still ihr Gut zu mehren suchte. Rückte die Fleißige erst um elf Uhr nachts ihr Rad in die Ofenecke, so hatte die Faule schon ein paar Stunden gefeiert oder geschlafen.

Wieder einmal kam Ostern ins Land. Am Vorabend dieses Feiertages saß die fleißige Liese wie immer und spann ihren Wocken auf, nach Frau Holles Gebot. Der glatte Faden rann ihr nur so aus den Fingern. Die Faule dagegen hielt keine Pflicht. Sie lief den Burschen nach und sprang mit ihnen ums Osterfeuer. Die Liese inzwischen spann und sann nur auf ihre Arbeit. Der Türmer sang schon die elfte Stunde über die Dächer. Da ging die Haustüre auf, und herein trat eine schöne Frau, in Weiß gekleidet. Sie trug lange, goldene Haare und hielt in der Hand einen vollen Wockenstock, den sie dort auch Dieße nennen. Der war so weiß wie Silber und glänzte wie Seide.

Die schöne Frau grüßte mit ernstem Nicken, trat näher, prüfte das Garn des Mädchens, welches soeben den letzten Flachs als Faden auf ihre Rolle auflaufen ließ, und sagte lobend:

„Fleißige Liese,

Leer ist die Dieße,

Fein ist der Faden,

Bist wohl geraten."

Dann rührte sie mit ihrer Dieße an das Spinnrad des Mädchens, lächelte ihm zu und ging. Und wer war das wohl? Es war niemand anders als die gute Frau Holle.

Die Liese legte sich bald nach dieser Erscheinung zu Bett. Aber einschlafen konnte sie erst, als die Schwester endlich von ihrem Bummel zurückkam. Mit Lachen warf sich die Törin aufs Lager und prahlte wunders, was die Liese an diesem Abend versäumt hätte.

Wie nun die Ostermorgensonne durchs Fenster schien, erwachte die Liese zuerst. Sie rieb sich verwundert die Augen, denn im Morgenstrahl funkelte ihr Spinnrad wie Gold und blitzte, dass die ganze Kammer im Lichte lag. Schnell sprang sie aus dem Bett und prüfte mit ihren Fingern den goldenen Glanz, hob das Rad auch vom Boden.

Aber es wog schwer und war von der Dieße bis runter zum Tretbrett gediegenes Gold. Und der Faden, den sie am Osterabend gesponnen hatte, erglänzte wie Seide. Sie haspelte ein Gebind nach dem andern ab und hing je zehn und zehn an das Hakenbörd. Aber die Rolle blieb voll, und das Garn wollte kein Ende nehmen. So hatte sie denn eine doppelte Quelle des Wohlstands als Lohn für ihren Fleiß.

Nun zerrte die Faule auch begierig ihr verstaubtes Spinnrad hervor. Aber ach! Wo sonst der ungesponnene Flachs auf der Dieße saß, raschelte nur graues Stroh. Und als sie schnell in böser Ahnung nach ihrem Leinenschatz in der Truhe kramte, da fand sie statt der schönen Ballen nur Häcksel und Spreu.

Darum spricht man heute noch im Harzland: Am Ostersonnabend muss die Dieße leer sein, sonst kommt Frau Holle und bringt Häckerling.

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