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05/04/2016 12:12 CEST | Aktualisiert 06/04/2017 07:12 CEST

Angst als Ratgeber politischen Handelns?

ROBYN BECK via Getty Images

Eine der Anekdoten, die der englische politische Philosoph Thomas Hobbes über sich selbst erzählte, besagte, dass seine Mutter mit seiner Geburt Zwillinge zur Welt brachte - ihn selbst und die Furcht.

Die Angst vor der Spanischen Armada habe die Geburt eingeleitet. Eine gute Geschichte, auch wenn Hobbes im April 1588 geboren wurde und die Armada ihren Überfall auf England im August begann - offenbar muss politische Angst nicht immer begründet sein, um zu wirken.

Hobbes hat ein ängstliches Leben geführt, das allerdings im unruhigen 16. Jahrhundert immerhin 91 Jahre währte. Vor dem englischen Bürgerkrieg flüchtete er nach Paris, wo er die Niederlage der Royalisten und die Enthauptung des Königs aus dem Exil beobachtete.

Und von Paris flüchtete er 1651 zurück nach England, nachdem die Veröffentlichung seines berühmtesten Werkes, des „Leviathan", die Royalisten gegen ihn aufbrachte - behauptete er hier doch, dass die Sicherheit die wichtigste Aufgabe des Staates sei, und dass damit auch das Regime von Oliver Cromwell legitim sei, wenn es nur die Sicherheit der Bürger garantierte.

Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst

Ein ideengeschichtlicher Gegenspieler zu Hobbes ist der amerikanische Präsident Franklin Delano Roosevelt. In seiner Rede zum Amtsantritt am 4. März 1933, mitten in der Weltwirtschaftskrise, dauerte es keine Minute, bevor er den berühmtesten Satz der Rede aussprach: „Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst" - „the only thing we have to fear is fear itself".

Hört man sich die Rede im Original an, so bemerkt man, dass Roosevelt vor den Worten „fear itself" eine kleine Pause einlegte. Er wusste genau, worauf er hinaus wollte. Die Rede sollte die Hoffnung auf eine Wende zum Besseren geben.

Oder, um FDR noch einmal das Wort zu geben, die Abkehr von der „namenlosen, unvernünftigen, ungerechtfertigten Angst", die das Leben in den USA lähmte.

Hobbes oder Roosevelt, wer ist der bessere Ratgeber? Wenn man die Geschichte des politischen Denkens betrachtet, dann steht Hobbes keineswegs allein da. Er erlebte religiöse Verfolgungen, Kriege und einen verheerenden Bürgerkrieg in England. Als der Dreißigjährige Krieg begann, war Hobbes selbst bereits 30 Jahre alt, als er beendet wurde, zählte er 60 Jahre.

Die Sicherheit des Lebens

Kein Wunder, dass Hobbes die Sicherheit des Lebens als obersten Wert seiner Philosophie herausstrich - ganz ähnlich wie Machiavelli und Jean Bodin, die ebenfalls in Zeiten von Bürgerkriegen zu politischen Denkern heranreiften.

Wer soll die Sicherheit gewährleisten? Alle drei gaben die gleiche Antwort: ein starker Staat, für Hobbes eben ein Leviathan mit überwältigender Kraft, der den Menschen das gab, was sie selbst nicht garantieren konnten.

Es ist nicht schwierig, sich vorzustellen, wie Hobbes in einem Widerstreit von Freiheit und Sicherheit in unserer heutigen Zeit urteilen würde. Homo hominis lupus, „der Mensch ist des Menschen Wolf" ist das Credo von Hobbes und der Hobbesianer seither.

Von Hobbes gibt es einen direkten Weg zu den Apologeten eines Überwachungsstaates, die freiheitliche Werte für einen neuen Leviathan einzutauschen bereit sind.

Aber wie sieht es mit der Position von Roosevelt aus? Warnen die Apostel der Sicherheit vor Gefahren, denen nicht anders als mit Hobbesschen Methoden beizukommen ist, oder sind sie die Advokaten eines „nameless, unreasoning, unjustified terror"?

Furcht mit mehr Freiheit begegnen

FDR steht für eine zweite Linie politiktheoretischer Argumentation, die kaum später als die Ideen von Hobbes entsteht und die vor allem im angelsächsischen Raum eine zentrale Rolle einnimmt. Auch der 1732 geborene John Locke hat Bürgerkriege und sogar 1688 eine Invasion Englands erlebt, die die „Glorreiche Revolution" zu einem kurzen und erfolgreichen Ende brachte.

Locke fürchtete die wölfische Teilnatur des Menschen - aber für ihn war es nur eine Teilnatur, die nicht durch einen allmächtigen Staat zu zähmen war, sondern durch das Recht als Käfig der Begierden. Auch Locke will dem Staat im Notfall besondere Rechte zugestehen (er spricht hier von der „prärogativen Gewalt" der Exekutive), aber dies ist die Ausnahme und nicht die Regel.

Ähnliche Gedanken finden sich überall unter den Philosophen der Aufklärung, und am Ende des 18. Jahrhunderts ist mit der amerikanischen Verfassung erstmals ein erfolgreicher Versuch unternommen worden, Freiheit und Sicherheit gegeneinander auszubalancieren und die Angst völlig aus dem Staatsaufbau zu verbannen.

Den Gründungsvätern der USA war dieses fragile Verhältnis vollkommen bewusst. Im berühmten 10. Artikel der „Federalist Papers", der Parteischrift der Verfassungsbefürworter, argumentiert James Madison (später 4. Präsident der USA), dass man der Furcht mit mehr Freiheit begegnen müsse, da man sonst die Freiheit, die man schützen wolle, in Wirklichkeit ersticke. Roosevelt steht in dieser Tradition.

Resultate der Furcht

In allen politisch krisenhaften Zuständen ist die Angst als Ratgeber schnell zur Hand gewesen. Gerade in den USA gibt es regelmäßige Wellen von Angst, die politisches Handeln entgegen den Ratschlägen von Madison hervorrufen.

Es sind nicht erst die Terroranschläge von „9/11", die nach 2001 eine geradezu manische Überbetonung der Sicherheit nach sich zogen: der „Patriot Act", der ungeahnte Vollmachten in die Hand der Exekutive legte, die Invasion im Irak, das Lager von Guantanamo, Verhöre mit Folter - das alles sind unmittelbare Resultate der Furcht.

Aber diese Furcht gab es sporadisch immer wieder in der amerikanischen Geschichte; sei es die Angst vor übergroßer katholischer Einwanderung (1850er), die Angst vor vermeintlich anti-kapitalistischen Gewerkschaften (1880er), vor dem Anarchismus (1880er/90er), vor der „Red Scare" nach der Russischen Revolution (nach 1918), vor den Amerikanern japanischer Herkunft (nach 1941), und generell die Angst vor dem Kommunismus, für die nach 1948 der Name McCarthy steht.

Es spricht für die Stärke des amerikanischen Freiheitsverständnisses, dass alle diese Wellen der Angst nur kurzfristig gewirkt haben und bald wieder die Stimmen dominierten, die sich mit FDR gegen die „Furcht selbst" wehrten.

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Natürlich ist die Sicherheit der Bürger eine zentrale Aufgabe des modernen Staates; heute nicht minder als in den Tagen von Hobbes. Aber die Geschichte politischer Ideen zeigt auch, dass der einseitige Ruf nach Sicherheit zumeist konsequent in einer neuen Version des Leviathan mündet. Und der ist heute ebenso wenig die Lösung wie er es 1651 war.

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