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02/03/2015 12:13 CET | Aktualisiert 02/05/2015 07:12 CEST

Mentoring: Perspektiven für bildungsferne Schichten

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Mentoring - Abschluss, Lehre oder Studium und dann in die Arbeitswelt. Für Akademikerkinder scheint das leicht; für Jugendliche und junge Erwachsene aus bildungsfernen Schichten hingegen stellt das eine richtige Herausforderung dar.

Nach dem Abitur lande ich mit viel Glück für ein Praktikum in der Robert Bosch Zentrale.

Während viele aus der Abteilung, die ich mehr oder weniger auch unterstützen darf, denken, ich sei bereits eine Studentin, weiß mein Team, dass ich noch ein Grünschnabel bin. Ich diene als Ablage, ein Manager ist empört als er erfährt, dass ich nicht einmal weiß, wie der Median zu berechnen ist. Erst später erfährt er, dass ich Abiturientin bin und spricht mir gegenüber seinen Respekt aus.

Die goldene Regel für die Karriere: networking

Allerdings treffe ich seit Tag eins eine junge Frau, die heute unbewusst mein Leben bereichert hat. Sie ist jung, erfolgreich, wunderschön und hilfsbereit. Das erste Mal treffe ich mein Vorbild. Ein greifbares und reales Vorbild. Nicht eine Topmanagerin mit Designerschuhen, teurer Handtasche und Sportwagen aus den Medien. In meinen Mittagspausen lerne ich von ihr nicht nur, wie man richtig mit Messer und Gabel beim Essen umgeht, sondern auch die goldene Regel für die Karriere: das Netzwerken.

Als ich immer verunsichert zum Mittagessen mit meinen und anderen Vorgesetzten gehe, nimmt sie mich zur Seite und sagt: „Liebes, egal ob du Hunger hast oder nicht, selbst wenn du nur einen Salat isst, geh unbedingt mit und networke!"

Die Funktion des Wortes, das mir damals so fremd ist und heute zu meinem Lebensstil gehört, schaue ich mir damals von ihr ab. Sie freut sich aus tiefstem Herzen mit mir, als ich meine ganzen Zusagen für einen Studienplatz bekomme und hilft mir sogar bei der Entscheidung, welchen ich nun annehmen soll.

Nach drei Monaten verabschieden wir uns und sind bis heute in Kontakt. Auch später motiviert sie mich bei jedem Tief in meiner Prüfungsphase via Facebook- oder WhatsApp-Nachricht -egal ob sie in China, Frankreich oder quer durch Deutschland unterwegs ist. Sie schreibt mir, wie stolz sie auf mich ist als ich meine ersten Beiträge im Netz auf unterschiedlichen Plattformen veröffentliche.

Lernen, worauf es ankommt

Ich bewerbe mich etwas nervös für ein Auslandsjahr im Rahmen meines Studiums. Diejenige, die neben ihrem Unternehmensberateralltag mein Motivationsschreiben noch einmal durchliest und mir qualitatives Feedback gibt, ist wieder sie. Sie ist diejenige, die mir Mut macht und sagt, ich solle rausgehen und mir das holen, wovon ich träume.

Ihr Lebensmotto: „Das Schlimmste was dir passieren kann ist ein ‚Nein' und selbst diese Antwort lehrt dich mit solchen Situationen umzugehen." Ich folge ihrem Rat. Über die Jahre ist sie nicht mehr die einzige in der Arbeitswelt, die ich kenne. Ich lerne sie alle kennen: Lehrerinnen, Anwältinnen, Ärztinnen, Autorinnen, Unternehmerinnen, Politikerinnen und Wissenschaftlerinnen.

Ich lerne Kriterien für verschiedene Berufsfelder kennen. Ich kenne nun unterschiedliche Auswahl- und Bewerbungsverfahren. Ich lerne worauf es als Einsteigerin ankommt. Ich kenne die Tränen und die harte Arbeit hinter den beneidenswerten Posts und Lebensereignissen auf Facebook.

Ich lasse mich nicht mehr von Diskussionen über meine berufliche Zukunft mit meinen Kommilitoninnen verunsichern, weil mir das nicht mehr unbekannt ist. Ich bin in der Lage, mir in kurzer Zeit unendliche, reale und sichere Informationen durch mein Netzwerk, das ich mir über die Jahre hin aufgebaut habe, einzuholen. Ich fühle mich sicherer und weiß, dass ich einfach nur mein Ding machen muss. Ich weiß jetzt, dass sich Engagement allein für dieses stabile Netzwerk lohnt.

Das alles versuche ich nun zurück zu geben. Junge Follower, die mich bitten, ihre Bewerbungen durchzulesen... Bachelorarbeiten Korrektur lesen, Lebensläufe optimieren, auf Stipendien aufmerksam machen, Motivationsschreiben durchlesen und Feedback geben, auf interessante Konferenzen aufmerksam machen und mein Netzwerk mit ihnen teilen.

Jugendliche brauchen Vorbilder und Mentoren

Dadurch wird mir eines klarer als je zuvor: Jugendliche und junge Erwachsene brauchen neben der Schule, der Lehre und dem Studium ein Netzwerk von greifbaren und realen Vorbildern und Mentorinnen. Jemand, der ihnen die Ängste nimmt vor dem was kommt, weil ihnen eine erfahrene Bezugsperson fehlt.

Es gibt so viele Vereine von Akademikern, die ständig für Prestige Dinge auf die Beine stellen wollen, die insbesondere junge Menschen nicht voran bringen. Für die Übernahme der einfachsten, aber effektivsten Aufgaben sind sie sich zu schade.

Dabei gibt es x Jugendliche, die keine Ahnung haben, wie man sich für die Universität bewirbt oder wie man einen BAföG-Antrag ausfüllt. Auslandssemester, Wahl des Studienfaches, das Lernen auf Prüfungen etc. sind die größten Baustellen, die überwunden werden müssen.

Hierbei braucht es ein außerschulisches oder außeruniversitäres Netzwerk, das für junge Menschen schnell und sicher abrufbar ist. Menschen, die sich bereit erklären sichtbar zu werden und sich zur Verfügung stellen, um Teil eines Netzwerkes zu werden, das Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten eine helfende Hand reicht.

Aufsteiger, die sich im ständigen Austausch mit künftigen Aufsteigern befinden und ihnen durch den Informationsaustausch und hilfreiche Tipps einen unnötigen Teil ihrer Last abnehmen. Hierbei wird vor allem geholfen, dass sich diese Menschen nur auf eines fokussieren können, nämlich auf ihren Bildungsweg, anstatt auf die Ängste, die dieser mit sich bringt.

Wir müssen Perspektiven schaffen, Alternativen hervorbringen und nicht nur unsere Geschichten teilen und zu sichtbaren Helden werden, sondern auch die Geschichten unserer Helden weitertragen.

„Du machst das nicht für uns, du machst das auch nicht nur für dich, sondern auch für diejenigen, die nicht so viel Glück haben wie du.", sagt meine Mutter und legt mir ans Herz, nicht zu vergessen, wo ich herkomme und welchen Weg ich gegangen bin - nämlich aus einer bildungsfernen Schicht.


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