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10/10/2015 08:32 CEST | Aktualisiert 10/10/2016 07:12 CEST

Global Urban Muslims - was junge Muslime im Westen eigentlich treiben

Wenn wir unseren Newsfeed anschauen, uns durch die Online-Medien klicken, mal wieder der Fernseher läuft oder wir a la alte Schule das Radio anschalten, und wenn es dann um junge Muslime geht, dann redet man über die 0,0001% der bombenbauenden Extremisten im Westen. Die 0,0001% sprechen dann auf einmal für die 99,999% der friedlichen Menschen in Europa und den USA.

Aber wer sind die anonymen Muslime überhaupt? Diese Mehrheit, die mit und unter uns zu leben scheint. Die, die weniger Aufmerksamkeit bekommt. Die so unscheinbar ist. Scheinbar weil sie, so ist wie wir.

Im Mai diesen Jahres besuche ich meine erste Zahnräder Konferenz, ein Netzwerk von muslimischen Social Enterpreuren, und lerne den Keynote Speecher Navid Akhtar kennen. Navid Akhtar spricht über seine Gründung von Alchemiya, eine Art Netflix für Muslime. Er selbst war lange Reporter bei der BBC und hat Dokumentationen gedreht, die heute seit Jahren immer wieder auf dem Kanal laufen. Unter anderem hat er eine Dokumentation über den Mauerfall in Berlin gedreht.

Den Interessen des Global Urban Muslims gerecht werden

Er stellt uns eine Frage: „Hat jemand von Euch einmal eine Dokumentation immer und immer wieder auf NTV oder der deutschen Version von BBC laufen sehen, in der es um den Bau der Blauen Moschee in Istanbul geht? Wisst Ihr eigentlich, was Muslime in Großstädten so treiben und woran sie arbeiten?" Stille. Und dann sagt er plötzlich: „Und das ist die Idee hinter Alchemiya: den Interessen des Global Urban Muslims gerecht zu werden!"

Aber was kann der Durschnittsgroßstadt Muslim überhaupt und wofür interessiert sie/er sich so? Diese Frage kann sich der Otto Normalverbraucher selbst nur schwer beantworten. Bei der Medienlandschaft bekommt man den Eindruck, dass außer der Kopftuchdebatte, Moscheen, Ritualprakitken und im Extremfall Bombenbauerei und die Auswanderung in den Jihad für Muslime nicht mehr drin sei.

Eine totale Realitätsverzerrung, wenn wir uns die Global Urban Muslims einmal vorknöpfen. Das Konzept, das in der UK und in den USA bereits schon etabliert und verinnerlicht ist, scheint in Deutschland fremd zu sein und erschwert uns somit die Debatte über Muslime und mit Muslimen.

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Credit: Tasnim Baghdadi

Hier zählt nur, was einer kann, nicht woran er glaubt oder wo er herkommt

Hast du mit Muslimen schon einmal über Kunst geredet? Kennst du muslimische deutsche Künstler? Wenn nicht, dann solltest du dir einmal die Plattform KuKü TV anschauen. Die Plattform für „Kunst & Kültür" wurde nämlich genau auf dieser Philosophie aufgebaut. In diesem digitalen Raum brechen Menschen aus der muslimischen Kategorisierung aus und stellen ihre eigene Arbeit vor, die von ihrer Identität und ihrem religiösen Background geprägt wurde.

Die Arbeit und das Talent stehen im Fokus, während die ethnische oder religiöse Identität nur als Antrieb oder Inspiration gedient haben. Hier zählt nur, was einer kann, nicht woran er glaubt oder wo er herkommt.

In Deutschland leben in Großstädten Muslime, die sich für Dinge interessieren, womit keiner rechnen würde.

Klassische Namen für den Global Urban Muslim sind Illustratoren wie Tasnim Baghdadi, Designerinnen wie Neslihan Kapucu, die Comedy Gang von Rebell Comedy, Künstler der Kalligraphie wie Kamil Ertürk, Fußballer wie Mesut Özil und viele mehr.

Für sie zählt ihr Talent und ihre Interesse, sie machen das worauf sie Lust haben, was sie zufrieden stellt und sie beschäftigt. Ihre Glaubensrichtung und ihre Herkunft hinterlassen immer einen Abdruck auf ihrer Arbeit, sie zwängen sie allerdings nicht in eine Schublade und verschließen ihnen keine Möglichkeiten.

Wenn wir über den Islam reden, dann reden wir immer über Doktrinen

Diese Menschen sind der Regelfall. Sie tauchen allerdings viel zu selten auf. Über sie gibt es keine Statistiken, über ihre Lebensphilosophie wird nicht geredet. Wenn wir über den Islam reden, dann reden wir immer über Doktrinen.

Wir wollen scheinbar nicht akzeptieren und verstehen, dass man im Westen gläubig sein und gute Arbeit leisten kann, ohne sofort den Glauben zu thematisieren. Wir sind auch keine Muslime des Westens, wir werden nicht hier gezüchtet.

Wir sind Muslime IM Westen und finden hier unseren eigenen Weg. Und in Subkulturen gelingt die Verständigung wunderbar. Denn hier geht es alleinig um Interessen; dem Interesse an Musik, Sport, Kunst, Philosophie, Literatur, Wirtschaft.

Ja, wir Muslime interessieren uns auch für andere Dinge als alleinig für den Islam. Lern uns kennen und finde es heraus. Aber noch besser, mach die Augen auf und erkenne uns, denn WIR sind wirklich überall.

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