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16/10/2014 10:00 CEST | Aktualisiert 16/12/2014 06:12 CET

Schwangerschaft nach einer Fehlgeburt: 5 Gründe, warum alles anders ist

thinkstock

Diesen Moment werde ich wohl nie vergessen. Ich saß im Wartezimmer meines Arztes und wartete gespannt auf den ersten flüchtigen Blick auf den Herzschlag meines Babys. Ich sah ihn schon vor meinem inneren Auge, ein winziges Flimmern auf dem Bildschirm, das sofort eine untrennbare Verbindung zwischen mir und dem Leben herstellen würde, das dort zart in mir heranwuchs. Niemals hätte ich mir vorgestellt, wie der Arzt mich ansieht und mit seiner klinisch-neutralen Stimme sagt: „Es tut mir Leid. Das Herz ihres Kindes schlägt nicht."

Dieser Moment hat mich die nächsten sieben Jahre und zwei Kinder begleitet. Eine Fehlgeburt ist eine Narbe, die niemals ganz verblassen wird. Egal, wie viel Zeit verstreicht, der Schatten dieses Verlusts ist immer präsent. Zu dieser Jahreszeit erlaube ich mir, die Trauer über den Verlust wieder hervorzuholen, denn jeden 15. Oktober ist in den USA und Kanada „Pregnancy and Infant Loss Remembrance Day". (In Deutschland wir dieser Tag „Tag der Erinnerung für Sternenkinder" genannt. Anm. d. Red.)

Es ist eine Zeit, in der man ans Licht der Öffentlichkeit tritt und andere wissen lässt, dass sie nicht allein sind. Und es ist die Zeit, in sich zu gehen - und sich bewusst zu machen, wie schnell manche Träume enden können, und wie schmerzhaft es ist, loszulassen.

Ein ungeborenes Kind zu verlieren war für mich sehr schwer. Aber was sich überraschender Weise auf manche Art als noch viel schwerer herausstellte, war nach diesem Verlust wieder schwanger zu sein. Überall in meiner Umgebung verkündeten Freunde glücklich ihre Schwangerschaft, gaben Baby-Partys, träumten von der Zukunft ihrer Kinder.

Auch ich wollte Freude über meine erneute Schwangerschaft fühlen. Aber tief in mir drin hatte ich unglaubliche Angst. Neun Monate lang war ich ein psychisches und emotionales Wrack - hin- und hergerissen zwischen der konstanten Angst vor Dingen, über die ich keine Kontrolle hatte, und besessen von Faktoren, von denen ich dachte, dass ich sie bewusst kontrollieren kann. Es gibt viele Gründe, warum die Schwangerschaft nach einer Fehlgeburt anders ist. Hier sind nur ein paar davon.

1. Angst vor dem Unbekannten.

Als ich mit meiner Tochter schwanger geworden war, sah ich meiner ersten pränatalen Untersuchung mit Panik entgegen. Die Erleichterung, einen Herzschlag zu sehen, gefror zu lähmender Angst, als mir mitgeteilt wurde, dass mein Progesteronspiegel niedrig war. Als ich die Verschreibung für die Zusatzmedikation ausfüllte, fühlte ich mich immer mehr in einen mir nur allzu bekannten Alptraum gefangen, aus dem es kein Erwachen gab.

Bei jedem Termin wartete ich auf meine Werte, so wie ein Angeklagter auf sein Urteil wartet. Ich fühlte mich in einem Körper gefangen, der nicht richtig funktionierte, und der das, was am Meisten zählte nicht schützen konnte. Selbst als ich es schon durch das erste Trimester geschafft hatte, hielten meine Zweifel weiter an. Jeder Moment war verschleiert von einem Vorhang aus Angst und Furcht.

2. Einsamkeit.

Von unserer ersten Schwangerschaft haben wir unseren Familien sofort erzählt. Es war Weihnachten, und wir haben gefeiert. Ich hätte mir niemals träumen lassen, einen Monat später die traurige Nachricht überbringen zu müssen.

Bei meiner nächsten Schwangerschaft wollte ich den selben Fehler nicht ein zweites Mal machen. Bevor wir es irgendjemandem erzählten, haben wir ziemlich lange gewartet, was mich einerseits in Sicherheit gewogen hat, aber andererseits auch einsam machte. Meine Schwangerschaft wurde zu einem Geheimnis, anstatt eine freudige Nachricht zu sein. Genau zu der Zeit, in der ich meine Familie und meine Freunde am meisten gebraucht hätte, behielt ich alles für mich.

3. Schuld und Selbstzweifel.

Aus der Sorge heraus, dass jede Fehlentscheidung meine Schwangerschaft frühzeitig beenden könne, habe ich während dieser Zeit oft meine Entscheidungen und Handlungen hinterfragt. Ich hatte Angst, bei einem Job-Event Stühle zu heben oder Familienmitgliedern zu helfen, ihr Gepäck die Treppe hoch zu tragen. (Eine Position, in der ich mich befand, weil ich zu große Angst hatte, jemandem von meiner Schwangerschaft zu erzählen.)

Wenn man eine Fehlgeburt hatte ist die Vorstellung wahnsinnig verlockend, dass man Kontrolle über sein Schicksal übernehmen kann, indem man alles „richtig" macht - allerdings ist man auch am Verlust selbst schuld wenn man etwas „falsch" macht. Diese Last wiegt schwer.

4. Morgenübelkeit.

Die meisten Frauen fürchten sich vor Morgenübelkeit. Ich dagegen habe mich danach gesehnt. Ich habe mich verzehrt nach Anzeichen, dass alles in mir „normal" lief. Ich wollte verzweifelt spüren, dass mein Baby da ist, wächst und sich wie erwartet entwickelt. Dass die Morgenübelkeit bei mir ausblieb fühlte sich wie eine Bestrafung an. Jeder Moment, an dem mir nicht schlecht war, war eine Erinnerung daran, wie wenig ich von dem was da in mir vorging, begriff - und wie wenig Kontrolle ich darüber hatte.

5. Angst davor, mich zu freuen.

Eine ganze Zeit lang habe ich mich dabei ertappt, wie ich jede Aussage zu meinem Baby mit den Sätzen versehen habe: „Falls wir es durch die Schwangerschaft schaffen" und „Falls das Baby geboren wird". Ich hatte Angst davor, zu viel Vorfreude auf das Kind zu empfinden. Es war mir unangenehm, die Ausstattung für das Kinderzimmer und Babystrampler zu kaufen, ja ich drückte mich sogar davor, an Namen für das Kind zu denken.

Wenn ich jetzt daran zurückdenke, wünsche ich mir, ich hätte die Zeit mehr genießen können. Aber meine Wunden waren noch frisch. Ich konnte mich keiner Hoffnung hingeben, die auch zu einem weiteren gebrochenen Herzen hätte führen können.

Erst irgendwann im neunten Monat begann ich zu entspannen, und hoffnungsvoll den Moment herbeizusehnen, an dem ich mein Baby in meinen Armen halten würde. Ich ersetzte das „falls" mit einem „wenn". Als meine Tochter geboren wurde, wusste ich, dass wir für einander bestimmt waren. Aber so selig ich über meine Kinder bin, wenn ich von der Fehlgeburt von Freunden höre, dann ist das wie ein Messerstich in mein Herzen.

Ich bin froh, dass es einen Tag im Jahr gibt an dem man sich diesem Thema widmen kann. Einen Tag, an dem die Menschen auch ihre Trauer zu so einem schwierigen Thema teilen und mitteilen können. Es ist genau diese Offenheit - mit anderen Menschen, die so ein Schicksal schon erlitten hatten - die mir geholfen hat, diese langen neun Monate zu überstehen. Hoffentlich wird diese Offenheit auch noch anderen helfen, das Licht am Ende des Tunnels zu finden.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf dem Blog Mommy A to Z Folge Mommy from A to Z auf Facebook und Twitter.

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