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12/10/2015 12:02 CEST | Aktualisiert 12/10/2016 07:12 CEST

#keepintouch: Internet für Flüchtlingsunterkünfte!

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Plädoyer eines Gastarbeiterkindes für ein weltoffenes Deutschland

Ich habe das erste Mal in meinem Leben eine Petition gestartet. Und ich bin überwältigt, wie viel Unterstützung mir für sie zuteil wird. Mein Engagement für Flüchtlinge und die Change.org-Petition für Internet in Flüchtlingsunterkünften ist Frau Resi (Theresa) Rahn gewidmet. Sie ist meine Inspiration, um anderen Menschen das zukommen zu lassen, was Resi Rahn mir und meiner Familie ermöglicht hat.

Gastarbeiter waren letztendlich auch Wirtschaftsflüchtlinge

Ich hatte das Glück, dass meine Eltern, die aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen waren, in der Nachbarschaft der Familie Rahn wohnten. Gastarbeiter waren letztendlich auch Wirtschaftsflüchtlinge. Sie sind ihrer Armut entflohen. Ihre Reise und Flucht ist natürlich nicht mit denen der Flüchtlinge zu vergleichen. Wir durften damals mit dem Flugzeug nach Deutschland fliegen, weil die Industrie-Unternehmen diese Menschen als Arbeiter brauchten.

Tante Resi freundete sich mit uns Gastarbeitern an

Das Ehepaar Rahn, ihr bereits erwachsener Sohn Bert und meine Familie kamen sich im Laufe der Jahre näher. Es entstand eine verwandtschaftliche Bindung. Resi wurde von uns Tanti genannt, weil sie nicht Oma genannt werden wollte, ihr Mann war „Opa" und ihr Sohn Onkel Bert. Wir haben gegenseitig keinen Unterschied bemerkt, wenn wir zusammen waren. Wir verbrachten gerne und viel Zeit zusammen.

Ein Kontakt kann ein ganzes Leben verändern

Dieser eine Kontakt hat den Unterschied für mein Leben gemacht. Für mein Urteilen über Deutschland und die Deutschen. Ich verdanke dieser Familie, dass ich mich von Anfang an wohlfühlte und willkommen. Ein einziger freundschaftlicher Kontakt kann alles verändern. Ich würde mir wünschen, dass jede deutsche Familie nur eine ausländische Familie zu ihren Freunden zählt. Oder natürlich umgekehrt. Aber dann bräuchten wir noch einige mehr Familien aus dem Ausland.

Hinschauen, kennenlernen, aktiv werden

Aber nur durch diesen einen Kontakt wäre ein Verstehen, ein Respektieren, Neugierde und voneinander Lernen möglich. Dann wäre diese Begegnung ein Geschenk. Dieser eine Kontakt ermöglicht ein ganz anderes Leben als ohne diese Verbindung. Das zunächst Fremde verbunden mit Neugierde und Wertschätzung bereichert! Eröffnet neue Möglichkeiten für beide. Da findet Angst nicht mehr statt. Man sieht den Menschen hinter dem Bild eines Fremden, das man zunächst gemalt hatte.

Viele meiner Freunde möchten sich für geflüchtete Menschen engagieren. Wie und wo kann ich das? - diese Frage beschäftigt sie derzeit. Und das freut mich sehr und ich ermutige sie, sich für die Begegnung mit Menschen, die geflüchtet sind, zu öffnen, damit sie die gegenseitige Bereicherung erfahren können.

Ich war unsicher, was mich in einem Flüchtlingsheim erwartet

Ich lernte bei einer Schulung für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe Timo Toppel kennen, der mir anbot, mit ihm Flüchtlinge in einer Flüchtlingsheim zu besuchen. Er war regelmäßig dort, um den Menschen Kleidung und Spielzeug vorbei zu bringen. Bei meinem ersten Besuch war ich unsicher, was mich erwartet. Und das betraf mehr meine Angst, etwas Falsches zu tun, als das ich Angst vor den Menschen hatte. Und natürlich war ich gespannt, wie es in einem Flüchtlingsheim aussieht.

Kein Bad, kein WC

Die erste Familie, die ich kennenlernte, wohnte in einer Baracke ohne Bad und WC. Die Wohnung bestand aus einem kleinen Zimmer. Die Luft da drin war stickig, weil auch drin gekocht wurde. Das Baby, das die Mutter auf der Flucht noch im Bauch getragen hatte, war krank. Die kleine Tochter von zwei Jahren hatte kaum Kleidung und erst recht kein Spielzeug. Nein, ich möchte dort nicht leben müssen - weder in der Baracke, noch in einer der Wohnungen. Dort leben zwei Familien eng an eng, Bad und Küche teilend, mit fremden Menschen und das über lange Zeit hinweg.

Kein Internet bedeutet große Schwierigkeiten

Ich bin froh, dass ich mich selbst darüber informiert habe, auch wenn es nur dieses eine Flüchtlingsheim ist. Ich kann nicht für alle Unterkünfte sprechen, was die Wohnsituation angeht. Eines haben aber haben sie gemeinsam. Sie verfügen bundesweit nahezu alle nicht über Telefon- und Internetzugänge. Damit habe ich nicht gerechnet. Immer wieder führt das zu Schwierigkeiten, wenn ich diese Menschen unterstützen möchte.

Sprachkurse im Internet

Ein Beispiel: Die Verständigung ist durch die Sprache eingeschränkt, auch wenn wir auf beiden Seiten sehr bemüht sind. Die Anzahl der Deutsch-Stunden reicht mit vier Stunden die Woche bei weitem nicht aus, um unsere Sprache schnell zu lernen. Die Qualität der Kurse (Lehrer und Lernmaterial) ist dabei sehr unterschiedlich, entsprechend auch der Lernerfolg.

Die Ressourcen um noch mehr Deutsch-Unterricht zu geben, sind nicht da. Meine Unterstützung ist derzeit mit vier und mehr Stunden die Woche vor Ort und zusätzlich zuhause beim Aufsetzen von Briefen und Telefonaten so intensiv, dass ich das nicht zusätzlich leisten kann. Mit Lernprogrammen auf entsprechenden Internet-Plattformen wäre eine wirkliche Hilfe für die Verständigung durch schnelles Lernen der deutschen Sprache gegeben.

Ansprechpartner, Adressen, Öffnungszeiten können Flüchtlinge nicht herausfinden

Ohne Internet und Festnetz sind Flüchtlinge für die Kommunikation auf die teuren Prepaid-Tarife angewiesen. Das führt zu sehr eingeschränkter Kommunikation, auch mit mir. Weil sie sehr sparsam sein müssen mit ihren geladenen Karten. Ansprechpartner, Adressen, Öffnungszeiten oder einen gebrachten Kinderwagen können sie nicht herausfinden. Für uns ist das alles selbstverständlich. Aber wie würden wir heute ohne diese Möglichkeiten zurecht kommen? Wie würden wir einen Arzt finden?

Wie bleibst du mit deinen Liebsten im Kriegsgebiet in Kontakt?

Wie würden wir den Kontakt mit unseren Liebsten halten, wenn sie noch im Kriegs- oder Krisengebiet feststecken? Wie würden wir erfahren, was in dem Land, aus dem wir geflohen sind und unsere Familien zurückgelassen haben, passiert? Was würden wir ohne Internet und die Möglichkeit frei zu telefonieren tun? Wir wären stark eingeschränkt. Und das ist auch das, was mit diesen Menschen passiert, in den Unterkünften.

Wir schränken Flüchtlinge unnötig in ihrem Zurechtfinden ein

Wir schränken sie in ihrem Bedürfnis, Kontakt mit ihren Familien zu halten ein. Ich sage, wir sollten Verbindungen schaffen - #keepintouch - und wer könnte das besser, als die großen Telekommunikationsanbieter? Daher zeichnet meine Petition auf Change.org an die Deutsche Telekom und andere: Für einen respektvollen Umgang mit diesen Menschen muss die bisherige Einschränkung der Kommunikation aufhören.

Meine Petition auf Change.org: www.change.org/keepintouch

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not


#refugeeswelcome: Dieses Video widerlegt die drei größten Vorurteile in der Flüchtlingsdebatte

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