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27/01/2017 07:36 CET | Aktualisiert 28/01/2018 06:12 CET

Ich bin alleine mit meinem Baby im Flugzeug verreist

gettystock

Auf und davon

Als kinderloses Paar ist das Verreisen aufregend und vor allem so leicht. Verlängertes Wochenende? Wir fahren weg! Deprimierender Winter? Karibik, wir kommen! Hast du Fernweh, Schatz? Weg sind wir. Wollen wir dem Alltag entfliehen? Dann los! Irgendwann wurden wir Eltern, trotzdem ist die Lust zum Verreisen nie erloschen, aber das allererste Mal, das man mit einem Baby verreist, nun ja, es braucht viel an Vorbereitung. Warum? Weil ich mich überhaupt nicht damit auskenne, darum. Unsere Tochter ist heute über 1 Jahr alt und wir sind insgesamt sieben Mal mit ihr verreist. Manchmal bin ich auch alleine mit ihr unterwegs, aber das allererste Mal ist unvergesslich ... Sie war damals erst 28 Tage alt, aber ich musste unbedingt nach Kuwait und konnte / wollte sie nicht da lassen. Ihr Kinderarzt in Wien gab mir das Okay zum Fliegen. Zwei Punkte habe ich beachten müssen: Beim Take-Off und der Landung: Stillen, oder die Flasche geben. Hauptsache sie saugt an etwas. Der zweite Punkt: Sollte neben mir jemand sein, der viel niest oder hustet, dann sofort wegsetzen. Gut, hört sich machbar an.

Kein Babykörbchen für mich

Unsere Flüge gingen von Wien nach Istanbul. In Istanbul würden wir 3 Stunden auf den Flieger nach Kuwait warten, da es keine Direktflüge gibt. Die Herausforderung: Meine Tochter und ich waren alleine. Ich hatte sie in einer Trage an mich gebunden und beim Boarding schlief sie - Gott sei Dank. Einer der Vorteile wenn man Kinder hat: Sie lassen dich zuerst in den Flieger. Es ist ganz egal, wie lang die Warteschlange ist, wenn du ein Kind hast, oder im Rollstuhl sitzt, darfst du die anderen Passagiere ganz arrogant überholen und ihnen mit einem Lächeln über dein ganzes Gesicht auch noch winken, wenn du als Erste in den Flieger gehst. Ich hatte einen jener Sitze mit einem Bassinet (Babykörbchen) nicht mehr bekommen. Das sind jene Sitze, die genau hinter der Businessklasse sind. Sie haben nicht nur das erwähnte Babykörbchen, worin dein Baby schlafen kann, sondern einfach viel mehr Platz. Du kannst in diesen Sitzen tatsächlich deine Beine ausstrecken. Und für die Schlemmermäuler unter euch: Auch das Essen bekommt man an diesen Sitzen als Erster. Nun ja, diesen Luxus sollte ich nicht haben. Ich quetschte mich und meine Tochter (die eh an meine Brust geschnallt war) in einen der regulären Sitze für ganz magere Menschen. Tja, ich, der Wal, hatte es nicht so angenehm dort - mit Baby.

"Schnallen Sie sich an"

Kurz vor dem Take-Off kommt ein gut aussehender Flugbegleiter und meint, ich solle bitte mein Baby und mich anschnallen. Nun, sie klebt schon an meinem Oberkörper, noch angeschnallter kann sie nicht sein. "Wenn sie den ganzen Flug durchschläft, dann ist das okay und Sie brauchen nur sich selbst anzuschnallen", sagt er und wedelt dabei graziös mit seinem Arm. Ich nahm ihm den Extragurt für Babys ab und wünschte mir insgeheim, sie würde tatsächlich durchschlafen. Denn ich habe keine Ahnung, was ich tun würde, sollte sie aufwachen und drauflos schreien. Was soll ich tun, wenn ihr Geschrei so laut ist, dass mich die anderen Passagiere mit bösen Blicken bestrafen und ich meine Tochter nicht zum Schweigen bringen kann? 2017-01-26-1485422558-1155441-201701251485353356771610613835463_1456712194355074_1014915638_othumb.jpg Habe ich überhaupt genug für sie eingepackt? Kann man denn für Babys genug einpacken? Was, wenn ich zu viel eingepackt habe? Nennt mich Rabenmutter! Ich habe keine Ahnung, was ich tue. Oh mein Gott, jetzt ist sie auch noch wach. Schlaf doch bitte wieder ein. Gut, sie entscheidet sich also dazu wach zu bleiben. Ich binde sie von der Babytrage los und mit dem Sicherheitsgurt an. Eine Sache war mir als Mama nie zu peinlich: Öffentlich zu stillen. Ich habe sie im Flieger sobald sie wach und angeschnallt war, gestillt. Die zwei Sitze neben mir waren nicht besetzt. Eine ältere Dame, blond, groß, schlank, wunderschön, war auf dem Weg zur Toilette und warf einen Blick auf mich. "Oh nein, wie süß ist das denn?! So ein liebes Putzi. Darf ich es halten? Ich habe schon zwei Enkelkinder müssen Sie wissen. Ich kenne mich aus mit Babys." Ich wollte ihre Euphorie nicht im Keim ersticken und versprach ihr, sie dürfe meine Tochter halten, sobald ich diese gestillt habe. "Na dann, warte ich hier." Mit "hier" meinte sie wortwörtlich, "hier", neben mir. Sie saß neben mir, starrte meine blanke Brust an und lächelte mich nonstop an. Naja, ein dauerhaftes Lächeln ist immerhin besser als tadelnde Blicke. Als ich ihr meine Tochter gab, dauerte es keine Viertelstunde und sie gab sie mir schlafend wieder zurück, mit den Worten "gern geschehen". Engel - es gibt sie tatsächlich und wie in allen Filmen sind sie blond und makellos. Ich hätte diese Frau abbusseln können, so dankbar war ich, dass meine Tochter wieder eingeschlafen ist.

What happens in Istanbul, stays in Istanbul

In Istanbul angekommen, musste ich eine Sache ganz dringend: Aufs Klo. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Was mache ich jetzt mit meinem Baby? Wer trägt sie für mich, während ich auf der Toilette bin? Tja, ich war ganz auf mich allein gestellt, meine Tochter schlief in ihrer Trage, die ja fest an mich gebunden war. Genau so ging ich aufs Klo. Mit Baby in der Trage ließ ich die Natur rufen und ich antwortete, mit kleiner Begleiterin. Ich sah meine Tochter an und war heilfroh, dass sie sich niemals daran erinnern wird. Ich würde mich am liebsten auch nicht daran erinnern. Als ich am Waschbecken stand merkte ich, dass mich eine Frau beobachtete. Sie stand am Waschbecken neben mir, sah mich an und lächelte: "You will get used to it, it's only hard the first time", beruhigte sie mich, zwinkerte mir zu und ging. Dieser Engel hatte kurze braune Haare und drei Töchter. Nicht eine, oder zwei, sondern drei (!!!), davon aß eine Klopapier und summte ein Lied. Ich war mit den Nerven fertig, war hungrig und unausgeschlafen. Ich versuchte mich nicht mehr als nötig zu bewegen, damit ich meine Tochter nicht weckte. Irgendwann kam auch das zweite Flugzeug und ich wollte nur noch weg, mich umziehen, duschen und hinlegen.

Kotz on me baby one more time

Noch 4 Stunden bis zum Ziel. "Bleib stark", sage ich zu mir selbst und hoffe stark, dass die kommenden Stunden schnell vergehen. Neben mir saß ein arabisches Paar, ich kann aber nicht sagen, woher genau. Laila wachte auf und hörte nicht auf zu schreien. Na toll, bitte nicht jetzt, ich habe echt keine Energie mehr. Auch diesmal bot mir die Dame neben mir an, mein Kind zu halten. Eine innere Stimme sagte "nein" zu mir. Gib der Dame dein schreiendes Kind nicht, das ist deine Aufgabe. Die Dame bestand aber darauf. Meine Tochter machte dann so ein Gesicht. Es ist das Gesicht, das sie macht, genau bevor sie alles ausspeit, was sie getrunken hat. Genau in diesem Moment riss mir die Dame mein Kind aus dem Arm, weil sie mir helfen wollte. Nun ja, das ging wohl in die Hose, oder in diesem Fall, auf die Abaya (traditionelle arabische Robe für Frauen). Die sündhaft teure Abaya der Frau, war nicht mehr blau und schimmerte in Gold, sie hatte nun einen Hauch von der Farbe Elfenbein mit ekelhaftem Geruch. Ich habe mich tausende Male bei ihr entschuldigt, aber manchmal ist es einfach too late to say sorry. Auf magischer Art und Weise weinte aber mein Kind nicht mehr und ich war nicht angekotzt worden, für die Frau tat es mir unendlich Leid.

Relax Relax

Wir sind danach, auch als komplette Familie, sehr oft verreist. Nach Amerika, Ägypten, Österreich, Kuwait, Dubai und in andere Länder. Was habe ich gelernt? Lass die Leute reden, schauen, schimpfen und hab du deinen Spaß am Verreisen. Verliere diesen bitte nicht. Es gibt genug Leute, die dir Hilfe anbieten, nimm diese an, es ist okay.

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Kinder sind unterschiedlich, wenn es darauf ankommt, was du einzupacken hast. Wenn ich merke, dass ich zu wenig eingepackt habe, dann bekommt meine Tochter eben neues Zeug von dort, wo wir grad sind, was ja auch tolle Souvenirs sind. Packe ich zu viel ein, dann wird eine Kleinigkeit, dort wo wir sind, gespendet. Habe ich im Flieger einen Zusammenbruch, dann atme ich kurz ein, dann aus und nehme mich selbst nicht so ernst. "Go with the Flow" heißt es dann für mich. Von Mal zu Mal wird man besser, gelassener und je älter die Kinder sind, umso geschulter ist man selbst diesbezüglich. Die Liebe zum Verreisen ist etwas wunderschönes und wir haben beschlossen, unserer Tochter mehr zu zeigen, als ihr zu kaufen. Es braucht an Übung, aber es wird mit jedem Mal leichter. Dieser Blog erschien zuerst auf "Hotel Mama".Menerva Hammad ist oft auf Reisen und schreibt von alltäglichen Mama-Geschichten. Ihr Motto heißt "Du bist in diesem ganz normalem Wahnsinn nicht alleine" und richtet sich an alle Mütter und Werdende. Du kannst ihr auf Instagram folgen, sie freut sich immer über neue Leser.

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