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07/03/2016 08:51 CET | Aktualisiert 08/03/2017 06:12 CET

Wenn das Schicksal die Pause-Taste des Lebens drückt

Jupiterimages via Getty Images

"Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen." Dieser Satz stammt aus dem Lied Beautiful Boy, geschrieben und gesungen von John Lennon und trifft den Nagel auf den Kopf.

Wie stellte ich mir mit 15 mein zukünftiges Leben vor?

Beim Aufräumen einer Schublade fand meine Mutter einen alten Zettel, den ich einmal während meiner Schulzeit ausgefüllt hatte. Damals, ich war 15 Jahre alt, war unsere Klasse auf einem einwöchigen Lehrgang, in dem wir alles rund um das Bewerben für einen Ausbildungsplatz lernten.

Eine Aufgabe bestand darin, einen Zettel auszufüllen, in dem es darum ging, wie wir uns unser Leben in 10 Jahren und in 50 Jahren vorstellen

Der erste Teil begann mit den Worten "Heute haben wir den 18.09.2005, der Wecker klingelt...". Ich beendete den Satz mit den Worten:

"Ich stehe auf und mache mich für die Arbeit fertig. Nachdem ich gefrühstückt habe, mache ich mich auf den Weg zur Arbeit ins Büro. Ich arbeite von 8:00 - 17:00 Uhr und fahre dann nach Hause. Dort mache ich mir etwas zu Essen und mache dann den Haushalt. Später treffe ich mich evtl. noch mit Freunden."

Teil zwei begann mit den Worten "Heute haben wir den 18.09.2045,...". Meine Ausführung zu dieser Aufgabe war folgende:

"Wenn ich wach werde, stehe ich auf und frühstücke. Dann mache ich etwas im Haushalt. Danach gehe ich meine Enkel besuchen und esse bei ihnen zu Mittag. Nachmittags gehe ich nach Hause, mache etwas zu essen und schaue fern. Am Abend telefoniere ich mit Freunden."

Vorstellung trifft auf Realität

Wenn ich heute, im Jahre 2016, diese Zeilen lese, ist mein erster Gedanke, dass, wäre mein Leben so verlaufen, mein größtes Problem mein Übergewicht wäre.

Das Leben das ich mir für das Jahr 2005 vorgestellt hatte, hatte ich in etwa einige Jahre lang. Genauer gesagt bis zu meinem 24. Lebensjahr. Denn da im Jahre 2004 brach bei mir die Erkrankung ME (Myalgische Enzephalomyelitis) aus, wodurch sich mein Leben um 180 Grad drehte. Die Erkrankung machte mich zum bettlägerigen Pflegefall.

Das Leben kann man nicht planen!

Das Leben kann man nicht planen, da man nie weiß, was im Leben alles passiert. Es kommen gute Dinge, es können aber auch schlechte Dinge passieren. Dinge, die von einer Sekunde zur anderen das alte Leben nehmen und dich in ein komplett neues Leben katapultieren, ob du das möchtest oder nicht. Das ist das wahre Leben, und nicht das, was man plant.

Wenn die Pause-Taste gedrückt wird und das Leben stoppt

Drückt man bei einem Lied die Pause-Taste, dann stoppt die Musik, aber die Welt dreht sich weiter. Genau so ist es auch, wenn dein Leben, wie das bei mir passiert ist, durch eine unheilbare Krankheit, die dem Körper vor allen Dingen die körperliche Kraft raubt, verändert. Dann wird dein Leben auch auf Pause gestellt.

Die Welt dreht sich weiter. Die Menschen in Deinem Umfeld gehen arbeiten, heiraten, gründen Familien, feiern ihren Geburtstag, Weihnachten, gehen ins Kino, zum Tanzen und machen all das, was du auch gemacht hättest. Gleichzeitig lebst du selber wie in einer Blase, durch die du zwar deinen Mitmenschen zuschauen kannst, wie sie ihr Leben leben, aber du bist nicht mehr ein Teil davon.

Was früher selbstverständlich war, wird zum unlösbaren Problem

Doch das Leben steht auch bei anderen, wirklich wichtigen Dingen, auf Pause. Dinge, an die man als Mensch, der davon nicht betroffen ist, nicht unbedingt denkt. Wenn man körperlich zu krank ist um einen Krankenhausaufenthalt ohne Gesundheitsverschlechterung zu überstehen, dann werden auch die ganzen Vorsorgeuntersuchungen oder akut behandlungsbedürftige Dinge zu einem großen Problem, vielleicht sogar zu einem Ding der Unmöglichkeit.

Letztendlich kann es jeden treffen, zu jeder Zeit

Man hat immer unterschwellig den Gedanken, was ist wenn.... Was ist, wenn ich Zahnschmerzen habe? Was ist, wenn ich etwas akutes habe und ins Krankenhaus müsste? Was ist, wenn meine Angehörigen mich nicht mehr pflegen können oder zeitweise ausfallen?

Manchmal, wenn ich beispielsweise einen Artikel über Gefängnisse lese, dann denke ich mir: Wow, die Gefangenen haben Hofgang oder die Insassen können regelmäßig Besuch empfangen. Das kann ich nicht. Meine Erkrankung hat mich zum Einzelhäftling gemacht.

Luxusprobleme gehören auch dazu

Ich gehöre zu den Frauen, die nicht wirklich gerne zum Friseur gehen. Das liegt daran, dass es mir mit meinen Haaren nie jemand recht machen kann. Mir hätte der weltbeste Friseur eine traumhafte Frisur zaubern können, ich hätte trotzdem erst einmal zwei Tage gebraucht, bis ich mich damit angefreundet hätte. Was für ein Luxusproblem.

Heutzutage schneidet mir mein Vater die Haare, wenn sie zu lang sind. Dinge, über die man als gesunder Mensch nicht nachdenkt werden plötzlich zu Herausforderungen, die möglichst schnell und effektiv gelöst werden müssen. Heute wäre ich heilfroh in einem Friseurladen sitzen zu können und dort die Haare geschnitten zu bekommen.

Man sollte Dinge im Leben trotzdem schätzen!

Ein weiteres Luxusproblem ist die Frage bezüglich Kleidung, die ich mir oft stelle. Wenn ich Modezeitschriften durchblättere, frage ich mich, was ich heutzutage tragen würde, wenn ich nicht bettlägerig wäre. Denn ich habe mich nicht weiterentwickelt, was meine Kleidung betrifft.

Abschlussgedanke

Und so geht die Liste immer weiter mit Dingen, die ich früher als selbstverständlich angesehen habe, die mich vielleicht sogar genervt haben, für die ich heute dankbar wäre. Man denkt solch ein Schicksalsschlag trifft nur andere Menschen. Doch letztendlich kann es jeden treffen, zu jeder Zeit.

Deswegen sollte man die Dinge im Leben, auch wenn sie vielleicht nicht perfekt erscheinen (wie beispielsweise ein neuer Haarschnitt), trotzdem schätzen oder sich zumindest ab und zu fragen, ob es die Sache wirklich wert ist, sich darüber aufzuregen.

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