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17/04/2016 14:23 CEST | Aktualisiert 18/04/2017 07:12 CEST

Nachspielzeit in Sachen Liebe

Caiaimage/Trevor Adeline via Getty Images

Dass Karlo sie verlassen hatte, bemerkte Sarah daran, dass eine andere Frau sein Mittagessen kochte. Diese stand in einem aufreizend kurzen Minikleid in ihrer Küche und hatte sich Sarahs alte Kochschürze umgebunden, die ihre Mutter ihr einmal aus Mangel an Kreativität zu Weihnachten geschenkt hatte.

Sarah roch den würzigen Geruch von angebratenen Zwiebeln, als sie am späten Vormittag in ihr Haus im Münchner Nobelstadtteil Grünwald trat. Ganz kurz fragte sie sich, ob Karlo etwa selbst kochte, aber sie verwarf den absurden Gedanken schnell wieder. Und als sie dann von der Diele in die große offene Küche trat, die an ein immenses Wohnzimmer angrenzte und an einen noch immenseren Garten, der von hohen Hecken und einem Sichtschutzzaun umgeben war, sah sie die andere.

Sie hatte lange, fast schwarze Haare, verbrachte offensichtlich viel Zeit unter einer Sonnenbank und hatte ihren schlanken, kurvenreichen Körper in beeindruckend wenig Kleidung gezwängt.

Noch bevor Sarah sich nur annähernd erklären konnte, wer diese merkwürdige Erscheinung war und was sie ausgerechnet in ihrer Küche zu suchen hatte, öffnete diese ihre pluderigen, perlmuttglänzenden Lippen und sagte: »Du musst Sarah sein.« Ihre dunkle Stimme passte so gar nicht zu ihrem Erscheinungsbild, aber an ihr passte auch sonst nichts richtig zueinander, fand Sarah.

Sie selbst stand dort mit ihren notdürftig zum Zopf gebundenen Haaren, ihrer Jeans in Bundweite 32 und einem Baumwoll-Sweatshirt, auf dem »Rock it, Baby« stand, und kam sich merkwürdig farblos neben der aufgetakelten Tussi vor.

»Was tun Sie in meiner Küche?«, fragte sie schließlich und hörte selbst, dass ihre Stimme panisch klang.

»Ich soll dir von Karlo sagen, dass er erst mal keinen Bock mehr auf dich hat. Er ist noch beim Training, und wenn er nach Hause kommt, will er dich hier nicht mehr sehen.« Sie sah Sarah mit hochgezogenen, zu schmal gezupften Augenbrauen an. »Sorry, ich bin nur der Überbringer schlechter Nachrichten, erschieß mich nicht, okay?«

Sarah wusste nicht, was sie in diesem Moment mehr schockierte: die Überbringerin oder die Nachricht. »Und wer bist du?«, brachte sie dennoch hervor.

»Sherry«, sagte das Wesen, kam einen Schritt auf Sarah zu und hielt ihr eine Hand mit glitzernden falschen Fingernägeln entgegen. Sarah hätte sich später dafür ohrfeigen können, aber sie war nun mal ein höflicher, freundlicher, gut erzogener Mensch. Also nahm sie die Hand voller Plastik und drückte sie kurz, wobei ein Geräusch entstand, als ob man zwei Playmobilmännchen aneinanderrieb. Ein »erfreut« konnte sie sich gerade noch verkneifen.

Sherry verschränkte vor Sarahs Schürze, vor ihrem massiven Busen, ihre dünnen Arme und legte den Kopf schief. »Ich bin 'ne Freundin von Karlo, und in der Not sind Freunde füreinander da. Mehr kann ich zu der Sache nicht sagen, nur, dass du weg sein sollst, wenn er nach Hause kommt.«

Im Flur sah sie die Tasche. Sie war pink und glitzernd und offensichtlich nicht nur für eine Nacht gepackt. Sie gehörte ohne jeden Zweifel Sherry.

Wo sie hingehen würde, wenn sie die wenigen Dinge, die hier wirklich ihr gehörten, in einem Koffer in ihren alten Opel Corsa geworfen hatte? Sarah hatte keine Ahnung.

***

Der Tag, an dem Serge Mavie verließ, war einer, an dem der Himmel strahlend blau war und es gleichzeitig aus ein paar dicken, dunklen Wolken regnete.

Mavie stand am Fenster und blickte auf die Dachterrasse mit den vertrockneten Geraniennestern darauf, die sie seit langem hatte entsorgen wollen. Sie spürte die Sonnenstrahlen auf ihrem Gesicht, hörte das Prasseln des Regens auf den Steinfliesen draußen, sah den Regenbogen hoch über der Stadt, der mit seinen leuchtenden Farben den Eindruck zu erwecken versuchte, dies sei ein Tag für Lila, Orange, Gelb und Rosa.

Serge stand einige Meter hinter ihr, sie hatte kurz verdrängt, dass er hier war, so sehr hatte sie sich auf das Naturschauspiel draußen konzentriert. Sie hörte, wie er mit seinen Schuhspitzen sachte gegen den Velourssessel stieß, wie er schwer ein- und ausatmete, mit seinen gepflegten Fingern sein unrasiertes Kinn massierte.

»Mavie, willst du denn gar nichts dazu sagen?«, fragte er schließlich, mit seiner dunklen, melodischen Stimme, auf seine typische, liebevolle Art.

Man hätte meinen können, er hätte ihr einen Heiratsantrag gemacht und ihr nicht soeben mitgeteilt, dass er nach 14 Jahren Ehe im Begriff war, seine Sachen zu nehmen und zu gehen. Aber das war eben seine Art - selbst die schlechten Dinge auf eine schöne Weise anzusprechen. Fürs Streiten war Serge nicht gemacht. Er wollte das hier sauber und friedlich zu Ende bringen.

Mavie konnte nicht antworten. Vielleicht würde sie ihre schönen roten Locken zerzausen, ihr akkurates Make-up verschmieren oder die teuren Pumps mit den roten Sohlen an ihren Füßen, die Serge ihr erst vor wenigen Wochen von einer Geschäftsreise mitgebracht hatte, ausziehen und nach ihm werfen. Sie würde das stumme Einvernehmen, in dem sie gelebt hatten, zerstören. Sie würde sie beide in eine Situation bringen, die ihnen sehr unangenehm wäre und von der sie sich nie wieder erholen würden.

Also drehte sie sich einfach nur um, ging wie ferngesteuert auf Serge zu, drückte ihm einen sanften Kuss auf die kratzige Wange, roch sein herbes Aftershave, von dem sie auf den Cent genau wusste, was es kostete, weil sie es jahrelang für ihn gekauft hatte, und hauchte »Leb wohl«. Dann ging sie, die Hüften schwingend, auf ihren hohen Schuhen, in ihrem perfekt sitzenden Etuikleid, mit ihrem perfekten 38-jährigen Körper, der anscheinend nicht mehr jung genug, nicht mehr perfekt genug für Serge war, Richtung Wohnungstür und hinaus in den sonnigen Regen.

Wenn sie später zurückkam, würde er seine wichtigsten Besitztümer in erstaunlich kurzer Zeit zusammengeräumt haben und mit ihnen aus ihrem Leben verschwunden sein. Sie war sich sicher, er würde dabei ein paar Tränen vergießen und sich mit einem wehmütigen, aber wohligen Gefühl von ihrem gemeinsamen Zuhause und ihrem gemeinsamen Leben verabschieden. Er hatte so viel Neues, Aufregendes vor sich, er würde nicht lange zurückblicken.

Vor ihr lag: nichts.

Ein Buchauszug aus dem Roman „Nachspielzeit in Sachen Liebe" von Meike Werkmeister:

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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