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03/01/2016 05:51 CET | Aktualisiert 03/01/2017 06:12 CET

„Schwestern" über den Tod hinaus...

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Mein Sohn ist acht und wurde bisher Gott sei Dank mit dem Thema Tod noch nie so wirklich konfrontiert. Er hat im Gegensatz zu vielen seiner Freunde noch alle Omas und Opas und sogar eine Ur-Omi. Sein Leben ist so heil und schön wie man es sich eigentlich nur vorstellen kann.

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Er weiß natürlich, was es bedeutet, wenn jemand tot ist, aber er hat es noch nie so erlebt, dass es seinen Alltag in irgendeiner Weise beeinflussen würde. Er weint, wenn er König der Löwen oder Bambi schaut, weil er ungefähr nachempfinden kann, was diese Wesen fühlen, aber wie es wirklich ist, das kann er noch nicht wissen.

Vor kurzem allerdings starb ein junges 18-jähriges Mädchen aus unserem Bekanntenkreis - genauer gesagt die Enkeltochter der besten Freunde von Matheos Oma - bei einem schrecklichen Verkehrsunfall.

Als meine Schwiegermama nachmittags am Telefon davon erfuhr, war gerade „Oma-Tag". Matheo war also vor Ort und sah seine Großmutter zum ersten Mal weinen. Auch er kannte das Mädchen - wie wir alle - und verstand, dass es endgültig weg sein würde. Für immer.

Matheo ist davon überzeugt, dass man mit Toten sprechen kann.

Seine erste Reaktion war, wie ich später erfuhr, seine Oma zu streicheln und ihr zu sagen, dass er sicher sei, dass sie nicht für immer weg sei, „denn immer, wenn ein guter Mensch stirbt, dann geht ein Stern dafür auf!" Matheo ist ausserdem davon überzeugt, dass man mit den Toten sprechen kann, wann immer man will. Ich glaube das auch.

Man kann sich vorstellen, dass das Thema Tod in den Tagen darauf auch in unserem Zuhause eine Rolle spielte. Es wurde natürlich darüber gesprochen, geweint, nachgedacht. Am meisten erstaunte mich aber, wie wunderbar die Sichtweise von Kindern gegenüber diesem Tabuthema ist.

Matheo ist so voller Überzeugung, dass tot sein trotzdem nicht richtig weg bedeutet. Er glaubt noch so fest an Magie und Wunder und an die Natur der Dinge und daran, dass alles so kommt wie es muss.

Selbstredend wäre es das Schlimmste der Welt für ihn, wenn es mich nicht mehr gäbe, aber er würde damit zurecht kommen irgendwie, denn Kinder sind so viel stärker als wir denken. Oder als ich denke. Daran glaube ich ganz fest, denn sie sind so herrlich in die Zukunft gerichtet.

Gemerkt habe ich das sehr deutlich als ich mit Matheo ein paar Tage nach dem furchtbaren Unglück ins Theater ging. Es lief zufälligerweise gerade ein Stück, in dem es genau darum ging, was uns seit Tagen beschäftigte: Liebe und Tod. Liebe über den Tod hinaus. Den Umgang mit dem Tod.

Das Stück „Schwestern" von Regisseurin Stefanie von Poser (z. B.: „Wer früher stirbt, ist länger tot!"), das derzeit im neu eröffneten Münchner „Hofspielhaus" aufgeführt wird, ist einfach nur toll!

Wie gekonnt es Stefanie von Poser in ihrem Regiedebut schafft diesem schweren Umstand eine humor-, aber vor allem hoffnungsvolle Seite zu geben, ist einzigartig für mich.

Nur wer vergessen wird, ist wirklich tot!

Ich habe in knapp 60 Minuten unter Lachen geweint und unter Tränen gelacht während ich den beiden Schwestern beim finalen Loslassen zusah. Um ehrlich zu sein: trotz all seiner Ehrlichkeit, Unverblümtheit und Direktheit ging ich getröstet hinaus. Ich wurde bestätigt in meinem Glauben, dass nur wer vergessen wird, wirklich tot ist!

Matheo war fasziniert von der ersten bis zur letzten Minute, hat aber im Gegensatz zu mir und dem ungefähr elfjährigen Mädchen eine Reihe vor uns keine einzige Träne vergossen.

Im Gegenteil - er lachte aus vollen Herzen als sich die beiden Schwestern auf der Bühne live „anfiesten" (ein Spiel, das mir bislang unbekannt war!) und so Sachen sagten wie: „Riesenkakerlake mit Kackstachel!" oder „Hässliche Schweißfußschnüfflerin" oder auch mal „Halt´s Maul!".

Das allerdings passiert so echt, so authentisch, so sensationell und mitreißend gespielt von den beiden Hauptdarstellerinnen Cornelia Pollak (Mathilde) und Nicola Trub (Zus), dass man vergisst, dass man in einem Theater sitzt, sondern eher glaubt, man sei per Zeitmaschine als Art „Mäuschen" in ein typisches Mädchenzimmer katapultiert worden und hört nun den beiden Schwestern beim liebevollen Streiten zu. Und so schlimm manche Schimpfarien für Mütterohren im ersten Moment sind, sie schwirren im Nachklang dennoch leicht wie eine Feder und völlig umbedrohlich durch den Raum.

Zus ist die Jüngere der Beiden und durch ein Unglück ums Leben gekommen. Mathilde, die Ältere, macht sich Vorwürfe und glaubt Schuld daran zu sein. Sie kann Zus nicht loslassen und so passiert es, dass die tote Schwester sie Nacht für Nacht im Kinderzimmer besucht - solange bis sie endlich gehen darf...

Mama, ich hätte den Beiden noch ewig zuschauen können!

DAS, was dazwischen passiert, ist für den Zuschauer so kurzweilig und herzergreifend, dass Matheo mir am Ende sagte: „Mama, ich hätte den Beiden noch ewig zuschauen können!"

Oder wie beschrieb es meine Freundin Eva vom Blog Stylepuppe so schön: „Das ca. 60-minütige Theaterstück, dass sich mit dem Tabuthema „Tod" beschäftigt, ist für Jugendliche, Erwachsene und Kinder ab 7 Jahren geeignet. Es ist ein Stück mit fröhlicher Leichtigkeit, das sich mit den wichtigen Themen der heutigen Zeit beschäftigt: Freundschaft, Sterben, Liebe, Loslassen."

So sehe ich das auch!

Auf der gesamten Rückfahrt haben Matheo und ich übrigens „Anfiesen" gespielt und so herzlich dabei gelacht, dass das Auto wackelte...

Die Autorin betreibt den Blog Mommies Use Side Door.

Lesenswert:

Wie konnte er das überleben?: Unkontrollierter Bus quetscht Mann mit parkendem Auto in den fast sicheren Tod

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