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01/01/2016 08:48 CET | Aktualisiert 01/01/2017 06:12 CET

„Heul leise Schatz, Mama hat ´nen Kater!"

Meike Genz

Hach, was war das früher schön!

Nach einer durchzechten Nacht bis in die Puppen gemütlich ausschlafen, danach einfach mal den ganzen Tag mit dem Freund im Bett liegen, fettige Pizza bestellen und stundenlang Filme auf DVD schauen.

Oder Ewigkeiten mit der besten Freundin telefonieren, um die Ereignisse der letzten Nacht bis ins kleinste Detail durchzukauen und dabei kichern wie blöde. Oder in der Badewanne lesen, wenn es sein muss, solange bis die Haut von allein abfällt. „Der Tag danach" wurde damals noch richtiggehend zelebriert...

Tja, so ein Kater mit Kind sieht da mal anders aus! Ganz anders:

Nach Kichern ist mir so gar nicht zumute als mich vorletztes Wochenende um acht Uhr morgens (gefühlt mitten in der Nacht, da ich erst um 5 Uhr heimgekommen war) ein Kissen volle Lotte im Gesicht trifft, begleitet von den schrillen Worten meines putzmunteren Sohnes:

„Aufstehen, Mamiiiii! Guten Morgeeeeeeen. Ich will Müsliiiiii!"

Aaaaah, mich trifft der Schlag, was ist los? Wo bin ich? Bin ich wach? Müsli?

Ich muss mich gleich übergeben, wenn ich nur an Müsli denke und frage mich innerlich, was wird passieren, wenn ich es gleich leibhaftig sehen muss?

Mein Mann bietet sich glücklicherweise von ganz alleine an, uns allen Frühstück zu machen. Ich sage ihm nicht, dass ich nullkommanull Hunger habe und lasse ihn ziehen. Matheo bleibt bei mir.

Mein Kopf pocht und schmerzt.

„Mamaaaa, wenn es heute Nacht geschneit hätte, leider hat es nicht geschneit, wären wir dann Schlittenfahren gegangen?", fragt er megaaaaaaaaaaalaut, während er auch noch auf dem Bett auf- und abspringt.

Das Gewackel bringt mich an den Rande eines Nervenzusammenbruchs. Mir dreht sich der Magen um.

Schnee? Schlittenfahren? Was? Lass mich doch bitte schlafen, Kind, wünsche ich mir. Ich bin so unfassbar müde, viel müder als das Müde, das mir bestens vertraut ist, seit wir Matheo haben.

Von draussen kommt nun ein Geräusch, das sich wie das eines Presslufthammers anhört, und zwar ganz einfach deswegen, weil es einer ist. Die Baustelle gegenbüber nervt schon seit Monaten jedes Wochenende!

So auch heute! Ganz besonders HEUTE!!!

Am liebsten würde ich rüber rennen und die Bauarbeiter anbrüllen, wie sehr ich sie verachte für den Lärm.

Das Engelchen auf meiner Schulter erinnert mich aber sogleich daran, dass niemand ausser mir selbst etwas dafür kann, dass ich mich fühle wie ich mich fühle. Und die Bauarbeiter am wenigsten.

„Wer feiern kann, kann auch arbeiten", höre ich plötzlich aus dem Nichts.

Shiiiiiit;-(((((( Was macht er denn jetzt hier?

Für alle, die es nicht wissen, DAS ist der Lieblingssatz meines Vaters gewesen. Dieser Spruch ist mir quasi ins Gehirn gebrannt, weil ich ihn in der Phase meiner Pubertät ständig gehört habe und jetzt höre ich ihn auch. Gott sei Dank aber nur in meiner wirren Vorstellung. Puuh. Mein Vater als Moralapostel hätte mir heute Morgen gerade noch gefehlt.

Ich muss trotzdem ganz ehrlich zugeben: ich habe diesen Satz selbst schon einmal gesagt! Und zwar zu unserer Tochter, als sie eine zeitlang abends viel ausging, aber morgens sehr wenig für die Schule aufstehen wollte. Was hab ich mich gehasst als ich mich selbst damals dabei ertappte, wie ich diese unglaublich spießige Weisheit losließ!

„Jetzt bin ich alt und wie alle anderen normalen Eltern", war mein erster Gedanke.

Dabei wollte ich doch immer so eine Hippie-Mama sein. Eine, die mit ihren glücklichen Kindern im Garten tanzt, inmitten von glücklichen Blumen und glücklichen Tieren und alles ist easy und überall herrscht peace.

Ich wollte mehr Freundin als Mutter sein und mehr Vertraute als Überwacherin. Doch wie so oft klappt das in der Vorstellung viel besser als in der Realität, und so kommt man manchmal nicht drum rum, doch die Eltern-Keule zu schwingen. Egal wie gechillt man eigentlich ist...

Tapfer schäle ich mich also aus dem Bett und denke über den Spruch nach. Welcher unsympathische, humorbefreite Mensch hat sich den eigentlich einfallen lassen? Das möchte ich ja gern mal wissen. Kann ja eigentlich nur einer sein, der sowie nie ausgeht und Spaß hat. Pah!

Kurz bevor ich die Vorhänge aufziehe, hoffe ich von ganzem Herzen, dass es draussen wenigstens aus Kübeln schüttet, wenn es schon nicht geschneit hat. Sofern es regnet, hab ich nicht einmal den klitzekleinsten Anflug von schlechtem Gewissen, sollte ich mich den ganzen Tag mit Mann und Kind im Haus verbarrikadieren. Es regnet nicht. Wäre ja auch zu schön gewesen.

Stattdessen scheint die Sonne und schreit mir förmlich ins Gesicht, dass dies ein wunderbarer Tag zum Rausgehen ist. Vielleicht ja der letzte in diesem Herbst, kommt gleich noch hinterher;-)

„Mama, wenn ein Laserstrahl, der heißer als die Sonne ist, die Sonne trifft, was passiert dann?"

Aha, Matheo ist in seinem Element. Kann der denn nicht mal für fünf Minuten einfach nix sagen? „Frag den Papa!", ist mein letzter Ausweg, um dieser Kommunikationshölle zu entgehen.

Ich brauch ´ne Aspirin. Schnell. Und einen Kaffee. Und eine Dusche, die sich am besten in einem Hotelzimmer befindet, in dem ich mich für mindestens acht Stunden vor meiner Familie verkriechen kann. Geht aber nicht!

Innerlich verfluche ich mich., dass ich mich gestern nicht an den Plan gehalten hatte. Spätestens um Zwölf wollte ich zuhause sein. Naja.. Aus einem Drink wurden ein paar mehr. Und aus 12 Uhr wurde fünf.

Selber schuld.

Kurz überlege ich, ob ich bei meinem Mann beichten soll, wie elend es mir wirklich geht und ihn bitten soll, mit Matheo so weit wie möglich wegzufahren.

ABER: mein Stolz lässt das nicht zu. Mein Mann ist nämlich sehr gut darin, einem solcherlei „Unzulänglichkeiten" später immer wieder auf seine ganz eigene lustige Weise unter die Nase zu reiben. Mit großer Freude und einem hämischen Grinsen tut er das. Wochenlang. Diese Blöße will ich mir nicht geben. Niemals!

Nach dem Duschen ist es nicht supergut, aber besser. Wenn nur der hämmernde Kopfschmerz verschwinden würde... Betont beschwingt betrete ich die Küche, wo mir mein Mann sofort einen Teller Rühreier unter die Nase hält. Ich würge sie mutig und mit einem strahlenden Lachen hinunter.

„Haha, ist das ein toller Tag, was können wir bloß unternehmen?", fragt er mich und ich bin kurz vorm Heulen.

Die Vorstellung jetzt irgendwo hinfahren zu müssen, jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich will lieber sterben als mich in ein Auto zu setzen. Weder als Fahrer noch als Beifahrer.

Dreißig Minuten später tu ich es doch und es ist wie erwartet eine Odyssee. Wo sind Wunder, wenn man sie braucht? Was soll ich sagen? Die Autofahrt ist eine einzige Prüfung.

Matheo redet ohne Unterbrechung, er kommentiert einfach alles. Jede Brücke, jeden Baum, jeden Vogel, jedes Schaf, jede Kuh (auf dem Weg nach Garmisch gibt es einige, nur mal by the way;-)) und fragt mir Löcher in den Bauch. Mir. Nicht seinem Vater. Warum nicht ihm? Der könnte ihm die meisten Sachen viel leichter beantworten als ich.

Doch unser Sohn hat mich als sein Opfer ausgesucht und so mache ich die beste Miene zum bösen Spiel, die ich hinkriege. Ich glaube ja grundsätzlich, dass Kinder ein Gespür dafür haben, wann man sie am wenigsten brauchen kann. Und GENAU DANN belagern sie einen umso lieber.

Ähnlich wie Katzen. Katzen belagern mich seit eh und je, schnurren um mich rum, reiben sich mit voller Inbrunst an meinem Bein und das alles nur, weil sie spüren, dass ich sie nicht leiden kann.

Okay, das stimmt so nicht ganz. Leiden kann ich sie schon, aber ich habe eine Katzenallergie. Leider.

Jede nähere Konfrontation mit einer Katze endet mit einem Asthma-Spray.

Heute habe ich jedoch eine Kinderallergie.

Diese schützt mich aber nicht davor immer und immer wieder „Ich sehe was, was du nicht siehst" spielen zu müssen - und das mindestens die Hälfte der gesamten Autofahrt.

„Ich sehe was, was du - Gott sei Dank nicht siehst - und das ist eine verkaterte Mutter", möchte ich spontan sagen. Aber ich tu´s nicht. Ich reiße mich am Riemen und schaue unbemerkt alle fünf Minuten auf die Uhr, um auszurechnen, wie lange es noch dauert bis ich endlich ganz offiziell ins Bett gehen darf.

Der ganze Tag ist eine riesige Herausforderung!

Schon allein deswegen, weil meine beiden Männer schnurstracks und frohen Mutes den Weg um den See entlang rasen, während ich schon nach zwei Minuten Fußweg aus dem letzten Loch pfeife. Bloß nix anmerken lassen, heißt die Devise.

NIE WIEDER ALKOHOL, das ist erste Mantra des Tages. IMMER LÄCHELN ist das Zweite. Ich hab nämlich keine Lust mich von meinem Mann aufziehen zu lassen, weil ich so eine jämmerliche Figur abgebe.

Als ich - huiiii wie lustig - einen Dreckklumpen von Matheo ins Gesicht geschleudert bekomme, lächle ich.

Auch als er unermüdlich mit mir raufen will (warum mit mir und nicht mit seinem Vater?), um - warum auch immer - anschließend minutenlang zu jaulen wie ein Wolf, lache ich und verkneife mir jedes bösartige Wort, obwohl ich schreien will: „Heul verdammt noch mal bitte leise, Schatz, ich habe einen Kater!"

Wie ich das Picknick am Wasser, das Klettern auf Bäume und das Zurückfahren im schaukelnden Auto überstanden habe? Keine Ahnung. Ich habe es geschafft.

Genau so wie früher, als ich manchmal direkt aus dem Club kurz heim zum Duschen bin, um dann direkt im Anschluss zehn Stunden lang zu arbeiten.

Allerdings war ich damals jung, es liegen da geschätzte 15 Jahre dazwischen und wieviel Zeit das wirklich ist, das merke ich nur allzu schmerzlich nach einem Tag wie diesem ;-)

Die Autorin betreibt den Blog Mommies Use Side Door.

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