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14/10/2016 12:36 CEST | Aktualisiert 16/10/2017 07:12 CEST

Auf Wiedersehen, mein Baby

Paul Vasarhelyi via Getty Images

Die Blutungen setzten am Sonntag ein.

Sie waren nur ganz schwach.

Ich weiß, dass Blutungen im ersten Schwangerschaftstrimester ein normales Symptom für eine normale Schwangerschaft sein können. Da ich mich jedoch mit Schwangerschaften auskenne und bereits zwei Kinder zur Welt gebracht habe, weiß ich auch, dass Blutungen bei mir nicht normal sind. Bei manchen Frauen sind sie jedoch normal. Manchmal wäre ich auch gerne eine dieser Frauen.

Also machte ich mir nicht allzu viele Sorgen.

Als ich am Montagmorgen aufwachte, waren meine Kleidung und mein Bettlaken voller Blut.

Riley kam früher von der Arbeit nach Hause und wir fuhren ins Krankenhaus.

Bevor wir den Schildern zur Ultraschallabteilung folgen durften, mussten wir uns in einem kleinen Büro anmelden. Auf den Bücherregalen standen Plastikpflanzen.

Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Ich rieb meine Finger aneinander, während die Frau mir lächelnd Fragen stellte.

"In Ordnung, Sie sind also über eine Preferred Provider Organization krankenversichert?"

"Ja."

Ich will mein Baby sehen.

"Als Notfallkontakt haben wir Ihren Mann eingetragen. Stimmt das noch?"

"Selbstverständlich. Ist das noch okay für dich?" Ich wende mich Riley mit einem Augenzwinkern zu.

Es ist ja auch sein Baby.

"Okay. Mal sehen, ob wir sonst noch etwas klären müssen ..."

Lebt mein Baby noch?

"Gut, dann sind diese Angaben hier also alle korrekt ..."

"Das sind sie."

Dieses Baby fühlte sich so richtig an.

"Alles klar. Dann gehen Sie beide jetzt links raus und folgen den Schildern in Richtung Ultraschallabteilung den langen Flur hinunter. Kurz vor dem Ausgang gehen Sie links, dann rechts und dann wieder links. Okay? Alles Gute."

Geht's dir gut, mein Baby?

Wir gingen den langen Flur entlang und ich hätte am liebsten direkt den Ausgang genommen. Stattdessen gingen wir links, dann rechts und dann wieder links. Wir mussten uns erneut an einen Schreibtisch mit einem Monitor setzen und uns anmelden, bevor ich mich endlich hinlegen durfte.

"Okay, ziehen Sie bitte Ihre Hose bis zu den Hüften herunter. Ein bisschen Gel auf den Bauch und los geht's."

Die Ärztin sagt kein Wort, während sie den Ultraschall macht.

Können Sie mein Baby sehen?

"Sie müssten jetzt bitte Ihre Blase entleeren. Die Toiletten sind ganz unten den Flur entlang. Wenn Sie wiederkommen, ziehen Sie bitte alles ab der Taille aus und decken Sie sich mit diesem Tuch zu. Ich komme wieder, sobald Sie fertig sind."

Riley fragt mich, ob er mitkommen soll. Er macht sich Sorgen um mich. Ich bin gleich wieder da.

Als ich auf der Toilette meine Unterhose herunterziehe, strömt das Blut aus mir heraus. Es ist mittlerweile ganz dick und es läuft schon über die Innenseiten meiner Oberschenkel, bevor ich mich überhaupt auf die Toilette setzen kann. Ich sehe hellrote Blutklumpen. Sie sind klein und waren vorher nicht da. Ich atme tief durch.

Das ist bestimmt nicht mein Baby.

Ich brauche ein paar Minuten, um mich sauber zu machen. Ich wische meine Blutspuren vom Toilettensitz und vom Boden auf. Während ich zum Untersuchungsraum zurückgehe, versuche ich mich innerlich anzuspannen, um den Blutstrom zu verringern. Ich habe Angst, dass ich die Ärztin mit Blut vollspritzen könnte.

Zurück auf dem Untersuchungstisch. Riley sitzt in der Ecke. Er sieht mich an und ich weiß, dass er genau versteht, was gerade in mir vorgeht. Doch als Mutter macht man sich permanent Sorgen um sein Kind - auch wenn man gerade dabei ist, sein Baby zu verlieren. Ich konnte diese Sorgen noch nie mit jemand anderem teilen. Ich schaue nach oben an die Decke.

Die Ärztin räuspert sich.

"Könnten Sie bitte Ihren Hintern anheben und beide Fäuste unter jeweils eine Pobacke legen? Ich sehe momentan leider noch nicht genug."

Das kann ich und das tue ich auch. Doch mitten in meiner Bewegung spüre ich, wie ein rotes Rinnsal aus mir heraus fließt und an meiner Hüfte herab läuft. Ich kann es nicht aufhalten. Ich entschuldige mich, doch ich weiß nicht, ob die Ärztin es überhaupt hört.

Hörst du mich, mein Baby?

Es muss ziemlich lächerlich aussehen, wie ich so daliege. Meine Arme und Beine beginnen zu zittern, während die Ärztin die Ultraschallsonde in mir hin und her bewegt und auf den Bildschirm starrt.

"Okay. Soll ich es Ihnen zeigen?"

Sie gibt mir einen Spiegel und ich darf zumindest eine meiner wackligen Pobackenstützen loslassen. Ich nehme den Spiegel in die linke Hand und halte ihn in Richtung des Bildschirms. Dabei versuche ich, meine Pobacken nun nur noch mit der rechten Faust zu stützen. Das ist gar nicht so einfach. Man muss sich auch über kleine Erfolge freuen können.

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Meine linke Hand zittert noch immer, als ich sie entlaste.

Ich sehe mein Baby nicht.

"Ich sehe hier Folgendes: Der Dottersack ist noch da. Und hier sieht man einen sehr kleinen Embryo. Doch er ist zwei Wochen kleiner als er sein sollte. Und falls es überhaupt einen Herzschlag gibt, ist er sehr langsam. Ich kann jedoch nicht wirklich sagen, ob es einen Herzschlag gibt. Im Moment sieht es so aus ... als wären Sie noch schwanger."

Werde ich das Baby behalten?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Da müssen Sie einen Frauenarzt fragen. Wir müssen weitere Untersuchungen durchführen. Morgen.

Als wir gehen, ist der Untersuchungstisch voller Blut. Ich schäme mich.

In den darauffolgenden zwei Tagen gab ich die Hoffnung nicht auf.

Ich lasse dich nicht los, mein Baby.

Doch irgendwann kam immer mehr Blut und ich hatte immer stärkere Krämpfe. Ich saß weinend auf der Toilette, während ich mein ungeborenes Kind verlor. Ich brauchte ein paar Minuten, um mich sauber zu machen. Um die Teile von dir und mir wegzuwischen, die auf den Toilettensitz und auf den Boden gespritzt waren.

Zum Glück waren die Kinder gerade in der Schule, als es passierte.

Es tut mir leid, dass ich dich nicht kennenlernen durfte, mein Baby.

Ich habe mich immer gefragt, warum die meisten Frauen nicht über ihre Fehlgeburt sprechen wollen. Ich hielt das immer für falsche Scham. Und zum Teil ist es das ja auch. Doch es ist auch noch etwas anderes. Als Mutter trauert man. Und man kann seine Trauer nicht teilen. Ich schaffe es nicht, in das andere Augenpaar zu blicken, das mich von der Seite her zu trösten versucht. Doch ich fühle diesen Blick auf mir ruhen. Ich weiß, dass ich verstanden werde.

Das reicht mir.

Ich hatte den ganzen Tag ferngesehen. Riley kam früher von der Arbeit nach Hause. Er ging mit den Mädchen Donuts essen. Ein Freund hatte uns Abendessen vorbeigebracht. An den Schüsseln klebte ein Zettel: "Lasst ja nichts davon übrig." Was für eine liebe Nachricht.

Wusstest du, dass man nach einer Fehlgeburt sogar noch fruchtbarer ist?

Mehr zum Thema: Wie ich lernte, dass ich nicht Schuld am Tod meines Sohnes bin

Und dass nach einer Fehlgeburt das Risiko nicht steigt, noch eine weitere zu erleiden?

Wusstest du, dass viele Frauen innerhalb von drei Monaten nach einer Fehlgeburt wieder schwanger werden?

Oder dass man sofort wieder versuchen kann, schwanger zu werden, sobald man keine Schwangerschaftshormone mehr im Blut hat?

Wusstest du, dass niemand Schuld an einer Fehlgeburt ist?

Wusstest du, dass ich nicht glaube, dass Embryos bereits eine Seele haben? Meine Trauer gilt also nur einer zarten Hoffnung und nicht der Realität, und das macht den Schmerz ein wenig leichter.

Wusstest du, dass man absolut nichts tun kann, um eine einsetzende Fehlgeburt vor der zwölften Woche aufzuhalten?

Ist dir klar, dass Fehlgeburten weniger stigmatisiert würden, wenn mehr Frauen darüber sprechen würden? Wenn sie mehr Unterstützung erhalten würden? Und mit Unterstützung meine ich Zuversicht, Liebe und Verständnis.

Wusstest du, dass Zuversicht, Liebe und Verständnis helfen?

Wusstest du, dass dein Körper ein wundersames Konstrukt ist und dass auch dieser Embryo ein wundersames Konstrukt war, und dass beide vermutlich gemeinsam festgestellt haben, dass der Embryo nicht hätte überleben können, weil die Chromosomen Abnormalitäten aufwiesen, die sein Überleben unmöglich gemacht hätten?

Das heißt, dass eine Fehlgeburt nichts mit einem Fehler zu tun hat, auch wenn der Ausdruck das vermuten lässt. Stattdessen kam vielmehr alles genau so, wie es kommen sollte.

Heute weiß ich diese Dinge.

Doch in dieser einen Nacht. In dieser einen Nacht, als ich hinter Riley die Treppen hinaufging, da musste ich mich am Geländer festhalten.

Mein Baby. Mein Baby, das am 12. Mai auf die Welt kommen sollte. Mein Baby, von dem die Mädchen bereits Bilder gemalt hatten und für das sie sich beim Abendessen gerne Namen überlegt hatten. ("Mama, geht das Baby dann mit mir in den Zoo? Wie findest du Hazel?") Mein Baby, das mein letztes Kind sein sollte. Bei dem sich alles so neu anfühlte wie bei meinem ersten Kind. Mein Baby, nicht das Kind, das ich später noch bekommen würde. Das Kind, das ich nie bekommen werde. Ich konnte sie schon riechen. Ich wusste, wie sie sich anfühlen würde und ich konnte sie schon spüren. Ich hatte oft ein flaues Gefühl im Magen wegen ihr und als sie verschwand, war mir schwindlig.

So, mein Baby.

Ich musste innehalten und mir ihren Geruch aus der Nase schütteln. Ich musste ihre Hände aus meinen Haaren nehmen.

Auf Wiedersehen, mein Baby.

Riley steht oben an der Treppe und sieht mich an. Er macht sich noch immer Sorgen um mich. Es tut mir leid, dass ich mir gerade keine Sorgen um ihn machen kann.

"Kommst du ins Bett, Meggi? Ist alles in Ordnung?"

Ja. Aber noch nicht ganz.

Dieser Blog erschien ursprünglich auf der Huffington Post USA und bei megconley.com und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(vr)